POLITIK
26/01/2018 16:00 CET | Aktualisiert 26/01/2018 16:44 CET

Warum rechte Politiker zum Islam konvertieren

Kürzlich ist ein AfD-Politiker Muslim geworden. Wie schon andere Rechtspopulisten vor ihm.

Reuters/Getty
  • Ein AfD-Politiker ist zum Islam konvertiert - wie schon andere Rechte vor ihm
  • Das klingt erstaunlich - aber ist nicht so abwegig, wie viele zunächst denken

Die Alternative für Deutschland (AfD), die niederländische Partij voor de Vrijheid (PVV) und der französische Front National (FN) haben viel gemein. Vor allem ihren Lieblingsfeind, den Islam.

Und die rechten Parteien eint noch etwas: Jede hat Mitglieder, die ausgerechnet zum Islam konvertiert sind.

Zuletzt ist Arthur Wagner, Mitglied im Brandenburger AfD-Landesvorstand, Muslim geworden. 2012 war er aus der CDU ausgetreten, seit 2015 ist er Mitglied in der AfD-Landesspitze und war zuletzt zuständig für Religionsangelegenheiten. Heißt: In dieser Position gehörte Islamhetze bei ihm quasi zur Jobbeschreibung.

Vor wenigen Tagen wurde seine Konversion bekannt, über die Gründe schweigt er.

Im Wahlkampf für den Front National den Islam lieben gelernt

2014 erlebte der Front National einen ähnlichen PR-Gau. Der 22-jährige Maxence Buttey stand im Pariser Vorort Noisy-le-Grand an der Spitze der FN-Liste zu den Kommunalwahlen. Während des Wahlkampfs, so erzählte er es der Zeitung “Le Parisien”, kam er mit Muslimen in Kontakt. Und fand bei ihnen, was er als zweifelnder Katholik suchte. 

Der FN legte Butteys Mitgliedschaft auf Eis. Heute identifiziert sich Buttey nicht mehr mit dem FN.

Anti-Islam-Filmer und Wilders-Freund geht auf Pilgerfahrt

2013 war ein guter Bekannter des niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilders, Arnoud van Doorn (im Bild oben in der Mitte), Muslim geworden. 2008 hatte Van Doorn noch einen Anti-Islam-Film gedreht.

Als Stadtrat in Den Haag war er mit einem Muslim in Kontakt gekommen, begab sich später sogar auf Pilgerfahrt nach Saudi-Arabien.

2011 hatte Wilders Van Doorn allerdings schon aus der Partei hinausgeworfen, angeblich hatte er vertrauliche Dokumente weitergegeben.

Warum die Wende um 180 Grad?

Was treibt Rechtspopulisten dazu, ausgerechnet zum Islam zu konvertieren, der Religion, die sie gemeinhin für eine Bedrohung halten?

Viele Konvertiten entscheiden sich für den Islam, weil sie einen muslimischen Partner kennengelernt haben und heiraten wollen.

Darüber hinaus gibt es noch politische oder soziologische Erklärungen, warum sich jemand bestimmten Gruppen anschließt. Sie müssen in den beschriebenen Fällen nicht zutreffen, liefern aber Erklärungsmuster für bestimmtes Verhalten.

Der bekannte Berliner Rechtsextremismusforscher Hajo Funke warnt im Gespräch mit der HuffPost vor generellen Aussagen. “Die Motive können extrem unterschiedlich sein.”

1. Mit der Partei über Kreuz

“Was man immer bedenken muss”, sagt Funke: “Parteien verändern sich. Ein Parteimitglied muss nicht notwendigerweise hinter dem Kurs stehen, den eine Partei aktuell fährt.”

Er verweist auf das Beispiel des Juristen Matthias Manthei. Dieser sei in die AfD eingetreten, um seine Kritik an der Eurokrise zu bekräftigen und um die Landflucht in Mecklenburg-Vorpommern zu bekämpfen. “Dann entpuppte sich die Partei als zu islamfeindlich. Manthei trat aus.”

“Warum sollte die Linie der Partei, in die man einst eintrat, nicht auch anderen Politikern peinlich sein?”

