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25/01/2018 23:37 CET | Aktualisiert 26/01/2018 08:22 CET

Warum schwiegen alle? Medien stellen sich im Wedel-Skandal eine Frage

Kommentatoren bieten vier mögliche Antworten an.

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Regisseur Dieter Wedel (rechts)
  • Neue Vorwürfe gegen Regisseur Dieter Wedel erschüttern die deutsche Fernsehbranche
  • Die Medien liefern mögliche Antworten auf die Frage, warum die Anschuldigungen erst jetzt publik werden

Die Vorwürfe sind massiv: Nach einer ersten Enthüllung schildern weitere Schauspielerinnen in der “Zeit”, wie der deutsche Regisseur Dieter Wedel sie schikaniert, belästigt und auch vergewaltigt haben soll.

Jetzt habe auch Deutschland seinen “Weinstein-Skandal”, kommentiert der Berliner “Tagesspiegel” die Causa Wedel.

Denn: Mit dem neuen “Zeit”-Bericht ist auch klar, dass die ARD und die Produktionsfirmen in Deutschland von den Vorwürfen gewusst haben müssen. 

Wie bei dem massiven Missbrauchsskandal um den Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein stellen sich daher die deutschen Medien eine Frage:

► Warum hat es so lange gedauert, bis die Vorwürfe ans Licht kamen?

Vier mögliche Antworten.

1. Das Schweinesystem

Die Kommentatorin des “Tagesspiegel” glaubt, dass die Sache ähnlich wie bei Weinstein sei, sollten sich die Anschuldigungen gegen den deutschen Regisseur als wahr herausstellen.

“Einer öffentlich-rechtlichen, gebührenfinanzierten, nicht unter Profitdruck stehenden Rundfunkanstalt lagen Anwaltsschreiben zu ‘versuchter Notzucht’ vor”, fasst der “Tagesspiegel” den Fall Wedel zusammen. 

Der Sender habe die Schauspielerin gedrängt, weiterzumachen. Warum?

► Die Antwort des “Tagesspiegels”: “Kollegen und Teams haben erschrocken weggeschaut, aber etabliert wurde das Kartell von Produzenten, Redakteuren, Menschen mit Macht.”

Mehr zum Thema: Wie der US-Sender NBC die Missbrauchs-Verbrechen des Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein vertuscht hat

2. Unantastbar

Auch die “Süddeutsche Zeitung” kommt zu einem ähnlichen Ergebnis in einem Bericht über die Vorwürfe gegen Wedel. Das System hält dicht.

Die Journalisten berichten: “Versucht man im aktuellen Fall, jemanden für ein Interview zu den Machtstrukturen abseits von Hollywood zu gewinnen, ist das nicht leicht.”

Der Agent eines berühmten deutschen Schauspielers habe den Journalisten gesagt: Wäre eine der Schauspielerinnen, die sich in der “Zeit” zu Wort gemeldet hat, früher an die Presse gegangen, sie hätte kein Gehör gefunden.

Dieter Wedel sei ja immerhin ein “Fernsehgott” gewesen.

3. Angst

Die “Hannoversche Allgemeine Zeitung” nennt Wedel einen “cholerischen Quotenbringer”. Die Fernseh-Mitarbeiter hätten aus einem Grund stillgehalten:

“Viele sprechen im Nachhinein von Angst.”

Verständnis dafür zeigt der Kommentar allerdings nicht: Sei es “Angst um die eigene Position? Angst um das Einkommen, den Ruf, den Erfolg einer soeben gedrehten teuren Fernsehserie?”

Alles keine guten Gründe: “Hatte, verdammt, eigentlich niemals jemand Angst um die junge Kollegin, die da für alle sichtbar litt?”

4. Ein Rätsel

Die Mainzer “Allgemeine Zeitung” schreibt, Wedel stehe vor den Trümmern seines Lebenswerks. “Denn mitnichten lassen sich die nun publik gewordenen Vorwürfe als alte, zusammenphantasierte Geschichten enttäuschter Verehrerinnen abtun, die Wedel heute eins auswischen wollen, weil sie keine große Karriere gemacht haben.”

Eine Antwort auf die Frage, warum die Schauspielerinnen nicht ausreichend gehört wurden, liefert die “Allgemeine Zeitung” nicht. Sondern schreibt:

► Das sei schlicht “eine der ungelösten Fragen in diesem sich fast täglich auswachsenden Skandal”.

Mehr zum Thema: “Ich wurde vergewaltigt – das hat das Trauma aus meinem Leben gemacht”

Mit Material der dpa.

(sk)