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13/02/2018 10:48 CET | Aktualisiert 13/02/2018 12:46 CET

"Ich bin mit einer Prostituierten verheiratet – so sieht unser Leben aus"

Unser Sexleben ist exzellent.

  • Eva Sless arbeitet als Kolumnistin, Sexualpädagogin und Sexarbeiterin und ist seit knapp elf Jahren verheiratet
  • In einem Gespräch mit der HuffPost erzählen Sless und ihr Mann, wie ihre Ehe und ihr Leben aussieht
  • Im Video oben: Wovon Prostituierte auf dem Straßenstrich wirklich träumen

Eva Sless genießt Sex nicht nur – Sex ist ihr Job. Die 40-jährige Australierin ist Sex-Kolumnistin, Sexualpädagogin und eine Sexarbeiterin, die für Geld einvernehmlichen Sex hat.

Außerdem ist sie verheiratet. Sless’ Ehemann, Justin, 43, unterstützt sie und befürwortet ihre Arbeit – aber beide wissen auch, dass es ein unkonventionelles Leben ist.

“Ich weiß, dass wir ein ungewöhnliches Paar sind. Unser Leben und unsere Ehe basiert auf der Grundlage einer starken Freundschaft, auf Vertrauen, Liebe und Respekt”, erzählt sie der HuffPost.

“Ich weiß nicht, ob das Leben, das wir führen, etwas für jeden wäre – aber für uns funktioniert es. Ich liebe unsere gemeinsame Welt.”

Sless erzählt uns mehr über ihre Arbeit, wie sie ihre Ehe beeinflusst und was Justin von ihren Kunden hält:

Wie lange seid ihr schon zusammen? Hast du schon als Sexarbeiterin gearbeitet, als ich euch kennengelernt habt?

Eva: Wir sind jetzt beinahe schon elf Jahre verheiratet. Ein Paar sind wir schon seit etwa 18 Jahren gewesen – kennengelernt haben wir uns vor rund 30 Jahren. Wir waren schon immer ein Teil vom Leben des anderen.

Ich habe in den letzten 15 Jahren immer wieder als Sexarbeiterin gearbeitet – ich kannte Justin also schon, bevor ich damit anfing. Wir haben jahrelang darüber geredet und es war etwas, was ich schon immer ausprobieren und entdecken wollte.

Eva Sless
Eva Sless und ihr Ehemann Justin sind schon seit knapp elf Jahren verheiratet.

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Ich habe schon immer über Sex nachgedacht und darüber, wie es ist, begehrt zu werden – und dafür bezahlt zu werden. Und das schon, bevor ich wusste, dass es Menschen gibt, die sowas machen. Ich arbeitete für ein paar Jahre als Rezeptionistin und Managerin in einem Bordell, bevor ich mich entschied, auf der anderen Seite der Theke zu arbeiten.

Es war eine gemeinsame Entscheidung. Er gab mir den Mut, es tatsächlich zu machen. Und es war fantastisch.

Justin, was war deine Reaktion, als Eva dir erzählte, sie will professionelle Sexarbeiterin werden? Und was ist dein Beruf?

Justin: Ich sagte zu ihr: “Cool! Mach das! Du wirst verdammt gut sein!”

Ich selbst baue und repariere Mountain Bikes. Ich habe sie auch gefahren, aber dann wurde ich alt und habe bemerkt, dass das Stürzen ziemlich schmerzt.

Hin und wieder fahre ich noch Ausdauer-Rennen, aber die Downhill-Rennen habe ich an den Nagel gehängt.

Eva, ganz allgemein, was bringt die Arbeit mit deinen Klienten mit sich?

Eva: Das ist schwer zu beantworten, denn jeder ist anders und jeder Job ist anders. Eine kurze Zusammenfassung wäre: reden, rumhängen, Sex, duschen, reden und nach Hause gehen.

Aber es geht natürlich weit darüber hinaus. Ich mag es nicht, die Arbeit nur auf den Sex zu reduzieren – denn es ist die soziale Interaktion, die der Schlüssel zu dem ist, was ich genieße und was meine Klienten genießen.

Wir lachen. Wir diskutieren über interessante Dinge. Ich habe gemeinsam mit Klienten geweint, wenn sie einen Partner, ihr Haustier oder ein Familienmitglied verloren haben. Ich habe die ganze Nacht Brettspiele gespielt und Filme angeguckt. Ich war in Museen und dann Abendessen.

Ich hatte Jobs, die eigentlich Stunden dauern sollten, aber letztendlich hielten sie es doch nur 15 Minuten aus und gaben mir dann ein Trinkgeld von 100 Dollar.

Es ist unmöglich meinen Job auf Verallgemeinerungen zu reduzieren. Denn das Leben, Sex und der Grund, warum Menschen zu einer Sexarbeiterin gehen, kann man nicht verallgemeinern.

Was denkt dein Ehemann über deine Klienten? War Eifersucht jemals ein Problem?

Eva: Ich glaube nicht, dass er wirklich über sie nachdenkt. Wahrscheinlich nicht öfter, als ich über seine Kollegen oder Kunden. Eifersucht kommt sehr selten in unser Leben. Wir haben eine offene Ehe und wir swingen, spielen und teilen. Wir genießen gemeinsamen Sex und auch Sex mit anderen.

Es gab immer Bedenken, was die Sicherheit betrifft – das kommt einfach mit dem Job. Aber wir hatten schon immer ein gutes System und fühlen uns sehr sicher. Daher war das nie wirklich ein Problem.

Justin: Eifersucht war ein Problem. Ich bin eifersüchtig, dass sie einen Job macht, den ich selbst nicht machen kann. Naja, vielleicht könnte ich – aber es ist viel schwerer für Männer da rein zu kommen. Aber nein. Ich war nie eifersüchtig auf Kunden. Es ist nur ein Job.

