POLITIK
11/01/2018 19:43 CET | Aktualisiert 11/01/2018 20:16 CET

Experten warnen vor Zunahme von Suizidversuchen unter Flüchtlingen

Frustriert, verzweifelt, panisch: Warum es einigen Flüchtlingen in Deutschland derzeit besonders schlecht geht.

Andrea Borile / EyeEm via Getty Images
Die Verzweiflung unter Flüchtlingen in Deutschland nimmt zu, sagen Experten (Symbolbild).
  • Experten beobachten einen Anstieg von Suizidversuchen und Suiziden unter Flüchtlingen
  • Sie glauben: Der Druck auf die Verzweifelten hat zugenommen - vor allem in Bayern

“Wenn da morgens ein Junge auf dem Sofa sitzt, die ganzen Unterarme aufgeschnitten, alles voller getrocknetem Blut, dann musst du dir was einfallen lassen.”

Genauer: Julian Knaupp* musste sich etwas einfallen lassen. Der Sozialpädagoge aus Nordrhein-Westfalen arbeitet seit Jahren mit jungen Flüchtlingen. Es war sein Job, Aamun*, der da vor ihm saß, der Körper blutverkrustet, die Seele vom Leben massakriert, wenigstens so viel Mut zu machen, dass er therapeutische Hilfe annimmt.

Und dann die Behörden so unter Druck zu setzen, dass er diese Hilfe auch schnell bekommt.

Knaupp hat das geschafft. Ebenso wie sein Kollege. Dieser hat Behar* aus Afghanistan, der damals noch keine 18 Jahre alt war, das Messer aus der Hand gerissen, bevor der es sich in die Brust stoßen konnte.

Genaue Zahlen gibt es nicht

Andere Flüchtlinge hatten keine solchen Schutzengel.

Nicht der 22-jährige Afghane, der im Januar aus dem Fenster seiner Asylunterkunft im bayerischen Abensberg sprang. Nicht der junge Iraner, der sich in Münchner Abschiebehaft erhängte. Nicht der Nigerianer, der sich bei einer Tankstelle nahe München mit Benzin übergoss.

Es sind auffallend viele Suizide oder Suizidversuche unter Flüchtlingen öffentlich geworden in letzter Zeit. Genaue Zahlen darüber gibt es nicht.

Das Statistische Bundesamt weist für das Jahr 2015 mehr als 10.000 Selbsttötungen für Deutschland aus. Wie viele darauf auf Flüchtlinge entfielen, ist nicht erfasst. Und auch neuere Daten liegen nicht vor.

“Dabei wäre es wichtig, um einen Überblick zu bekommen”, sagt Silvia Schriefers, Psychotherapeutin von der Bundesweiten Arbeitsgemeinschaft Psychosozialer Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer (Baff).

Alarmierende regionale Entwicklungen

Denn Daten auf regionaler Ebene deuten schon länger auf eine bedenkliche Entwicklung hin.

Eine Anfrage der FDP in Niedersachsen an die Landesregierung im vergangenen Frühjahr ergab, dass zumindest bei den Kommunen, die Selbsttötungen dokumentierten, die Zahl der versuchten Suizide durch Flüchtlinge über die vergangenen Jahre stark stieg

Eine Landtagsanfrage der Grünen in Bayern zeigte, dass 2016 162 Flüchtlinge versuchten, sich umzubringen – laut den Grünen eine Verdreifachung gegenüber den Vorjahren.

“Die Zahl der Suizide nimmt zu”

“Unser Eindruck aus der Praxis ist: Die Zahl der Suizide und Suizidversuche unter Flüchtlingen nimmt zu”, sagt Therapeutin Schriefers.

Es gab über die vergangenen Jahre auf jeden Fall eine Zunahme von Suizidversuchen und Selbsttötungen. So viel lässt sich aus der Praxis sagen”, sagt Bernd Mesovic von der Organisation Pro Asyl.

Die Experten führen die Zahlen nicht allein darauf zurück, dass heute mehr Flüchtlinge in Deutschland leben als noch vor einigen Jahren. Für sie kommt viel zusammen.

Denn viele Flüchtlinge kommen schon mit viel Leid im Gepäck in der Bundesrepublik an. Da ist das, was sie in der Heimat erlebt haben.

