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Das Influencer-Prinzip: Ich, das Medium.

08/02/2018 13:57 CET | Aktualisiert 08/02/2018 13:57 CET
Wer Menschen erreicht, hat Macht.

Neid ist die aufrichtigste Form der Anerkennung. Sagte schon Wilhelm Busch. Ob er damals schon das Wort „Influencer“ kannte? Ich denke nicht. Zu seiner Zeit war die Welt noch eine völlig andere. Man drückte sich in poetischen Versen, über die Schrift aus. Das allerdings auch nur, wenn man dazu intellektuell und finanziell in der Lage war. Denn sowohl die Fähigkeit des Schreibens, als auch die Utensilien waren nicht selbstverständlich. Scheinbar erntete Herr Busch für seine Kunst von seinem Umfeld eine gehörige Portion Neid. Nicht anders kann ich mir erklären, dass dieses Zitat mit ihm in die Geschichte einging.

Influencer am Pranger

Spulen wir vor in die Neuzeit. Ich halte mein Smartphone in der Hand und sehe Menschen auf den unterschiedlichsten sozialen Plattformen, die heute eine Vielzahl anderer Menschen mit einem Bild, einem Text oder einem Video erreichen, als Wilhelm Buschs „Max und Moritz“ Wörter hat. Wir nennen sie „Influencer“ und mich beschleicht das Gefühl, dass die Gesellschaft neidisch auf sie ist. Neidisch darauf, dass diese vorwiegend jungen Menschen von einer Sache leben können (und zwar sehr gut!), die in den Augen vieler unverdient ist. Sie zeigen ein Produkt in die Kamera und bekommen dafür eine Menge Geld. Sie schreiben Hotels an und möchten kostenlos übernachten, um über ihren Aufenthalt zu berichten und werden dafür öffentlich an den Pranger gestellt. Sie werden belächelt von den Menschen, die hoffentlich mit ihren Jobs jeden Tag die Welt retten, denn anders kann ich mir den moralischen Übermut mancher Kritiker nicht erklären.

Wer Menschen erreicht, hat Macht.

Wilhelm Busch sagte in einem Zitat: „Also lautet ein Beschluss, dass der Mensch was lernen muss.“ Da bin ich ganz seiner Meinung, insbesondere in unserer dynamischen, sich ständig verändernden Welt. Wir alle müssen lernen, dass es ab sofort „Personenmedien“ gibt. Nicht mehr nur die großen Axel Springers und Burdas dieser Welt. Die Verlagsimperien, die mit ihren Publikationen Meinungen geformt und verbreitet haben. Es gibt jetzt auch die Caro Daurs und Masha Sedgwicks dieser Welt. Sie erreichen mit dem, was sie tun, Tausende von Menschen. Und die Geschichte zeigt: Wer Menschen erreicht, hat Macht. Anstatt zu lachen und sich aufzuregen über die Trivialitäten, mit denen dort gespielt wird, lohnt sich ein sachlicher Blick auf die Welt in der wir leben. Medien haben sich schon immer verändert und werden sich auch in Zukunft stark verändern. Für mich ist das einzige Wort, welches diese Veränderung umfänglich beschreibt, „Fragmentierung“. Es gibt nicht mehr DAS Medium, mit dem ich Deutschland erreiche. Früher war es vielleicht „Wetten das..?“. Heute sind diese Straßenfeger Geschichte. Der Mensch hat die freie Wahl, was er konsumiert und diese Wahl hat Menschen in der digitalisierten Welt sehr einflussreich gemacht. Wir nennen sie heute „Influencer“.

Content bleibt King

Auffällig ist, dass sich die größten Influencer mit Gaming, Mode und Kosmetik auseinandersetzen. Noch. Während man in der Fachpresse diskutiert, was Influencer für die Wirtschaft bringen und die Gesellschaft teils verständnislos, teils herablassend über die vorwiegend jungen Menschen herziehen, wächst eine neue Generation heran, die zukünftig völlig selbstverständlich ihren Einfluss im Netz formt, pflegt und möglichst weit ausbaut. Was heute noch besonders ist, wird schon in wenigen Monaten und Jahren ganz normal sein. Ein jeder, der den Anspruch hat, mit den Dingen, die er liebt, für die sein Herz schlägt, Menschen zu erreichen, wird sich bemühen, möglichst viele Menschen an seine Kanäle zu binden. Das können Themen aus dem Arbeitsleben, aus der Freizeitwelt, moralische Themen oder welche Themen auch immer sein. Der Erfolg steht und fällt, genau wie bei Wilhelm Busch damals, mit guten, spannenden Inhalten. Denn genau das möchten Menschen sehen. Nur dann verbringen sie Zeit mit diesen Inhalten und möchten mehr von der Person erfahren.

Der „digitale“ Mensch

Lasst uns also mehr das Prinzip ergründen, warum und in welcher Weise sich die Medienwelt gerade verändert. Die Inhalte werden noch vielfältiger, weniger jugendlich und, wer weiß, vielleicht auch niveauvoller. Wer sich mit dem Thema ausgiebig beschäftigt, stellt fest, dass dies bereits heute schon der Fall ist: Es gibt sensationelle Influencer, Blogger, Journalisten, die ganz autark in Eigenregie tolle, beeindruckende Inhalte abliefern. Wer clever ist, nimmt das „Prinzip Influencer“ ernst. Wir sprechen hier nicht von einer Jugendkultur, sondern über einen Vorboten unserer zukünftigen Gesellschaft. Eine Gesellschaft, in der wir mehr sind, als die Person, die wir leibhaftig sind. Wir werden zu „digitalen Menschen“, zu personifizierten Medien, zu Netzwerken. Daher werden wir eine Kompetenz erlernen müssen, die sich „Content Erstellung“ nennt – denn das wird Teil unserer Ausdrucksweise.

Mit den Worten von Wilhelm Busch gebe ich Euch ein kräftiges High Five – „Einszweidrei, im Sauseschritt. Läuft die Zeit; wir laufen mit.“

Euer Johst

(übrigens auch hier: instagram.com/klemsman)