POLITIK
07/02/2018 14:00 CET | Aktualisiert 07/02/2018 14:01 CET

Der Rocky aus Würselen: Das wundersame Comeback des Martin Schulz

Wahlkampf versemmelt, Partei gespalten, Glaubwürdigkeit zerstört - jetzt Außenminister.

SASCHA SCHUERMANN via Getty Images
Martin Schulz geht als Sieger aus den GroKo-Verhandlungen hervor. 
  • Martin Schulz soll in einer GroKo Außenminister werden
  • Es ist die vielleicht ungewöhnlichste Personalie der Koalition aus Union und SPD

Martin Schulz schien schon völlig am Boden. Geschlagen. Verspottet. Auf direktem Weg aufs Abstellgleis namens Brüssel.

Und jetzt das: Martin Schulz soll im GroKo-Kabinett Außenminister werden. Es ist das in der Regel dankbarste Ministeramt in einer Bundesregierung und eines der renommiertesten. Außenminister gehören meist zu den beliebtesten Politikern. Der Job lässt seine Protagonisten glänzen.

Zwar soll Schulz nicht Vizekanzler werden und den SPD-Parteivorsitz will er auch abgeben. Aber am Ende tut er sich damit selbst wahrscheinlich den größten Gefallen.

Mehr zum Thema: Verteilung der Ministerien steht: So will die GroKo regieren

St.-Martin-hafte Wundergeschichte

Denn die Zahl der möglichen Fettnäpfchen, von denen Schulz in den vergangenen Monaten keines ausgelassen hat, sinkt damit drastisch.

Schulz kann sich in den kommenden vier Jahren also voll darauf konzentrieren, als Außenminister zu glänzen. Angesichts der Ereignisse der vergangenen Monate klingt das nach einer St.-Martin-haften Wundergeschichte, nach einem Comeback im Ring, das sonst nur Rocky hinlegt.

Rocky, der scheinbar hoffnungslos unterlegene Boxer, der im gleichnamigen Film von 1976 den amtierenden Weltmeister Hiebe verpasst, dass es kracht.

Zur Erinnerung:

► 29. Januar 2017: Der SPD-Vorstand nominiert Schulz zum Kanzlerkandidaten - einstimmig, wie es heißt. 

 ► 6. Februar: Die SPD überholt die Union in den Umfragen. Laut dem Umfrageinstitut Infratest Dimap etwa liegt die SPD mit 32 Prozent einen Punkt vor der Union. Das gab es zuletzt 2006.

► 19. März: Der SPD-Parteitag wählt Schulz mit 100 Prozent der Stimmen zum Kanzlerkandidaten und Parteichef.

► 24. März: Der Abstieg der SPD beginnt - die Partei bleibt von da an in den Umfragen hinter der CDU zurück.

► Zwischen März und Mai verliert die SPD drei Landtagswahlen in Folge.

“In eine Regierung Merkel trete ich nicht ein”

24. September: Die SPD fährt das schlechteste Bundestags-Wahlergebnis nach dem Zweiten Weltkrieg ein: 20,5 Prozent.

Die Partei liegt am Boden. Noch am Abend erklärt Schulz, dass für die SPD eine Neuauflage der GroKo nicht infrage kommt.

► 25. September: Schulz: “In eine Regierung von Angela Merkel werde ich nie eintreten.”

► 20. November: Auch nach dem Scheitern von Jamaika sagt Schulz Nein zur Neuauflage der Groko.

4. Dezember: Schulz ändert seine Meinung das erste Mal. Will nun doch mit den anderen Parteien reden.

► 21. Januar: Martin Schulz wirbt auf dem SPD-Parteitag für eine Aufnahme von Koalitionsverhandlungen mit der Union. Bekommt dafür aber nur 56 Prozent der Stimmen - die Partei ist offensichtlich tief gespalten.  

► 5. Februar: Die SPD stürzt in einer Umfrage des Instituts Insa auf historisch schlechte 17 Prozent - die AfD rückt bis auf zwei Prozentpunkte an die ehemalige Volkspartei heran.

► 7. Februar: Schulz ändert seine Meinung das zweite Mal. Er will Außenminister in einer Groko werden. Seine Glaubwürdigkeit scheint damit endgültig zerstört.

Dennoch steht Schulz nun irgendwie als Sieger da.

Der Punch saß

Er hat das Land vor dem politischen Chaos durch Neuwahlen bewahrt, er hat im Namen der SPD staatspolitische Verantwortung bewiesen, er hat für die SPD die wichtigen Ministerien Außen, Finanzen und Arbeit herausverhandelt und hat sich selbst einen der wichtigsten Posten gesichert.

Mehr zum Thema: GroKo-Wundertüte: Diese 7 teuren Geschenke machen Merkel, Schulz & Co. den Deutschen

Irgendwann in der langen GroKo-Verhandlungsnacht muss Schulz aus der Defensive gekommen sein und auf Angriff geschaltet haben - der Punch saß.

Die Zeitung die “Welt” schreibt gar von einer “machtpolitischen Meisterleistung”. Das ist es in der Tat - und eines der ungewöhnlichsten Politik-Comebacks, die Deutschland in den vergangenen Jahren erlebt hat.