Das Drama im Gepäck

Sozialpädagoge Knaupp erzählt, dass Behar, der sich erstechen wollte, von den Taliban als Kämpfer rekrutiert worden war, zusammen mit seinem Bruder. Der Bruder zertrümmerte sich bei einem Sturz das Knie, Behar bekam Schläge mit dem Gewehrkolben auf den Kopf.

Den beiden gelang es nach mehreren Versuchen, vor den Taliban nach Europa zu fliehen. Während eines nächtlichen Marschs durch einen bulgarischen Wald verschwand der Bruder. Seitdem hat Behar kein Lebenszeichen mehr von ihm bekommen.

“Viele Jugendliche haben auf ihrer Flucht nicht nur das Risiko der Reise erlebt, sondern auch sklavenähnliche Arbeitsverhältnisse, sexuelle Gewalt. Auf den Migrationswegen geht es ungeheuer brutal zu”, sagt Mesovic von Pro Asyl.

Papierkrieg um eine Therapie

Das prägt.

“Nach verschiedenen Studien leiden etwa 40 Prozent der Flüchtlinge unter ihren traumatischen Erlebnissen, etwa in Form posttraumatischer Belastungsstörungen”, sagt Baff-Therapeutin Schriefers. “Nicht alle von ihnen sind therapiebedürftig. Bei vielen von ihnen verbessert sich die Situation durch eine sichere Unterkunft, Ruhe, Rückhalt in der Religion oder der Community.”

38 Prozent der 15.000 Flüchtlinge, die sich an die Mitgliedszentren der Baff gewendet haben, erhalten dort eine Therapie. Der Bedarf wäre jedoch um einiges größer.

“Die Wartelisten bei uns sind lang. Es kann viele Monate dauern, bis jemand Hilfe bekommt”, sagt Schriefers. Ein Problem, das auch deutsche Patienten kennen.

Bei den Flüchtlingen kommt noch die Bürokratie dazu. “Für die meisten Patienten brauchen die Therapeuten einen Dolmetscher”, sagt Schriefers. Der muss beantragt werden.

► “Aber sobald ein Asylsuchender als Flüchtling anerkannt ist, gibt es einen neuen Kostenträger – und der Papierkrieg geht von vorne los.”

Die Zeit lässt alte Wunden wieder aufbrechen

Was die Suizid-Zahlen wohl auch in die Höhe treibt: Viele Flüchtlinge sind nun seit mehreren Jahren in Deutschland.

“Sie kommen aus einer Extremsituation hier an, verdrängen, manche geben sogar den Clown. Es ist der pure Überlebensmodus”, sagt Sozialpädagoge Knaupp. “Wenn sich dann Alltag einstellt, können die schrecklichen Erlebnisse wieder Oberwasser bekommen.”

Zum Beispiel dann, wenn sie in ihrer Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) über jedes traumatische Detail berichten müssen, um bleiben zu dürfen. “Sie müssen die Büchse der Pandora öffnen”, sagt Knaupp.

Außerdem stehen die Flüchtlinge unter Leistungsdruck, sich zu integrieren, sagt Psychotherapeutin Schriefers. “Aber je schlechter es ihnen psychisch geht, desto schwieriger ist es für sie, konzentriert zu lernen. Dies erschwert ihnen das Ankommen erheblich.”

Gleichzeitig merken viele, dass sie ihren Familien zu Hause nicht so schnell wie erwartet Geld schicken können.

Die Politik setzt aufs Damoklesschwert

Dazu kommt die politische Dimension: Deutschland arbeitet an einem härteren Kurs: striktere Abschiebepraxis, Einstufung weiterer Herkunftsländer als sicher, Rücknahmeabkommen mit diversen Staaten. 

Hinzu kommt die mangelnde Qualität der Asylentscheidungen – inzwischen kassieren Gerichte einen wesentlichen Teil der ursprünglichen Ablehnungen wieder ein.

“Sobald die Nachrichten in der Muttersprache der Flüchtlinge die Runde machen, bricht Panik aus”, sagt Mesovic. “Sie sind verunsichert, frustriert und verzweifelt.”

Beruhigende Worte helfen da nicht mehr, sagen die Experten. Durch Argumente ließen sich die Verzweifelten nicht beruhigen. “Die Bundesregierung hat ein Damoklesschwert aufgehängt. Es tut seine bedrohliche Wirkung, ohne dass es fällt”, sagt Mesovic.

► Besonders stark betroffen: Afghanen.

