POLITIK
15/02/2018 07:35 CET | Aktualisiert 15/02/2018 10:02 CET

Die Debatte um Gratis-Nahverkehr zeigt, wie innovationsfeindlich Deutschland geworden ist

Ein Blick nach Estland zeigt, wie es funktionieren kann.

@by Feldman_1 via Getty Images
Eine Straßenbahn am Berliner Hauptbahnhof
  • Kaum wird in Deutschland ein Verbesserungsvorschlag gemacht, wird schon darüber gemeckert
  • Das zeigt: Von der Nation der Tüftler ist nicht mehr viel übrig geblieben

Liebes Deutschland!

Ich weiß, es ist keine gute Zeit für Dich.

In Berlin zerlegen sich die beiden großen deutschen Volksparteien, die Ära der Digitalisierung und Vernetzung findet ohne Beteiligung nennenswerter deutscher Akteure statt – und ob Deutschlands Autobauer doch noch die Kurve Richtung Elektromobilität bekommen, steht in den Sternen.

Oft wird beklagt, dass Innovationen es in Deutschland schwer hätten. Das stimmt. Und warum das so ist, lässt sich in diesem Tagen live im Internet verfolgen.

Ausgangspunkt war eine echte Überraschung: Die geschäftsführende Bundesregierung unter Kanzlerin Angela Merkel hat einen Vorschlag gemacht, der nicht nur neu, sondern tatsächlich auch etwas gewagt ist.

► Angesichts drohender Fahrverbote durch die EU-Kommission wegen zu hoher Feinstaub- und Stickoxidemissionen denkt die Bundesregierung darüber nach, den öffentlichen Personennahverkehr künftig kostenlos anzubieten.

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Vor allem die Schwaben freut’s

Dem Online-Magazin „Politico“ liegt ein entsprechendes Schreiben der Bundesregierung an EU-Umweltkommissar Karmenu Vella vor. Demnach sollen bald schon Pilotprojekte in fünf deutschen Städten starten: In Essen, Bonn, Herrenberg (Baden-Württemberg), Reutlingen und Mannheim.

In dieser Versuchsphase soll festgestellt werden, ob die kostenlose Bereitstellung von Bussen und Bahnen eine Auswirkung auf die Luftqualität hat.

► Die Schwaben freut’s: Sie sind gleich mit zwei Städten in der Testphase vertreten und dürfen dann jeden Tag gleich mehrmals ihre Geldbörse ans Herz drücken, wenn sie am Busfahrer vorbei zu ihrem Sitz gehen.

Dicke Luft nach kostenlosem ÖPVN

Aus dem Rest der Republik jedoch dringt jenes vertraute Genöle und Gemähre, das man zuverlässig immer dann hört, wenn in Deutschland mal ein Vorschlag diskutiert wird, der mit gängigen Normen bricht.

► Der Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling moserte, dass die Bundesregierung dann doch bitte auch sagen solle, wer das alles bezahlen solle.

► In Sachsen-Anhalt wagte sich Andreas Brohm nach vorn. Der Bürgermeister von Tangerhütte bezeichnete den Vorschlag als “Quatsch”. Und fachte dann eine Neiddebatte an: “Ich bin strikt dagegen, dass die Steuerzahler auf dem Land für die Probleme in den Städten zahlen sollen.”

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► Den Vogel aber schoss der Hamburger Verkehrsverbund (HVV) ab. Ohne weitere Einzelheiten zu nennen, bezifferte ein Sprecher die Zusatzkosten auf “eine Elbphilharmonie pro Jahr”. Womit er auch gleich die neue norddeutsche Recheneinheit für Geldverschwendung eingeführt hatte: Eine “Elphi pro Jahr” gleich unverhältnismäßig hohe Ausgaben.

Die Bereitstellung von höheren Transportkapazitäten? “Nicht leistbar”, sagt der HVV-Sprecher. Der womöglich nötige Ausbau des Netzes? “Langwierig”.

Und wer nach dieser Kaskade der deutschen Mutlosigkeit noch Lust auf neue Ideen hat, der muss ein ziemlich großes Herz haben.

Oder mal das Baltikum besucht haben.

Blick nach Estland

Liebes Deutschland, ich war vor gut einem Jahr selbst in Tallinn, der Hauptstadt von Estland. Dort ist der öffentliche Nahverkehr schon seit 2013 für Einheimische kostenfrei.

Tallinn ist eine Stadt von einer halben Millionen Einwohner.

► Und das System funktioniert dort seit fünf Jahren erstaunlich gut: Touristen müssen weiterhin für die Nutzung von Straßenbahnen und Bussen zahlen, Einheimische müssen lediglich einmal eine Chipkarte für zwei Euro kaufen.

Die Straßen dort sind selbst zur Rushhour nicht verstopft. Die Luft ist besser. Die Stadt ist lebenswert, weil Menschen hier einen anderen Stellenwert einnehmen, seitdem die Blechlawine kleiner geworden ist.

Schon im ersten Jahr sank das Verkehrsaufkommen in Tallinn um fünf Prozent, während die Nutzung des ÖPNV um sechs Prozent stieg.

Eine spürbare Veränderung ist das, ja, aber kein radikaler Umsturz der Verhältnisse.

Innovationsbremser Made in Germany

Genau letzteres jedoch beschwören deutsche Innovationsbremser immer wieder herauf, wenn sie ihren Klagegesang vom “Gibt’s nicht, kann nicht, weiß nicht” vortragen, und jede Unsicherheit zu einer möglichen Quelle des öffentlichen Niedergangs aufblasen.

► Es gab mal eine Zeit, in der wir Deutschen die Nation der Tüftler waren. Das ist, zugegebenermaßen, schon über 100 Jahre her. Aber damals wurde mit bahnbrechenden Erfindungen in aller Öffentlichkeit und mit der gebotenen Begeisterung experimentiert.

Die elektrische Straßenbahn, die ab 1881 in Berlin fuhr, ist der Ursprung aller Form von Elektromobilität. So etwas gab es davor auf der ganzen Welt noch nicht.

Und was müssen die Menschen damals gestaunt haben: Eine Kutsche, die sich mit unsichtbarer Energie bewegt.

Ob solche Pläne heute noch in Deutschland möglich wären? Man mag sich nicht vorstellen, was der Hamburger Verkehrsverbund dazu sagen würde.

► Hierzulande lernt man große Ideen mittlerweile erst schätzen, wenn sie sich anderswo durchgesetzt haben.

Im Zweifelsfall ist das immer ein paar Jahre zu spät, so wie bei den Elektroautos. Und deswegen hat man allen Grund, sich um Deine Zukunftsfähigkeit Sorgen zu machen, liebes Deutschland.

(mf)