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Brief an meine Adoptivkinder: "Ich hoffe, ihr könnt den Schmerz eines Tages überwinden"

Ich danke dem Schicksal, dass es euch gibt.

09/01/2018 11:12 CET | Aktualisiert 09/01/2018 11:21 CET
roakley1 auf Pixabay
Es war ein Tag im April, als wir euch zum ersten Mal sahen

Meine lieben, wunderbaren Kinder,

es war ein Tag im April, als wir euch zum ersten Mal sahen. Maxim, du warst zweieinhalb Jahre und Nadeschda, du gerade ein Jahr alt. Euer Leben war bis dahin kein leichtes gewesen.

Ihr seid in Russland geboren und unter schwierigen Bedingungen aufgewachsen. Eure leibliche Mutter konnte irgendwann nicht mehr gut für euch sorgen. Deswegen suchte sie Hilfe und gab euch in ein Kinderheim, um für euch Eltern zu suchen, die fürsorglich und liebend für euch da sein konnten und euch gut ins Leben begleiteten.

Ich bin mir sicher, dass sie euch beide sehr geliebt hat. 

Das Schicksal führte uns auf den Weg der Adoption

Papa und ich haben uns schon immer Kinder gewünscht. Ein leibliches Kind in die Welt zu setzen und dafür alles Menschenmögliche zu tun, fühlte sich irgendwann nicht mehr richtig an.

Stattdessen führte uns das Schicksal auf den Weg der Adoption. Als wir nach einigen Irrungen in unserem Adoptionsprozess eines Tages erfuhren, dass wir einen Jungen und ein Mädchen kennenlernen würden, fühlte ich mich im ersten Moment so, wie man sich nach einem positiven Schwangerschaftstest fühlt und der Arzt einem noch mitteilt, dass man Zwillinge erwartet.

Ich weiß bis heute, dass ich in diesem Moment genau spürte, dass alles genau so richtig war. Ich wusste sofort, dass ich euch beide annehmen und lieben werde.

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Die Gerichtsverhandlung in Russland war wohl der magische Moment, der einer Geburt gleicht. Als der Richter nach einer strapaziösen Gerichtsverhandlung den magischen Satz sagte: “Heute werden zwei neue Kinder geboren…“ , fühlte sich dies wie die befreiende Wirkung an, wenn die Wehen und der Schmerz nachlassen, wenn man zum ersten Mal spürt, es ist vollbracht.

“Dies sind unsere Kinder! Für immer!”

Der wirkliche geburtliche Glücksmoment war auf dem Rückflug von Moskau nach Deutschland. Schon kurz nach dem Start des Flugzeugs wart ihr beide in Papas und meinem Schoß eingeschlafen.

Mit Tränen in den Augen sahen Papa und ich uns an. Wir spürten, wie eine Welle tiefen Glücks über uns hereinbrach und wir uns bewusst wurden: “Dies sind jetzt unsere Kinder! Für immer!“ 

Das ist nun viele Jahre her. Mittlerweile seid ihr sieben und neun Jahre alt. Wenn ich auf die vergangenen Jahre zurückblicke und innehalte, so breitet sich ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit aus. Dankbarkeit und Demut für all das, was ich bisher durch euch und mit euch habe lernen dürfen.

Vielleicht auch, weil unser Familienleben sich nicht so einfach gestaltete und auch bis heute nicht immer leicht ist. 

Unser Alltag ist wenig geprägt von freiem sorglosem Spiel, sondern dominiert von vielen Therapieterminen, Arztbesuchen, Aktivitäten, die euch in den Bereichen fördern, wo ihr noch Unterstützung braucht, lernen für die Schule, üben für die Logopädin, und so weiter.

Wir müssen einem sklavischen Tagesablauf folgen, der immer den gleichen Rhythmus und die gleiche Struktur hat. Nur das gibt euch Sicherheit. Ihr braucht so viel mehr.

Liebe und Zuneigung saugt ihr auf wie ein trockener Schwamm - immer noch. Und immer noch müsst ihr euch ständig vergewissern: “Hältst Du mich, Mama?“, meist über den Weg der Provokation.

Bin ich als Adoptivmutter gut genug?

Da ist immer noch viel Wut, Schmerz und Trauer in euch. Denn es gibt viele Dinge, die ihr nicht versteht, und die wahrscheinlich kaum jemand verstehen kann und die sehr schmerzhaft sind: Warum eure russische Mutter euch nicht bei sich behalten hat, warum ihr zwei Mamas und zwei Papas habt, warum ihr als Babys nicht gut umsorgt wurdet. 

Oft habe ich mich gefragt: Bin ich als Adoptivmutter, als eure Mutter gut genug? Kann ich das alles auffangen und euch beim Heilen helfen? Tue ich alles erdenklich Mögliche, um euch auf ein eigenständiges Leben gut vorzubereiten? So gut, dass ihr irgendwann alleine euren Weg durch das Leben gehen könnt?

Reicht meine Geduld, meine Fürsorge, meine Zuneigung? Ist meine bedingungslose Liebe für euch genug? Reicht es aus, für euch da zu sein, für euch zu sorgen, euch zu beschützen und zu behüten, egal wie viel Kraft es auch kosten mag? Ist es genug, euch so anzunehmen, wie ihr seid?

Wenn ich erlebe, wie ihr wachst, wie ihr euch entwickelt, wenn ich merke, dass es euch gut geht, dass ihr euch wohl fühlt, weiß ich, dass das alles gut genug ist.

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Dann bin ich davon überzeugt, dass ihr mit meiner und Papas Hilfe und Begleitung den sicheren Weg in ein eigenständiges Leben gehen werdet.

Wenn ihr abends nach viel Kuscheln und ausgiebigem Vorlesen in euren Betten liegt, wenn du, Maxim, beim Gute Nacht sagen fest den Arm um mich gelegt hast und schon halb schlafend geseufzt hast “Meine Mami ganz alleine“, und du, Nadeschda, meine Hand hältst, damit ich bleibe, bis du schläfst, betrachte ich glücklich meine wunderbaren Kinder, euch beide!

Dann füllt sich mein Herz mit tiefer Dankbarkeit, egal ob es ein guter oder ein schwieriger Tag mit euch war.

Ihr gebt meinem Leben einen wahren Sinn

In der Stille freue ich mich über jeden kleinen Fortschritt, den wir in den vorangegangen Tagen gemacht haben. Bis heute! Ich bin dankbar für all das, was ich mit euch über mich, meine Aufgabe als Mutter, Erziehung, Kindesentwicklung, und eure besonderen Bedürfnisse lernen darf.

Demütig danke ich dem Schicksal, das ihr mir anvertraut wurdet. Denn ihr gebt meinem Leben einen wahren Sinn.

Ich wünsche euch beiden so sehr, dass ihr den Schmerz über den Verlust eurer Wurzeln und eurer leiblichen Mutter so weit überwindet, dass er seine zuweilen dominierende Kraft in eurem Leben verliert.

Ich wünsche euch, dass ihr so viel Liebe und Vertrauen zu euch selbst entwickelt und euren Mut und eure Tapferkeit behaltet, um selbstbewusst euer eigenes Leben zu meistern.

Ich weiß, dass ihr euch irgendwann eure eigenen Träume erfüllen könnt. Denn ihr seid so unglaublich stark!

Ich glaube an euch! Und ich liebe euch! Immer!

Eure Mama

Mehr von Charlotte Weiss könnt ihr in ihrem Buch “Anders Mutter werden. Das erste Jahr nach einer Auslandsadoption” lesen. 

 

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