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Eine Erzieherin packt aus: Das passiert wirklich, nachdem ihr euer Kind in der Kita abgegeben habt

Das ist Kinderbetreuung heute.

17/12/2017 12:53 CET | Aktualisiert 18/12/2017 09:57 CET

(Eine Zusammenfassung seht ihr im Video oben)

Wenn Du glaubst, es sei schwer, sich um ein Kleinkind mit schlechter Laune zu kümmern, dann probiere es mal mit elf von ihnen. In einem Raum.

Und sie alle zahnen, schreien, beißen, kratzen, weinen und haben volle Windeln. So viele stinkende, volle Windeln.

Und jetzt müssen diese Kinder gefüttert, schlafen gelegt und gewaschen werden. Sie brauchen frische Windeln und wollen dann glücklich und zufrieden den Eltern wieder übergeben werden - und zwar mit all ihren Besitztümern, die sie ständig aus ihren Taschen holen und im Bücherregal und den Schränken verstecken.

Klappt das nicht, dann stell dich auf wütende Eltern ein, die dich für eine verlorene Puppe oder eine Beule am Kopf ihres Kindes verantwortlich machen, die einfach daher rührt, dass das Kind eben ein Kind ist.

Es lastet ein immenser Druck auf uns Erziehern

Das ist Kinderbetreuung heute. Ein Berufsfeld, auf das die meisten Menschen inzwischen eher herabblicken. Was viele dabei vergessen oder einfach übersehen ist die Tatsache, dass wir Erzieher sind.

Es lastet ein immenser Druck und die Verantwortung auf uns, jeden Tag für jedes Kind zu sorgen und uns um seine komplizierten und individuellen Bedürfnisse zu kümmern.

In meiner Gruppe alleine habe ich Kinder mit Gluten- und Laktoseunverträglichkeit, Vegetarier, Kinder mit ADHS und Kinder mit einer schweren Allergie gegen Eier, Nüsse und Soja.

Und dann sollen wir den Kindern natürlich auch noch etwas beibringen - was nicht immer einfach ist.

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Kleinkinder müssen Zahlen lernen, Buchstaben, Formen, Farben, Tiere, bestimmte Ausdrücke, Manieren, Selbsthilfe, motorische Fähigkeiten (grob und fein), Hygiene, Zahnhygiene, Empathie, Emotionen... und das ist erst der Anfang.

Anders als in anderen Erziehungssektoren müssen wir in der Kleinkindbetreuung nicht nur wissen und verstehen, wie wir die individuellen Bedürfnisse und Interessen eines Kindes verstehen können - wir müssen auch auf diese Interessen eingehen, indem wir für jedes Kind individuelle Aktivitäten zusammenstellen. Jeden Tag.

Wir müssen planen. Wir müssen mit den Kindern arbeiten. Kennt ihr die schreienden, beißenden, widerwilligen Kinder? Genau die meine ich.

Jetzt hast du also endlich elf Kleinkinder soweit, dass sie ruhig sind und für einen Moment zusammen sitzen, selbst wenn das bedeutet, dass Bubby, Fluffy, Blankie, Nanny, Dummy, Ellie und Baba zum Einsatz kommen (Schnuller).

Ja, wir arbeiten auch am Abend und an den Wochenenden. Unbezahlt

Du beeilst dich und fängst schnell mit den Übungen an, hältst die Kinder konzentriert und bei Laune. Aber Moment, da klingelt grade das Telefon. Schon wieder.

Es ist Tims Mutter, die fragt, ob Tim auch alles aufgegessen hat. Ja, hat er. Wir haben sogar genau aufgeschrieben, was und wie viel er zu Mittag gegessen hat. Es steht auf der Mahlzeiten-Karte, die wir jeden Tag für jedes Kind ausfüllen und den Eltern überreichen.

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Habe ich die Dokumentierung erwähnt? Wir müssen alles dokumentieren. Und ich meine damit wirklich alles.

Nicht nur, damit Tims Eltern genau wissen, was er den ganzen Tag lang gemacht hat (er hat mit einem Flummy gespielt, er hat gelernt bitte zu sagen, um 11.13 Uhr war er auf dem Töpfchen), sondern damit wir auch belegen können, dass unsere Arbeit erfolgreich ist.

Jeden Tag schreiben wir eine Tagesreflektion auf. Damit soll belegt werden, dass unsere Arbeit Kultur, Nachhaltigkeit, die Kinderinteressen, internationalen Unterricht, Eltern- und Gemeindearbeit, Prinzipien, bestimmte Praktiken und eine gewisse Philosophie abdeckt und die gesetzten Lernziele erreicht werden.

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Diese Dokumentation muss jedes Kind erfassen und natürlich jede Menge fröhliche Fotos beinhalten.

