POLITIK
08/01/2018 12:59 CET | Aktualisiert 08/01/2018 13:12 CET

Die Scharia gilt schon längst in Deutschland - doch ganz anders, als viele denken

Nicht nur Fremde sind ein Ziel des rechten Hasses - sondern auch Frauen.

Alexander Koerner/Getty Images
Demonstrant beim rechtsextremistischen HoGeSa-Aufmarsch in Köln. 
  • Viele Rechte träumen von einer Art “weißer Scharia”
  • Der Feminismus wird in ihrem Weltbild zum Erzfeind

Es gibt Frauenrechtler, deren Zuspruch sich keine Feministin wünschen kann. Sie tragen Glatze und Springerstiefel.

Wie zum Beispiel 2016 in Köln, als eine Gruppe grobschlächtiger Gestalten unter der Fahne der “Hooligans gegen Salafisten” gegen die Silvesterübergriffe in der Domstadt, den Islam und allerlei andere Dinge protestierten.

Und diese Unterstützung ist in der Tat auch die Ausnahme. Denn in der Regel gefallen sich die Rechten darin gegen Frauen zu hetzen. 

Eine Flüchtlingshelferin veröffentlicht ein Video auf Youtube – und rechte Kreise wünschen ihr eine Vergewaltigung durch arabische Männer.

Fremde und Frauen - Hassobjekte der Rechten

Eine Journalistin wird von Lesern als “Fotze” beschimpft – und ihr wird vorausgesagt, dass sie „beschnittene Muselpenisse in alle Löcher gerammt“ bekommt.

Und in Österreich hofft ein angeblicher Polizist auf dem Profil des FPÖ-Vizekanzlers HC Strache, dass weibliche Grünen-Wählerinnen vergewaltigt werden.

Spätestens hier wird klar, dass es eine Verbindung gibt: zwischen Frauenhass und Rechtsextremismus. Zwischen der Sehnsucht nach alten Geschlechterbildern und der Kritik an einem Staat, der unter der Führung einer Kanzlerin angeblich das deutsche Volk “abschaffen” will.

Mehr zum Thema: Warum ich als Frau gegen die AfD kämpfe

Rechte in den USA fordern die “weiße Scharia”

Rechte Parteien wie die AfD kommen ohne die Hetze gegen Feminismus, Genderforschung und verändertem Rollenverständnis nicht aus. Sie sind Kern der rechten Marke: Schon in ihren ersten Wahlprogrammen wetterte die AfD gegen “Gendermainstreaming”.

Wie weit das gehen kann, zeigte jüngst die “FAZ”-Autorin Carolin Wiedemann.

Sie zitierte aus einem einflussreichen Medium der amerikanischen “Alt-Right”-Bewegung. Im “Daily Stormer” - der nicht umsonst den “Stürmer” der Nazis erinnert - forderte ein Autor die Einführung einer “White Sharia”, also einer “weißen Scharia”.

“Wir wollen, dass Frauen wieder den Status haben, den sie im 19. Jahrhundert hatten, bevor der Feminismus unsere Zivilisation ruinierte”, heißt es dort.

Mobilmachung gegen die Moderne

Wenn man auf die Wahlerfolge der AfD blickt und die selbsternannten national befreiten Zonen in Ostdeutschland könnte man tatsächlich davon sprechen, dass in Deutschland die Scharia schon gilt - nur eben anders, als viele denken. 

Die Frauenfeindlichkeit ist für die AfD auch deswegen so wichtig, weil sie als Chiffre steht für die verhasste Moderne. Und sie verkauft sich ziemlich gut im Netz, wo die AfD so erfolgreich ist wie keine andere deutsche Partei.

Die rechte Frauenfeindlichkeit ist auch deswegen so gefährlich, weil es durchaus Schnittmengen zwischen Subkulturen und der neurechten Hetze gegen Feministinnen gibt.

Hier finden sich gesellschaftliche Gruppen zusammen, die sonst wohl nur schwerlich begriffen hätten, dass sie über einen gemeinsamen Nenner verfügen.

Mehr zum Thema: Wie die AfD mit Abtreibungsgegnern paktiert - und warum uns das beunruhigen sollte

Wie die Affäre einer Spieleentwicklerin eine Hasswelle im Netz auslöste

Bis heute sorgt “Gamergate” für Schlagzeilen – eine Bewegung von Computerspiel-Fans, die ihren Ausgang mit einem im Jahr 2014 veröffentlichten Posting nahm, in dem sich ein verlassener Gamer an seiner Ex-Freundin rächte – die Spieleentwicklerin war und ein Verhältnis mit einem Fachjournalisten begann.

Schnell wuchs “Gamergate” zu einer Art elitenkritischen Konsumentenrevolte heran.

Unter dem gleichnamigen Hashtag wurde gegen Frauen in der Computerwelt gepöbelt und gegen Journalisten gehetzt.

