WIRTSCHAFT
09/01/2018 13:25 CET | Aktualisiert 09/01/2018 17:52 CET

6 Zahlen zeigen, dass es mit der EU bergauf geht – doch ein Problem bleibt

#Euroboom.

ODD ANDERSEN via Getty Images
Friede, Freude, EU-Kuchen
  • Die politische Lage in Europa wirkt wie ein Desaster, die Zukunft der EU wird immer häufiger in Frage gestellt
  • Dabei zeigt ein Blick auf die wirtschaftliche Entwicklung der Union: Dem Bündnis geht es so gut, wie lange nicht mehr

Es ist ein eigenartiger Zug der globalen Wirtschaft, dass sie im Stande ist, die politischen Geschehnisse in der Welt zu konterkarieren.

In den USA zerlegt Donald Trump vor den entsetzten Augen der Weltbevölkerung das politische System, die US-Wirtschaft aber eilt von Rekord zu Rekord. 

Und in Europa? Brexit-Chaos, Flüchtlingskrise, peinliches Koalitionsgeplänkel in Deutschland – und trotzdem ein wirtschaftlicher Aufschwung, den es so seit einem Jahrzehnt nicht mehr gegeben hat. 

► Hier sind 6 Zahlen, die allen Europäern Hoffnung machen können – und ein Problemfall, der uns dennoch Sorgen bereiten muss. 

1. Das größte Wachstum seit zehn Jahren

Im Herbst 2016 prognostizierte die EU-Kommission für die gesamte Union ein durchschnittliches Wachstum von 1,6 Prozent. Sie schrieb von einem erwarteten “moderaten Wachstum in schwierigen Zeiten”

Und lag damit deutlich daneben. 

Denn schon im Herbst des vergangenen Jahres war klar: Das Bruttoinlandsprodukt der EU wird 2017 so stark wachsen, wie seit einem Jahrzehnt nicht.

► Die EU-Kommission geht mittlerweile von einem Wachstum um 2,2 Prozent aus. Ein echter Euroboom

2. Das beste Geschäftsklima aller Zeiten

Das überraschend starke Wachstum und der Boom an der Börse wirken sich in der EU auch positiv auf das Geschäftsklima aus.

Der von der Europäischen Kommission erhobene Business Climate Indicator liegt mit einem Wert von 115,9 Punkten auf dem höchsten Niveau seit 1985.

Unternehmer geben in dieser Umfrage an, wie optimistisch oder pessimistisch sie das Geschäftsklima in Europa in der nahen Zukunft bewerten.

► Für die Eurozone (also: den Verbund aller Länder, in dem der Euro als Währung genutzt wird) liegt er sogar bei 116 Punkten - dem höchsten Wert aller Zeiten. 

3. Die Stärke der deutschen Wirtschaft

Das Zugpferd der positiven Entwicklung in Europa ist und bleibt die deutsche Wirtschaft. Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) geht für 2017 inzwischen von einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts um 2,3 Prozent aus.  

► Ein gewichtiger Grund: Die enorme Produktivität der deutschen Industrie. Von November 2016 bis November 2017 steigerte sie ihre Produktion um 5,6 Prozent.  

4. Der Aufstieg des Sorgenkindes Rumänien

Zum Euroboom tragen aber auch diejenigen Staaten bei, die zuletzt als Sorgenkinder der EU galten – so etwa Rumänien. 2007 wurde das Land Mitglied der EU und galt lange als Armenhaus der Union.

Auch heute leiden laut der Nachrichtenagentur Bloomberg noch fast die Hälfte aller Rumänen unter materiellen oder sozialen Entbehrungen. Doch die Lage im Land beginnt, sich zu verbessern. 

► Zehn Jahre später ist die rumänische Wirtschaft die am schnellsten wachsende Europas

Schon im zweiten Quartal 2017 meldete das Land eine Steigerung des Bruttoinlandsproduktes um 5,7 Prozent, für das gesamte Jahr wird mit einem Wachstum jenseits der 6 Prozent gerechnet.

