POLITIK
20/12/2017 10:18 CET | Aktualisiert 20/12/2017 13:19 CET

Medien fällen ein Jahr nach Berlin-Terror vernichtendes Urteil über Merkel

“Sie hat zu lange gewartet, die Opferfamilien zu treffen.”

Fabrizio Bensch / Reuters
Angela Merkel am Dienstag in Berlin
  • Angela Merkel hat bei der Gedenkfeier für die Opfer des Breitscheidplatz-Anschlags Fehler eingeräumt
  • Die deutschen Medien zerpflücken den Umgang der Kanzlerin mit dem Terror

“Heute ist ein Tag der Trauer, aber auch ein Tag des Willens, das, was nicht gut gelaufen ist, besser zu machen.”

Das waren die Worte von Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Gedenkfeier für die Opfer des Breitscheidplatzes in Berlin am Dienstag.

Vor einem Jahr hatte Anis Amri dort bei einem islamistischen Anschlag 12 Menschen getötet, als er mit einem LKW in den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz raste.

Merkel ist ihrem Amt nicht gerecht geworden

Nicht gut gelaufen ist in den Augen der Kritiker vor allem der Umgang der Bundesregierung mit den Hinterbliebenen der Opfer. Das sehen auch die meisten deutschen Medien so.

Mehr zum Thema: Hinterbliebene von Breitscheidplatz-Opfern: Schreiben des Bürgermeisters sorgt für Wut

“Ein Jahr danach wissen wir, dass dieses Land sich besser hätte kümmern sollen. Und wir bekommen eine Ahnung davon, wie sich auch die Opfer von Anschlägen in der Vergangenheit gefühlt haben: alleingelassen”, schreibt Jochen Arntz im “Kölner Stadtanzeiger”.  

► Die Angehörigen der Toten hatten sich Anfang Dezember in einem öffentlichen Brief an die Bundeskanzlerin gewandt und ein persönliches Treffen mit ihr gefordert. 

Es sei eine Frage des Respekts, des Anstands und eigentlich eine Selbstverständlichkeit, “dass Sie als Regierungschefin im Namen der Bundesregierung unseren Familien gegenüber den Verlust eines Familienangehörigen durch einen terroristischen Akt anerkennen”, stand dort.

Auch “SZ”-Kommentator Nico Fried findet: “Merkel hat zu lange gewartet, die Opferfamilien zu treffen.” Fügt aber hinzu: “Aber besser spät als nie.”

Das Gespräch mit den Familien im kleinen Kreis stehe überdies stellvertretend für den Diskurs mit der Gesellschaft insgesamt, von dem die Kanzlerin selbst wisse, dass sie ihn noch intensiver führen müsse, schreibt Fried in der “Süddeutschen Zeitung”.

“Ein dreister Witz” 

Cicero”-Autor Alexander Kissler ist weniger zurückhaltend in seiner Kritik: “Nein, der wahre Gegensatz besteht zwischen Empathie und Empathieverweigerung, zwischen Verantwortung und Merkel.”

Es sei ein dreister Witz, “dass wir mit den Menschen leiden und fühlen”, wenn diese Menschen ein Jahr lang und letztlich noch immer als Störung im Betriebsablauf angesehen werden, schreibt Kissler.

Auch Harry Nutt stellt in der “Berliner Zeitung” fest, man hätte den Eindruck gewinnen können, “dass die politisch Verantwortlichen bemüht waren, besonders schnell mit den Folgen des Anschlags fertig werden zu wollen.”

Die “Welt” fordert eine klare Haltung des Staats

“Welt”-Journalist Klaus Geiger empört sich über das Verhalten der Kanzlerin. Es sei “grundfalsch”, nach einem Anschlag so zu tun, als sei nichts gewesen.

Stattdessen hätte die Situation eine eindeutige Haltung der Bundesregierung erfordert:

Es muss klar sein: Dieser Staat tut alles, um seine Bürger zu schützen. Dieser Staat akzeptiert keine Räume, in denen sich Islamismus ausbreitet. Dieser Staat kontrolliert seine Grenzen. Dieser Staat nimmt islamistische Gefährder in Abschiebehaft”, findet Geiger. 

Das stelle niemanden unter Generalverdacht. “Das stellt nur klar, was die Regeln für das Zusammenleben im liberalen Rechtsstaat sind – und dass die Regeln durchgesetzt werden.”

“Stadtanzeiger” verlangt Mitgefühl

Stadtanzeiger”-Journalist Jochen Arntz in seinem Kommentar: “Oft haben wir jenen Satz gehört, dass wir dem Terror die Stirn bieten, in dem wir unser Leben weiter so leben wir bisher.”

Aber vielleicht gebe es angesichts des 19. Dezembers in Berlin einen besseren Rat, wie mit dem Terror umgegangen werden sollte: “Fühlen wir mit denen, die ihr Leben nicht mehr so leben können wie bisher.”

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(ll)

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