Der britische Journalist Matt Lees schrieb Ende 2016 im Guardian: “Die Ähnlichkeiten zwischen Gamergate und der rechtsextremen ‘Alt-Right’-Online-Bewegung sind riesig, verblüffend und keineswegs ein Zufall. Der Kulturkampf, der bei den Computerspielen begann, hat nun einen führenden Repräsentanten im Weißen Haus.”

Gemeint war der kurze Zeit zuvor zum US-Präsidenten gewählte Donald Trump.

Rechte Hetze gegen den Feminismus

Ebenso anschlussfähig nach rechts ist die Szene der so genannten ‘Pickup-Artists’, die es sich zum Ziel gesetzt haben, im Stile der Mathematik bestimmte Strategien zu entwickeln, mit denen Männer angeblich jede Frau verführen können.

‘Mit Pick-Up bewegt man sich immer am Rande vom Maskulinismus, denn die meisten wurden von Frauen enttäuscht und nutzen das, um ihrem kleinen Ego und ihrer Wut Luft zu machen’, zitierte ‘Vice’ im vergangenen Jahr einen Pickup-Trainer, der sich von der Szene distanziert hat.

Der Mann beobachtet bei seinen ehemaligen Mitstreitern neben Sexismus auch einen Hang zu Rassismus und Verschwörungstheorien.

Mehr zum Thema: Ich sprach mit einem Pick-up-Artist über sexuelle Belästigung - danach brauchte ich einen Drink

Deutsche Männer zu Weicheiern erzogen

Bisweilen kommt rechte Hetze gegen den Feminismus derart brachial daher, dass sie sich hart an der Grenze zur männlichen Selbstentblößung bewegt.

Zu einer gewissen Youtube-Prominenz in Sachen rechter Frauenfeindlichkeit brachte es der selbsternannte ‘Moderator und Journalist’ Hagen Grell aus Sachsen.

Nach den Silversterübergriffen in Köln zum Jahreswechsel 2015/16 postete der AfD-Sympathisant ein Video, das ihn im Feinripp-Unterhemd vor dem hauseigenen Badezimmerspiegel zeigt.

Darin fordert er “deutsche Frauen” auf, ihre Männer “stark” zu machen. Als Quelle allen Übels sieht Grell den Feminismus, den er in dem Video als “Ideologie” bezeichnet.

“Eure Männer gehören zu den größten, stärksten und edelsten der Welt”

Die Logik dahinter: Hätten die Feministinnen den Männern nicht eingeredet, sie müssten einfühlsam sein, dann hätte der deutsche Mann die Angreifer von der Domplatte “Körperteil für Körperteil” auseinander genommen.

Nach einer selbst erstellten statistischen Auswertung durchschnittlicher männlicher Körpergrößenwerte verschiedener Weltregionen (und dem Verweis darauf, dass “deutsche Männer” auf “Platz sechs der Weltrangliste” rangieren) fletscht Grell die Zähne und sagt:

“Deutsche Frauen, Mädels und Damen: Eure Männer sind nicht schwach. Eure Männer gehören zu den größten, stärksten und edelsten der Welt. (…) Habt ihr euch mal angeschaut, was in Deutschland für Giganten rumlaufen?”

Mehr als 100.000 User haben das Video bis heute geklickt.

Wenn Opfermänner bestimmen wollen, wie Frauen zu leben haben

Monate später nahm sich der TV-Satiriker Oliver Kalkofe das Video vor (“Wir deutschen Männer, Jungs und Knaben sind nicht schwach. Wir sind höchstens Schwachmaten. So, und jetzt geh ich kacken.”).

Später bezeichnete Grell dann sein eigenes Video als “ernste Satire” und benannte sein Posting dementsprechend um. Zwinkersmiley.

Gemein sind allen oben genannten Gruppen nicht nur ein auffallend geschwächtes männliches Selbstbild, das sich in einer Opferhaltung gegenüber starken Frauen ausdrückt, sondern auch die darauf folgende Trotzreaktion: der Ruf nach einem archaischen Geschlechterbild.

Opfermänner wollen am liebsten die Geschichte zurückdrehen. Hin zu den Zeiten, nach denen sich auch die neurechten Kräfte in Amerika und Europa sehen.

Der im vergangenen Jahr verstorbene polnische Philosoph Zygmunt Bauman nennt solche Sehnsüchte “Retrotopien”.

Und er misst ihnen eine entscheidende Bedeutung beim Entstehen von radikalen Bewegungen zu, ob in Europa, Amerika oder in der muslimischen Welt.

Wer immer nur dachte, dass Fremdenhass die Rechten stark macht, hat sich also getäuscht. Auch die Frauenverachtung treibt den Hass an - und verwandelt ihn in Wählerstimmen. 

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