2. Hauptsache Gemeinschaft

Ein Journalist des Politikmagazins “The Atlantic” verweist auf Theorien und Analysen der Psychologen Michael Hogg und Janice Adelman.

Demnach schließen sich Menschen sozialen, religiösen oder politischen Gruppen an, die ihnen einen Platz in der Gesellschaft geben und ihnen auch vermitteln, wie sie sich zu benehmen haben.

Extreme Gruppen lieferten genau die eindeutigen Antworten, die Menschen, die auf der Suche sind, haben wollten.

Deutsche Jugendforscher haben zudem beobachtet, dass es Jugendlichen oft gar nicht so sehr auf die Ideologie ankommt, die eine Gruppe vertritt, der sie sich anschließen. Hauptsache, sie kommen in eine Gemeinschaft, die sie aufnimmt und ihnen klar zeigt, wie sie leben sollen.

Nun haben sich die Politiker, soweit bekannt, nicht Extremisten, sondern dem moderaten Islam angeschlossen.

Aber viele Konvertiten berichten, dass sie das klare Regelwerk des Islam angezogen habe. Die konkreten Anweisungen, wie ein Leben zu leben ist. Der Rückhalt in einer Gemeinschaft.

Möglich also, dass sich ein Mensch, der den Rückhalt in einer Partei nicht mehr findet, sich eine neue Gemeinschaft sucht.

3. Hauptsache Protest

Jugendliche jeder Generation versuchen, sich von der Generation der Eltern abzugrenzen. Zu provozieren. Lange Haare wie in den 70ern reichen heute nicht mehr, um Eltern auf die Palme zu bringen.

Aber die Mitgliedschaft in einer rechten Gruppe. Oder die Konversion zum Islam.

Der Franzose Buttey sagte Medien, dass die Rechten und die Muslime eine Gemeinsamkeit hätten: “Beide werden dämonisiert und unterscheiden sich massiv von dem Bild, das die Medien von ihnen zeigen.”

“Fundamentalistischer Druck”

Funke, emeritierter Professor der Freien Universität Berlin, interessiert weniger das Motiv, das Wagner zur Konversion veranlasste, als die Reaktion der AfD darauf.

Wagner sagte dem “Tagesspiegel” noch, es habe keinen Druck gegeben, dass er seine Ämter niederlegen solle.

Warum er genau das doch tat? “Private Gründe”, sagte ein AfD-Sprecher der “Berliner Zeitung”

Funke glaubt nicht daran. “Was hat die Partei mit Privatangelegenheiten wie der Religionszugehörigkeit zu tun?”

Er sieht vielmehr den “fundamentalistischen Druck der rechtsextremen AfD-Führung im Landesverband Brandenburg unter Andreas Kalbitz” am Werk.

Kalbitz jedenfalls hielt es für nötig, auf der Internetseite der AfD Brandenburg klarzustellen: Der Islam gehört nicht zu Deutschland! Die Konversion Wagners habe man “nicht ohne Überraschung zur Kenntnis nehmen müssen”.

Kein Druck?

An diesem Freitag hat die AfD Havelland, deren Vize-Vorsitzender Wagner war, bekannt gegeben, dass Wagner am Donnerstag zurückgetreten ist und nun auch einen Parteiaustritt erwäge.

Der Kreisvorstand Kai Berger dankt Wagner zwar für seine Arbeit, schrieb aber, er verstehe Wagner nicht. “Seine nun getroffene Entscheidung ist konsequent und auch erwartet worden.“

Am Telefon sagte Berger der HuffPost, Wagner sei nun einfaches Mitglied, seine Religion Privatsache. Warum dann der Rücktritt erwartet worden sei? Er sei nicht in der Stimmung, große Interview zu geben, sagt Berger. Er sei enttäuscht, dass sich Wagner in letzter Zeit so zurückgezogen habe.

Berger schrieb: “Wenn Die anderen Parteien und die Medien uns nun mit billigem Spott übergießen, weil uns dies widerfahren ist, so sehen sie nicht das Wesentliche, nämlich wie sehr unsere Vorhersagen richtig sind, wie der Einfluss des Islam immer weiter wächst.

Kein Druck klingt anders.

(ben)