POLITIK
31/12/2017 16:13 CET | Aktualisiert 31/12/2017 16:28 CET

Eine Karte zeigt, warum die Proteste im Iran anders als in der Vergangenheit sind

Der iranische Nobelpreisträgerin Shirin Ebadi sieht "den Anfang einer großen Bewegung".

Anadolu Agency via Getty Images
Demonstranten in Teheran am 30. Dezember
  • Auch am vierten Tag hintereinander gehen Menschen in zahlreichen iranischen Städten auf die Straße
  • Beobachter erwarten, dass die Protestwelle erst am Anfang steht 

Was am Donnerstag als lokale Demonstration in Maschhad im Nordosten des Irans begann, hat sich mittlerweile zu einem Flächenbrand in der gesamten Islamischen Republik ausgeweitet.

Auch am Sonntag, dem nunmehr vierten Tage hintereinander, versammeln sich die Menschen an zentralen Plätzen der großen Städte und machen ihren Ärger über steigende Preise und die Wirtschaftspolitik der Regierung von Präsident Hassan Ruhani Luft.

Für die iranische Friedensnobelpreisträgerin, Juristin und Menschenrechtsaktivistin Shirin Ebadi ist das Aufbegehren im Iran erst “der Anfang einer großen Bewegung”, die größer als bei den Demonstrationen im Jahr 2009 werden könnte. Das sagte sie der italienischen Zeitung “La Repubblica” am Sonntag.

“Ich glaub, dass die Proteste nicht so bald enden werden”, erklärte Ebadi. Sie würde es auch nicht überraschen, wenn die Demonstrationen noch größer werden. 

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Erstmals landesweite Großproteste seit 1979 

Klar ist schon jetzt: Die aktuellen Proteste sind die massivsten seit der sogenannten Grünen Bewegung vor acht Jahren. Diese entstand nach der damaligen Wiederwahl des ultra-konservativen Ex-Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad, der die Proteste anschließend gewaltsam niederschlagen ließ. 

Damals gingen vor allem Menschen in der Hauptstadt Teheran auf die Straßen - das ist diesmal anders. “Die Proteste in den letzten drei Tagen sind die ersten in der Geschichte der Islamischen Republik, die gleichzeitig und landesweit stattfinden”, erklärt der im Iran geborene Journalist Ali Reza Eshraghi. Zudem veröffentlichte er auch eine Karte, die den Verlauf der Auflehnungen zeigt.

Diese umfasst sowohl zahlreiche Provinzhauptstädten als auch kleinere Städte wie Izeh, Abhar und Najafabad. Zugleich betonte Eshraghi aber auch, dass die Proteste von 2009 in Bezug auf das Ausmaß bisher “konkurrenzlos” blieben. 

Auch die iranisch-amerikanische Analystin Holly Dagres betonte auf Twitter, dass “sogar die Proteste 2009 nach der Wahl (Gründe Bewegung) nicht so viele Städte umfasste”. 

Eshraghi, der als Projektmanager am Institute for War and Peace Reporting arbeitet, erklärte zudem, dass es zwar bereits in der Vergangenheit tausende kleine Streiks und Kundgebungen sowie eine “Handvoll von lokalen urbanen Protesten” gegeben habe. “Aber keiner hat sich bis jetzt über  das ganze Land ausgebreitet.”

Deshalb wurden sowohl die herrschenden Eliten, als auch die politischen Experten und Aktivisten vom Ausmaß der aktuellen Proteste überrascht, glaubt der 38-Jährige.

Regime will “Aufruf zu Terror” nicht tolerieren

Ließ das iranische Regime die Demonstranten an den ersten beiden Tagen noch weitestgehend gewähren, hat es am Samstag und in der Nacht zum Sonntag umso erbitterter zurückgeschlagen.  

So sind bei den Protesten in Dorud im Westiran zwei Demonstranten getötet worden. Andere Quellen sprachen gegenüber der HuffPost von vier Toten.

Ein Mitglied des regionalen Parlaments von Lorestan machte dafür die Sicherheitskräfte verantwortlich. Nach Angaben des Gouverneursamts der Provinz gebe es hingegen Hinweise auf eine Beteiligung der Terrormiliz Islamischer Staat. Nach iranischen Medienangaben behauptete das der Sicherheitschef im Gouverneursamt, Habibollah Chodschasteh.  

Irans Innenminister Abdolreza Rahmani-Fazil machte am Sonntag deutlich, dass die Behörden “Aufrufe zu Gewalt, Angst und Terror” nicht tolerieren werden.

“Die, die öffentliches Eigentum beschädigen, die Ordnung und die Sicherheit der Leute stören sowie das Gesetz brechen, sind für ihr Benehmen verantwortlich (...) und sollten den Preis dafür bezahlen”, wird Rahmani-Fazil vom Staatssender Irib zitiert.  

Soziale Netzwerke blockiert

Bereits am Samstag wurde das mobile Internet in Teheran für mindestens zwei Stunden unterbrochen.

Am Sonntagmittag sperrten die Behörden dann den Zugang zu Instagram und zum im Iran populären Messengerdienst Telegram - auf den Plattformen werden nicht nur Fotos und Videos der Proteste verbreitet, sondern auch neue Demonstrationen organisiert.

Die sozialen Netzwerke dienen ebenso dazu, Informationen aus dem Land zu schicken - zugleich wird aber auch versucht, von außen auf die Ereignisse Einfluss zu nehmen.

Das das offenbar Irans Erzfeind Saudi-Arabien gezielt versucht, zeigt eine sogenannte Heatmap des türkischen Politkwissenschaftlers Abdullah Sayın. Demnach kommen ein Viertel der Nachrichten in den sozialen Medien zum Iran aus Saudi-Arabien - mehr noch, als aus der Islamischen Republik selbst.

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(Mit Material der dpa)

(lp)