POLITIK
18/12/2017 12:52 CET

Dieser Preis für Merkel ist ein Schlag ins Gesicht aller deutschen Frauen

Schwer nachzuvollziehen, dass ausgerechnet sie ihn bekommen hat.

TOBIAS SCHWARZ via Getty Images
Unter Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich die Lage für Frauen teilweise verschlechtert.
  • Angela Merkel wurde auf dem EU-Gipfel mit dem finnischen Equality Price ausgezeichnet
  • Er wird an Menschen verliehen, die sich für Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern einsetzen
  • Doch wer die Zahlen in Deutschland sieht: Den Preis hat Merkel nicht verdient

Seit zwölf Jahren ist Angela Merkel Bundeskanzlerin von Deutschland - und die mächtigste Frau der Welt. Seit zwölf Jahren hören Mädchen in Deutschland den Satz: “Du wächst in einem Land auf, in dem Frauen alles werden können - auch Bundeskanzlerin”.

Jetzt hat Merkel einen Preis bekommen - weil sie gezeigt habe, dass Frauen auch die höchsten Führungspositionen bekommen können, wie es in der Begründung unter anderem heißt.

Finnlands Ministerpräsident Juha Sipilä verlieh Merkel auf dem EU-Gipfel am Wochenende den International Gender Equality Price. Mit dieser Auszeichung ehrt Finnland Menschen und Organisationen, die sich besonders für die Gleichberechtigung der Geschlechter einsetzen.

Das Problem daran ist nur: Was Merkel erreicht hat, bleibt in Deutschland den meisten anderen Frauen verwehrt. Und das nicht zuletzt genau wegen der Politik der Kanzlerin.

Sie für den Einsatz für Gleichberechtigung zu ehren, ist nichts weiter als ein Schlag ins Gesicht aller deutschen Frauen.

Politik und Wirtschaft zeigen ein düsteres Bild

Denn seit Merkel an der Macht ist, hat sich für die Frauen in Deutschland kaum etwas verbessert - jedoch vieles verschlechtert.

Im aktuellen Bundestag sind nur 31 Prozent der Abgeordneten Frauen - so wenig wie das letzte Mal vor 19 Jahren. Die Zahl der weiblichen Oberbürgermeister ist von knapp 18 Prozent im Jahr 2008 auf zuletzt 8,2 Prozent zurückgegangen.

Frauen sind damit in der deutschen Politik so schlecht repräsentiert wie seit Jahren nicht - trotz einer Frau an der Spitze.

Ein ähnlich düsteres Bild bietet die deutsche Wirtschaft.

In den Vorständen der börsennotierten Unternehmen in Deutschland liegt der Anteil der Männer bei 93 Prozent. Es heißen sogar mehr CEOs Thomas oder Michael, als es Frauen in den Führungsriegen gibt.

Auch im Mittelstand sind nur vier Prozent der Vorgesetzten weiblich.

30 Prozent weniger Geld - für den gleichen Job

Und auch beim Gehalt müssen Frauen zurückstecken. Eine aktuelle Studie der Boston Consulting Group für das Wirtschaftsmagazin “Manager Magazin” hat ergeben, dass weibliche Vorstände rund 30 Prozent weniger Gehalt bekommen als ihre männlichen Kollegen. Bei gleicher Arbeit wohlgemerkt.

Das alles liegt nicht zuletzt an der schlechten Betreuungssituation in Deutschland. Nur 65 Prozent aller Schulen haben Ganztagsangebote.

Ein Land mit einem modernen Familienbild, in dem beide Eltern die Chance bekommen, sich beruflich zu entwickeln, hätte längst eine flächendeckende Kinderbetreuung für den ganzen Tag eingerichtet - von der Kita bis zur Schule.

Mehr zum Thema: In Deutschland regiert die mächtigste Frau der Welt - und doch hat das Land ein Frauenproblem

Deutschland hingegen hat in der Ära Merkel die Herdprämie eingeführt, ein Zuschuss ausgerechnet für Mütter, die Zuhause bleiben.

Ja, es hat unter Merkels Kanzlerschaft auch Fortschritte gegeben. Seit 2016 gilt die Frauenquote von mindestens 30 Prozent für Aufsichtsräte von gut 100 börsennotierten und mitbestimmungspflichtigen Unternehmen. Das Elterngeld Plus, das alle erhalten, die während der Elternzeit wieder mit der Arbeit beginnen, wurde eingeführt. 

Merkel hat mit dem Fortschritt nichts zu tun

Und es gab weitere Bemühungen: Ex-Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) wollte mit einem Gesetz zur Offenlegung der Gehälter an der Schließung des Gender-Pay-Gaps arbeiten. Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) will es Frauen gesetzlich ermöglichen, von der Teil- in die Vollzeit zurückzukehren.

Wichtige Schritte auf dem Weg zur Gleichberechtigung - da sind sich Frauenrechtlerinnen einig.

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Aber: Merkel hat damit sehr wenig zu tun. Die Vorschläge kamen alle vom Koalitionspartner SPD. Teilweise hatten die Sozialdemokraten Erfolg, oft scheiterten sie, wie Schwesig mit der Offenlegung der Gehälter, an Merkels CDU. Herausgekommen sind lahme Kompromisse, die sich Merkel auf die Fahne schreiben kann - die den meisten Frauen in Deutschland aber kaum weiterhelfen.

Auch wenn Angela Merkel die mächtigste Frau der Welt ist - für Gleichberechtigung hat die Kanzlerin sich so gut wie gar nicht eingesetzt - und den International Gender Equality Price auch nicht verdient.

(lk)

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