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16/01/2018 20:42 CET

Experten warnen vor neuer Pilzerkrankung mit weltweit hohe Todesraten

40 bis 60 Prozent der infizierten Patienten sind an Candida auris gestorben.

Johner Images via Getty Images
Vor allem schwerkranke Krankenhaus-Patienten infizieren sich mit dem Hefepilz Candida auris.
  • Der gefährliche Hefepilz Candida auris verbreitete sich in den vergangenen Monaten in Großbritannien, Indien und den USA

  • Die Entschlüsselung des Erbgutes des Pilzes stellt Wissenschaftler vor neue Rätsel 

Eine neuartige tödliche Pilzinfektion beschäftigt Ärzte weltweit. Denn: Eine adäquate Behandlung gibt es bislang nicht – und die Todesraten sind extrem hoch.

Der Hefepilz Candida auris verbreitete sich in den vergangenen Monaten in den USA, Großbritannien und Indien. Experten rechnen auch für Deutschland mit einer Zunahme der Fälle.

Der Hefepilz tauchte offenbar erstmals im Jahr 2009 auf 

In Großbritannien sind vergangenes Jahr sogar mehr als 200 Patienten an Candida auris erkrankt, ganze Intensivstationen mussten deshalb geschlossen werden.

► Das deutsche Robert-Koch-Institut veröffentlichte daraufhin im September eine Warnung

► Zwar gibt es in Deutschland laut Nationalem Referenzzentrum für Invasive Pilzinfektionen (NRZMyk) erst Einzelfälle, aktuell sind es fünf.

“Es ist jedoch davon auszugehen, dass die Fallzahlen höher sind. Es gibt sicherlich Labors, denen der Erreger durchgerutscht ist”, sagte Zentrumsleiter Oliver Kurzai.

Der Hefepilz wurde 2009 erstmals in Asien nachgewiesen. Seitdem hat er sich Kurzai zufolge ungewöhnlich schnell weltweit ausgebreitet und bereits zu mehreren Ausbrüchen geführt.

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40 bis 60 Prozent der infizierten Patienten sind gestorben

► Wichtig ist: Für einen gesunden Menschen stelle der Pilz keine Bedrohung dar, sagte Kurzai.

► Betroffen seien bislang vor allem Patienten, die sich während ihrer Behandlung im Krankenhaus mit dem Erreger infizierten.

Vor allem für Menschen mit einem geschwächten Immunsystem, Diabetiker oder Frühgeburten ist der Pilz eine Gefahr – sie erleiden nach einer Ansteckung oft ein Multiorganversagen.

“Aufgrund der bislang vergleichsweise wenigen Fälle besteht allerdings noch kein klares Risikoprofil”, sagte Kurzai.

►Doch es gibt auch beunruhigende Daten aus den USA: Die die dortige Gesundheitsbehörde CDC hat – basierend auf den bislang vergleichsweise wenigen Fällen – festgestellt, dass etwa 40 bis 60 Prozent der mit Candida auris infizierten Patienten gestorben sind.

Ob der Pilz die Ursache war, lässt sich dabei allerdings meist nicht genau sagen, da es sich jeweils um schwerkranke Patienten handelte.

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“Das Wichtigste ist, dass man den Pilz erkennt”

► Was man derzeit weiß: Der Hefepilz, der gegen viele Anti-Pilz-Mittel resistent sein kann, kann zu Blutvergiftungen sowie Harnwegs- und Wundinfektionen führen.

Speziell für diesen Pilz typische Symptome seien bislang nicht erfasst, sagte Kurzai. Der Erreger sei nur im Labor identifizierbar.

► Aber: Viele diagnostische Labors seien noch nicht ausreichend auf den erst seit einigen Jahren bekannten Hefepilz vorbereitet. Auch medizinischem Personal ist der Erreger noch nicht ausreichend geläufig.

“Die aktuellen Standard-Verfahren für Pilzinfektionen erkennen diesen Hefepilz nicht. Im besten Fall zeigen die Tests nur, dass etwas nicht stimmt”, erklärte der Mediziner von der Universität Würzburg. Die Hersteller der Testverfahren seien nun am Zug und müssten die Datenbanken aktualisieren, auf denen die Tests basieren.

► “Das Wichtigste ist deshalb, dass man den Pilz erkennt.” Noch gebe es zudem keine Meldepflicht für Infektionen mit Candida auris.

 Die Entschlüsselung des Erbgutes stellt Forscher vor neue Rätsel

Auch an der Erforschung des Pilzes arbeiten Wissenschaftler fieberhaft. Bisher sei das Erbgut von Candida auris entziffert und analysiert worden, zitiert der “Spiegel” Michael Mansour vom Massachusetts General Hospital.

Doch die Erkenntnisse aus den bisherigen Erforschungen stellen Forscher vor neue Rätsel.

► Zum einen scheint es sich um einen neuartigen Erreger zu handeln.

Denn keine archivierte Pilzprobe, die vor dem Jahr 2009 entnommen wurde, habe Spuren von Candida auris enthalten. Forscher vermuten deshalb, dass der Hefepilz erst 2009 entstanden ist.

► Zum anderen zeigte die Entschlüsselung des Erbgutes, dass es offenbar vier verschiedene Stämme des Hefepilzes gibt. 

Das bedeutet, dass die Infektion nicht nur einen Ursprung hat, sondern gleich vier.

Das stellt die Forscher vor die Frage, warum und unter welchen Umständen sich diese Art der Pilzinfektion in unterschiedlichen Formen vor weniger als zehn Jahren entwickeln konnte.

Die Antwort darauf dürfte laut “Spiegel” wichtige Hinweise liefern, wie es möglich sein könnte, Candida auris Einhalt zu gebieten.

(cho)