Macht der Lehrer mit Hochschulabschluss das auch? Unsere Erwartungen an einen Lehrer in der Schule sind die, dass er einen vom Kultusministerium festgelegten Lehrplan plant und umsetzt, aber wusstet ihr, dass wir das auch tun? Das sind die Frühlernrichtlinien.

Ich brauche jeden Tag eine Stunde, um diese Reflektion zu schreiben und ich schreibe schnell. Und wir müssen diese Reflektion schreiben, während die Kinder schlafen.

Wir machen in dieser Zeit also nicht einfach eine lange Pause. Tatsächlich ist das sogar besonders stressig, dann das ist die einzige Zeit des Tages, in der wir den Bericht schreiben können und die Kinder in meiner Gruppe schlafen meist nur ca. 40 Minuten. Jeden Tag nehme ich einen Berg von Arbeit mit nach Hause.

Ja, wir arbeiten auch am Abend und an den Wochenenden. Unbezahlt. Denn wie sonst könnten wir die drei Lernberichte für jedes einzelne Kind detailliert dokumentieren - und das jeden Monat?

Erzieher haben eine harte Ausbildung durchlaufen

Ich habe vielleicht elf Kinder in meiner Gruppe, aber die Arbeit fühlt sich an wie für 23 Kinder. Wann in meinem Acht-Stunden-Tag bleibt mir Zeit dafür, wenn ich den Kindern in dieser Zeit auch noch etwas beibringen und auf sie eingehen soll?

Und dazu kommen noch die tägliche Reflektion, eine kritische Reflektion und ein individueller Wochenplan für jedes Kind. Außerdem muss ich Material für die Aktivitäten zusammenstellen und diese planen.

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Es gibt noch viel mehr, dass dokumentiert werden muss - jeden Tag - aber der Gedanke daran macht mich schon müde.

Erzieher haben eine harte Ausbildung durchlaufen und auch wir halten Elternabende ab, ganz genauso wie Lehrer an einer Schule.

Auch müssen wir alle zwei Monate außerhalb der Arbeitszeiten in unserer Freizeit eine unbezahlte Fortbildung belegen, um zu garantieren, dass wir in der sich ständig ändernden Politik und den damit verbundenen Vorschriften und Richtlinien auf dem neusten Stand sind.

Wir wischen, wir saugen, wir waschen einen Berg von Geschirr, wir desinfizieren das Spielzeug

Um zu garantieren, dass wir die Besten auf diesem Gebiet sind. Kinderschutz, sicheres Schlafen, ganzheitliches Lernen, ein inspirierendes Lernumfeld, Epilepsie. Wir haben das alles schon durch.

Und das Saubermachen! Wir wischen, wir saugen, wir waschen einen Berg von Geschirr, wir desinfizieren das Spielzeug, wir machen die Toiletten sauber, wir machen die Wäsche, kümmern uns um den Garten, wir fegen, wir füttern die Tiere der Kita. Wir halten die gesamte Einrichtung selbst in Stand. Jeden Tag.

Aber das Wichtigste an unserer Arbeit? Wir kümmern uns.

Wir lieben die Kinder als wären es unsere eigenen. Und das ist der einzige Grund, aus dem ich jeden Tag wieder zur Arbeit erscheine.

An unseren Händen klebte der Speichel, das Erbrochene, der Kot, der Urin und der Rotz deines Kindes. Wir haben uns bei deinem Kind mit Krankheiten angesteckt. Wir haben die Arztrechnungen und die Medikamente selbst bezahlt und glaub’ mir, die Krankentage in diesem Jahr waren eine ganze Menge.

Der Stress wirkt sich auf unser Privatleben, unsere Beziehung und unser Energielevel aus

Und das alles hat auch an meinem Körper Spuren hinterlassen. Der Stress wirkt sich auf unser Privatleben, unsere Beziehung und unser Energielevel aus.

Und ich bitte dich, einmal einen Erzieher oder eine Erzieherin zu finden, die noch kein eigenes Geld für Material aufgebracht hat, weil die Gelder für die Kinderbetreuung so niedrig sind.

Unsere Einrichtung bekommt monatlich 250 Dollar (umgerechnet etwa 235 Euro), das nur so zur Info. Aber wir sind hier, weil wir unsere (eure) Kinder lieben. Wir wollen, dass ihre ersten Schritte im Leben stark und voller Selbstvertrauen sind, dass sie geliebt werden und sich in der Welt zurechtfinden.

Aber du kannst nicht abstreiten, dass wir total überarbeitet, ignoriert und vor allem massiv unterbezahlt sind.

Ich kannte mal einen Mann, der den ganzen Tag nur auf einer Baustelle die Türen des Aufzugs für die Arbeiter aufhielt. Er bekam fast 300 Dollar pro Tag. Er nannte es einen “netten Zeitvertreib”. Fast 300 Dollar am Tag, fünf Tage die Woche.

Und jetzt frag mich mal, wie viel ich verdiene.

Dieser Artikel erschien zuerst in der HuffPost Australien und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.