POLITIK
27/01/2018 16:25 CET

AfD vergleicht sich mit den Opfern von Völkermord – und erntet Abscheu

Der HSV erwägt, AfD-Mitglieder auszuschließen. Die Partei reagiert mit einem unsäglichen Vergleich.

PHILIPP VON DITFURTH via Getty Images
AfD-Politiker Kay Gottschalk 
  • Mitglieder des Fußballvereins HSV wollen AfD-Mitglieder ausschließen
  • Die AfD sieht sich nun verfolgt wie die Juden unter den Nazis – im Netz quittieren das viele User mit Ekel

Die AfD hat sich in einem Tweet mit den in Deutschland verfolgten Juden verglichen.

Am Mittwoch schrieb der AfD-Landesverband Berlin: “1933: Juden werden aus vielen deutschen Vereinen ausgeschlossen. Dieser NS-Erlass betrifft auch den @HSV. 2018: Es wird ein Antrag gestellt, AfD-Mitglieder aus dem Verein auszuschließen.” 

► Der Hintergrund: Der frühere Vorsitzende des Seniorenrats des HSV, Peter Gottschalk, will in der Mitgliederversammlung Mitte Februar darüber abstimmen lassen, ob Mitglieder der rechtspopulistischen AfD und derer Gleichgesinnte aus dem HSV ausgeschlossen werden.

Ähnliche Überlegungen gibt es auch bei Eintracht Frankfurt. 

Am Samstag ist Holocaust-Gedenktag

► Das Thema hat derzeit besondere Brisanz. Der heutige Samstag ist dem Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus gewidmet. 

Die UN haben den Gedenktag vor einigen Jahren eingeführt. Der 27. Januar ist der Tag, an dem im Jahr 1945 die Überlebenden im Konzentrationslager Auschwitz befreit wurden.

► Der HSV beteiligt sich an einer Initiative von Fußballverbänden zur Erinnerung an die Gräueltaten der Nazis. 

AfD-Politiker spricht von “ungeheuerlichem Demokratieverständnis”

Kay Gottschalk, stellvertretender Bundesvorsitzender der AfD, seit 2005 Vereinsmitglied des HSV und nicht verwandt mit Senior Peter Gottschalk, wehrt sich vehement gegen die Initiative im HSV.

Laut einem Bericht der “Welt” vom Samstag sagte er in einem Pressegespräch im Bundestag: “Das ist ein ungeheuerliches Demokratieverständnis.“

► Die AfD sei eine demokratische Partei, der HSV ein gemeinnütziger Verein, man solle Politik und Sport voneinander trennen.

Vor dem offiziellen Teil des Pressegesprächs habe Gottschalk gesagt, dass man angesichts der “desolaten sportlichen Leistungen” des HSV auf die Idee kommen könnte, dass er davon ablenken wolle.

“Rassismus hat sich eingeschlichen”

► HSV-Senior Gottschalk dagegen sagte der Zeitung, ihm gehe es darum, zu erfahren, “wo im Verein die Leute sitzen, die rassistisch denken.“

“Der Rassismus hat sich in unserer Gesellschaft und unserem Verein eingeschlichen. Mein Antrag ist demokratisch gestellt und wird demokratisch abgestimmt. Es geht mir nicht darum, Leute auszuschließen, ich möchte Transparenz”, sagte er der “Welt”.

Jeder Verein könne selbst entscheiden, welche Mitglieder er aufnehme. Und die Entscheidung über die Gemeinnützigkeit sei Sache des Vereinsregister-Gerichts.

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AfD-Mann fällt noch mehr zum Vergleich mit Juden ein

AfD-Politiker Gottschalk dagegen griff im Gespräch mit der Zeitung am Freitag wieder auf den Vergleich von Juden und AfD-Mitgliedern zurück – wie im Tweet.

Er habe die Überlegungen, AfD-Mitglieder aus dem HSV auszuschließen, mit dem Ausschluss von Juden aus dem HSV in der Nazizeit verglichen. Wenn das so weitergehe, müssten AfD-Mitglieder noch Abzeichen tragen.

Eine Anspielung an die Davidsterne, die sich Juden unter den Nazis anheften mussten.

Politiker hatte zum Boykott türkischer Geschäfte aufgerufen

Es ist allerdings erst wenige Tage her, dass AfD-Politiker Gottschalk deutlich weniger sensibel auftrat.

► Wie die “Rheinische Post” berichtet, hat der Politiker erst am Mittwoch gesagt: “Ich rufe alle Bürger guten Willens auf: Boykottiert die Läden der Türken in Deutschland, denn die fahren zu 70 Prozent auf Erdogan ab.”

► Das erinnert an den Aufruf der Nazis, nicht bei Juden zu kaufen.

Gegenüber der “Welt” nannte der Politiker diesen Vergleich aber “böswillig”, wollte sich aber dennoch für seinen Anruf entschuldigen, der “unsensibel” und “dumm” gewesen sei.

Er habe nicht einzelne Händler boykottieren wollen, sondern Sanktionen gegen das Regime des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan fordern wollen.

Er bat um Nachsicht, weil er in der Kommunikation noch nicht so geübt sei.

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“Der Geist der Täter”

Im Internet hagelt es am Samstag Abscheu und Kritik am Versuch der AfD, sich mit Opfern des Völkermords zu vergleichen.

“Mir fehlen die Worte” schrieb etwa Ali Utlu auf Twitter. “Ihr seid nicht die ‘neuen Juden’, ihr seid der alte Geist der Täter.”

Ein anderer User schreibt: “Oh wie geschmacklos. So etwas ist nicht provokant, kann man nicht ‘doch mal sagen dürfen’ und ist beschämend. Politik sollte im Sport eh nichts zu suchen haben, der Vergleich hinkt gewaltig ... mir fehlen die Worte.” 

(lm)