Mehr zum Thema: In diesen 6 EU-Ländern scheiterten Rechtspopulisten bisher - was wir davon über den Umgang mit der AfD lernen können

5. Der Turnaround in Spanien

Zahlen, von denen die spanische Wirtschaft derzeit weit entfernt ist. Doch trotz der Katalonien-Krise geht es auch im gebeutelten Spanien langsam wieder bergauf. 

Das Wachstum betrug 2017 laut der OECD etwa 2 Prozent und lag damit etwa im EU-Durchschnitt. Positive Tendenzen sind aber vor allem in zwei Bereichen zu erkennen: 

► Seit Mitte 2010 haben es die spanischen Haushalte und Unternehmen laut der OECD geschafft, ihre zusammengenommenen Schulden um 55 Prozent Anteil des spanischen Bruttoinlandsproduktes zu senken.  

► Ein weiterer positiver Trend: Seit 2013 sinkt die Arbeitslosenquote in Spanien kontinuierlich, von damals über 25 auf nun 16,4 Prozent

Ein immer noch viel zu hoher Wert, der unter der jungen Bevölkerung noch dramatischer ausfällt. Dennoch zeigen die obigen Zahlen: Der Absturz in Spanien ist zunächst einmal gestoppt, der Turnaround scheint greifbar nah. 

6. Der vorsichtige Optimismus in Griechenland

Ein Schritt, vor dem auch Griechenland stehen könnte. 2017 ist das Bruttoinlandsprodukt des Landes das erste Mal seit zehn Jahren wieder deutlich gewachsen, um 1,76 Prozent.  

Auch die Arbeitslosigkeit im Land sinkt seit langer Zeit erstmals wieder, liegt jedoch noch immer bei exorbitanten 20 Prozent

Dennoch sprach Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras angesichts der wirtschaftlichen Wende Anfang des Monats von einem “Meilenstein auf dem Weg aus der Krise“.

► Ein Optimismus, der auch in der EU geteilt wird.

Klaus Regling, der Chef des Euro-Rettungsfonds ESM, sagte schon im Februar 2017, er gehe davon aus, dass Griechenland schon Mitte 2018 “auf eigenen Beinen steht und sich selbst Geld am Markt besorgen kann.”

Das große Problem

Doch während es in Ländern wie Griechenland, Spanien und Rumänien (langsam) bergauf geht, versinkt ein EU-Land in der Krise: Italien. 

Italiens Bürger sind frustriert, und das liegt auch an der schwächelnden Wirtschaft. Diese wuchs im vergangenen Jahr mit ca. 1,5 Prozent unter EU-Durchschnitt, die Arbeitslosigkeit liegt weiter bei über 11 Prozent. 

Im November beschrieb die “Wirtschaftswoche” Italiens Entwicklung als “Trauerspiel”. Noch immer liege etwa das Vorkrisen-Einkommensniveau in weiter Ferne. 

► Im März wird nun im Land südlich der Alpen gewählt.

Die Aussichten sind katastrophal: Italien droht eine Rückkehr des Skandalpräsidenten Silvio Berlusconi  – oder eine Koalition aus radikalen rechten und linken Parteien

Die Wahl könnte somit in einem offenen Konflikt mit der EU münden. Laut einer Umfrage des Politikmagazins “Politico” wünscht sich bereits jetzt eine knappe Mehrheit der Italiener unter 45 einen Austritt aus dem Staatenbündnis. 

Mehr zum Thema: Wenn Europa scheitert, scheitert es in Italien

Noch erscheint ein Austritt Italiens aus der Europäischen Union unwahrscheinlich – doch er ist nicht mehr unmöglich. So oder so könnte Italien die EU in eine politische Krise stürzen. 

Dann wird sich zeigen, ob die boomende EU-Wirtschaft dieser tatsächlich etwas entgegenzusetzen hat. 

(lp)

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