Das Drama der Afghanen

″Die meisten von ihnen leben aufgrund des langen Krieges schon länger in Unsicherheit als etwa Syrer”, sagt Stephan Dünnwald vom Bayerischen Flüchtlingsrat. “Das zermürbt.”

Außerdem laboriert die Bundesregierung an einer Regelung herum, die Menschen trotz der Unsicherheit im Land dorthin abzuschieben.

Mehr zum Thema: 9 Fakten, die jeder kennen sollte, der Abschiebungen nach Afghanistan für eine gute Idee hält

Afghanen können überall in Deutschland dann schneller abgeschoben werden, wenn sie nicht wie von den Behörden gefordert an der Feststellung ihrer Identität mitarbeiten.

Taktik in Bayern “wie ein mieses Lotteriespiel”

Dünnwald kritisiert: “Bayern legt diese Regelung extrem weit aus. Schon wenn ein Afghane vor Jahren auch nur einmal nicht sofort reagiert hat, wenn er sich afghanische Papiere besorgen sollte, gilt er in Bayern als ‘hartnäckiger Integrationsverweigerer’.”

Tatsächlich von der Abschiebung betroffen seien dann zwar nur wenige – aber “es ist wie ein mieses Lotteriespiel”.

► Deswegen seien Afghanen aus Bayern geflohen – nach Italien oder Frankreich, sagt Dünnwald. “Es gibt eine Sekundärflucht, wie man es nur aus Ungarn oder Bulgarien kennt.”

Die Bayerische Regierung schiebt die Schuld laut einem Bericht der “Süddeutschen Zeitung” Organisationen wie dem Flüchtlingsrat zu. Er verbreite falsche Tatsachen.

“Völlig absurd”, findet Mesovic von Pro Asyl den Vorwurf. Man könne nicht den Überbringer schlechter Nachrichten für den Inhalt verantwortlich machen.

➨ Mehr zum Thema: Die Abgeschobenen: So geht es drei Afghanen, die Deutschland verlassen mussten

Was helfen könnte

Eine Antwort auf das Suizid-Problem haben auch die Experten nicht. Es spielt so viel zusammen, dass wohl auch nur viele Maßnahmen die Situation entschärfen können.

Dünnwald fordert, man müsse die Integrationsleistungen besser anerkennen als bisher und sich nicht nur auf Abschiebung konzentrieren. Damit die Menschen wieder eine Perspektive bekommen. Etwas, für das es sich lohnt, zu leben, zu hoffen und sich anzustrengen.

Sozialpädagoge Knaupp fordert Familienzusammenführungen, wo immer es möglich ist, um den jungen Menschen die viel zu große Verantwortung und die quälenden Sorgen zu nehmen.

Aamun zum Beispiel, der sich die Unterarme aufgeschnitten hatte, war nicht damit fertig geworden, dass es seit Wochen keine Nachrichten mehr von seinem Vater gab.

Die afghanische Familie hatte schon vor vielen Jahren aus ihrer Heimat fliehen müssen und hatte sich im Iran über Wasser gehalten – ohne Chance, je legal arbeiten zu dürfen. Nun hatte die Polizei den Vater mitgenommen.

Hilfe, bevor es zu spät ist

Experten überall in Deutschland wünschen sich dringend mehr Therapeuten, die sich von Anfang an um die Flüchtlinge kümmern können. Zumal die EU-Aufnahmerichtlinie eindeutig festlegt, dass besonders schutzbedürftigen Menschen auch besondere Hilfe zusteht.

Es wird nie gelingen, allen Verzweifelten zu helfen. Aber für die Betroffenen und auch für die deutsche Gesellschaft wäre es ungleich besser, Traumata schnell zu behandeln. Und nicht erst dann, wenn sich einer ein Messer in die Brust rammen will.

Die HuffPost berichtet nur dann über das Thema Selbstmord, wenn es eine besondere gesellschaftliche Relevanz erlangt. Grund ist die große Gefahr, dass Verzweifelte die Taten nachahmen.

Wenn ihr selbst von dem Thema betroffen seid, holt euch Hilfe! Die Telefonseelsorge erreicht ihr rund um die Uhr unter den kostenlosen Nummern 0800-111 0 111 und 0800-111 0 222. Die Internetseite der Telefonseelsorge findet ihr hier

*Namen geändert

(jg)