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Hast du ein ausgewogenes Verhältnis von Berufs- und Privatleben, Eva?

Eva: Nun ja, im Moment arbeite ich weniger als Sexarbeiterin – meine andere Arbeit beansprucht mich gerade sehr. Außerdem haben wir davor in Victoria gelebt, dort war das Gesetz, was Sex gegen Bezahlung betrifft, wesentlich lockerer.

Vor vier Jahren sind wir nach Queensland gezogen. Das ist auch einer der Gründe, warum ich nicht mehr so oft arbeite, wie ich es gerne würde. Die Gesetze, das Stigma und religiöse Gruppen sind in Queensland dadurch etwas furchteinflößender für Sexarbeiter. Für mich zumindest.

Manchmal fehlt mir diese Arbeit. Ich habe drei Stammkunden, die ich im Moment sehe, aber abgesehen davon arbeite ich kaum. Ich habe einfach nicht die Zeit dafür.

Als ich regelmäßig gearbeitet habe, war ich noch im Studium, also hatte ich etwa drei Tage oder Nächte in der Woche Zeit für besondere Buchungen.

Aber es hat niemals überhand genommen oder unsere Zeit zu sehr beansprucht.

Eva Sless
Pärchen-Zeit.

Hat deine Arbeit Einfluss auf euer Sexleben? Und wenn ja, wie?

Eva: Ich denke nicht. Und wenn, dann ist der Einfluss nicht negativ. Aber mein Leben und meine Arbeit, abgesehen von der Sexarbeit, ist sowieso in der Sexbranche. Ich bin Sex-Kolumnistin, Sextoy-Kritikerin und Sexualpädagogin – das ist schon seit 20 Jahren meine Welt.

Justin: Ich glaube nicht, dass es eine Auswirkung hat. Unser Sexleben ist exzellent. Das war es davor, währenddessen und auch als sie ihre Arbeit reduziert hatte.

Ihr habt eine 14-jährige Tochter zusammen. Weiß sie, wie deine Arbeit aussieht, Eva?

Eva: Sie weiß, dass ich in der Sex-Branche arbeite und als Sexualpädagogin – auch dass ich politisch motiviert bin, eine bessere Welt für Frauen zu schaffen und dass mein Fokus generell auf Sexarbeiterinnen und der Industrie liegt.

Wenn wir zusammen fernsehen, ist sie meistens ziemlich genervt von mir, weil ich jedes Mal darauf hinweise, was problematisch dargestellt wird.

Neulich haben wir ausgemacht, dass wir unsere gegenseitigen Lieblingsserien gucken. Sie sah sich also “Star Treck” und “Doctor Who” an und sie ließ mich “How I Met Your Mother” gucken – eine der sexistischsten Serien, die ich seit langem gesehen habe. Ihre Hauptaussage, als ich es beim kommentierte: “Mama! Musst du immer alles politisch machen?”

Ich sagte dann: “Ja, Kleine! Schließlich ist alles politisch.” 

Sie ist nicht wie ich, in fast jeder Hinsicht. Vor allem, wenn ich auf mein 14-jähriges Ich zurück blicke. Sie ist ruhig und wissenschaftlich. Es ist ihr egal, was irgendjemand –  besonders Jungs – von ihr denken. Aber sie ist sehr offen und versteht, dass jeder Respekt verdient und dass Sexarbeit auch Arbeit ist.

Falls es “Regeln” gibt, habt ihr Regeln in eurer Beziehung, die etwas mit deinem Job zu tun haben?

Eva: Klassische Sicherheitsregeln. Zum Beispiel, dass sich meine Kunden anmelden und dass ich mit ihnen networke. Aber wir haben nicht wirklich Regeln in diesem Sinne. Für mich ist es ein Job, genau wie für ihn.

Justin: Genau, es ist nur ein Job. Das ist so, wie wenn dein Partner ein Massage-Therapeut wäre – die meisten würden sagen, dass andere Menschen eine gewisse Intimität mit deinem Partner haben, während er arbeitet.

Wir sind gut darin, zwischen Liebe und Sex zu unterscheiden. Es ist eher eine körperliche Angelegenheit als eine emotionale. Natürlich sind gewisse Emotionen involviert, es ist sehr intim – aber meine Arbeit ist keine Liebe oder eine permanente Verbindung. Es ist, was es ist.

Justin, wie sehen die Reaktionen von anderen Menschen aus, wenn du ihnen erzählst, dass deine Frau Sexarbeiterin ist?

Justin: Sie sind oft überrascht, dass es in Ordnung für mich ist – aber es hat nie ihre Freundschaft oder ihre Einstellungen uns gegenüber verändert. Es ist nur ein Job. Irgendwie ein cooler Job, aber nur ein Job.

Vermutlich sind einige überrascht, dass sie es freiwillig macht und dass es ihr Spaß macht – und dass die Bezahlung gut ist.

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Ihr seid eindeutig sehr offen und ehrlich in eurer Ehe. Aber was wäre das absolute No-Go, das ihr in der Beziehung nicht aushalten könntet?

Eva: Unehrlichkeit. Die Wahrheit ist mächtig, und in Macht findest du Stärke. Nimm diese Stärke, was bleibt dann noch übrig?

Justin: Das zählt auch für mich: Unehrlichkeit. Was wäre der Sinn, in einer festen Beziehung zu sein, wenn du nicht ehrlich sein kannst? Alles ist leichter, wenn du ehrlich bist. Das Gute und das Schlechte.


Dieser Artikel erschien ursprünglich bei der HuffPost USA und wurde von Martina Zink aus dem Englischen übersetzt und angepasst.

(ks)