POLITIK
02/01/2018 15:42 CET | Aktualisiert 03/01/2018 12:44 CET

Die Bundesagentur für Arbeit feiert – Hartz-IV-Empfänger sind die Dummen

Mitarbeiter der Jobcenter klagen über Sparauflagen - die Zahl der Sanktionen für Hartz-IV-Empfänger steigt.

  • Die Bundesagentur für Arbeit erwirtschaftete 2017 mehr als 5,5 Milliarden Euro Überschuss
  • Währenddessen klagen die Jobcenter über Überlastung und fehlende Mittel
  • Im Video oben: Die Regierung hat endlich eine Hartz-IV-Erhöhung beschlossen - doch die ist lächerlich

Die Bundesagentur für Arbeit beendete 2017 mit Rekordzahlen: Nicht nur ist die Arbeitslosigkeit historisch niedrig.

Die Agentur erwirtschaftete mehr als 5,5 Milliarden Euro Überschuss im vergangenen Jahr und kann sich damit über Rücklagen von insgesamt 17 Milliarden Euro freuen.

Wem jedoch nicht zum Feiern zumute sein kann, sind die Arbeitslosen und die Jobcenter. Denn die Rekordgewinne beruhen zum Großteil darauf, dass das Hartz-IV-System direkt von Steuermitteln bezahlt wird und nicht wie früher die Arbeitslosenhilfe von den Beiträge für die Arbeitslosenversicherung.

Der Erfolg der Behörde hat also nichts mit einer guten Vermittlung von Langzeitarbeitslosen zu tun. Wenn es um die geht, fährt die Bundesagentur ein eisernes Sparprogramm.

Was das für die Jobcenter bedeutet, die der Bundesagentur unterstellt sind:

Die ehemalige Jobcenter-Mitarbeiterin und Hartz-IV-Expertin Inge Hannemann sagte dazu der HuffPost:

“Es gibt sehr harte Vorgaben der Bundesagentur für Arbeit an die Jobcenter. Darin wird festgelegt, wie viele Stellen vermittelt werden sollen und natürlich, wie viel das ganze kosten darf. [...] Wer seine Ziele nicht schafft, dem drohen Gängelung und 4-Augen-Gespräche. Ich habe noch nie so viel Mobbing und Bossing erlebt, wie im öffentlichen Dienst.”

Mehr zum Thema: Ex-Mitarbeiterin packt aus: In Jobcentern geht es selten darum, Menschen zu helfen

Während es der Bundesagentur für Arbeit also finanziell großartig geht, herrscht in den Jobcentern ein großer Druck auf den Mitarbeitern.

“Die Stimmung unter [den Jobcenter-Mitarbeitern] ist daher oft katastrophal. Ein internes Punktesystem für Mitarbeiter begünstigt zudem allein eine hohe Zahl von Vermittlungen. Qualität und Dauer des vermittelten Jobs sind dabei nebensächlich - Kundenzufriedenheit wird kaum belohnt,” berichtet Hannemann weiter.

Neben dem hohen Druck, die Kosten pro Vermittlung möglichst gering zu halten, kommt dazu, dass bei der Ausbildung der Jobcenter-Mitarbeiter gespart wird. 

“Gerade einmal 35 Tage läuft in manchen Fällen die Ausbildung. Dabei nimmt eigentlich allein das Studium des Sozialgesetzbuchs II ein volles Jahr in Anspruch. Die Einsteiger lernen in den wenigen Wochen daher auch nur, wie sie sanktionieren können oder wie die Eingliederungsvereinbarung (Vertrag zwischen Jobcenter und Erwerbslosen) rechtssicher verfasst wird,” so Hannemann.

➨ Mehr zum Thema: Das Arbeitsamt hat mich bestraft, weil ich einen Schlaganfall hatte

Mitarbeiter unter großem Druck und mit schlechter Ausbildung seien in vielen Fällen kaum in der Lage, Arbeitssuchenden zu helfen. Das erklärt vielleicht auch, warum die Anzahl der Hartz-IV-Empfänger im letzten Jahr um über 60.000 Menschen gestiegen ist.

Während die Überschüsse bei der Bundesagentur also steigen, leidet die Arbeit in den Jobcentern.

Gleichzeitig spart die Bundesagentur mehrere hundert Millionen, indem in Jobcentern das Geld, was eigentlich vom Bund für die Fortbildungen vom Erwerbslosen eingesetzt werden sollte, zur Deckung der eigenen Verwaltungskosten gedeckt wird.

Allein im vergangenen Jahr waren es 764 Millionen Euro, die aus Eingliederungsmitteln für die Verwaltung ausgegeben wurden.

Und auch Hartz-IV-Empfänger bekommen die Auswirkungen des Sparkurses zu spüren:

Denn die Jobcenter sanktionieren 2017 verstärkt Hartz-IV-Empfänger. 626.415 Menschen wurden nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit bis August des vergangenen Jahres der Hartz-IV-Satz gekürzt. Ein deutlicher Anstieg zum Jahr davor. 

Fast zwei Milliarden Euro sparten die Jobcenter zwischen 2007 und 2016 mit dieser Methode.

➨ Mehr zum Thema: “Ich kann mir nicht einmal Toilettenpapier kaufen” - wie in Deutschland die Ärmsten noch ärmer gemacht werden

Eine Methode, die schreckliche Auswirkungen auf das Leben der Sanktionierten haben kann. Eigentlich soll diese Maßnahme dazu führen, dass die Hartz-IV-Empfänger sich an die Absprachen mit dem Amt halten, doch Untersuchungen von Experten zeigen ein anderes Bild. Die Jobcenter verhängen so unterschiedlich Sanktionen, dass die Experten oft von Willkür ausgehen.

Die Bundesagentur für Arbeit feiert also Rekordgewinne, die mit auf den Rücken von Jobcenter-Mitarbeitern und Hartz-IV-Empfängern erzielt wurden und sie feiert niedrige Arbeitslosenzahlen, bei einer seit drei Jahren stetig steigenden Anzahl an Hartz-IV-Empfängern. 

(br)

Gesponsert von Knappschaft