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Breitbandausbau: Warum die Innovationsfähigkeit Deutschlands gefährdet ist

08/02/2018 12:53 CET | Aktualisiert 08/02/2018 12:53 CET

Beim Breitbandausbau liegt Deutschland im internationalen Vergleich nur auf Platz 25. Dass es enormen Nachholbedarf gibt, betonte auch Univ.-Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl, Leiterin das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI und Inhaberin des Lehrstuhls Innovations- und TechnologieManagement (iTM) am Institut für Entrepreneurship, Technologie-Management und Innovation (ENTECHNON) am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), anlässlich der „Tagesspiegel Data Debates“ am 2. Februar 2018. Das Thema im Telefónica BASECAMP war „Industrie 4.0: Wie meistert die deutsche Wirtschaft die digitale Transformation?“ Wenn der Breitbandausbau nicht flächendeckend kommt, wird die Innovationsfähigkeit Deutschlands gefährdet.

Henrik Andree

Frau Prof. Weissenberger-Eibl: Wer soll die Investitionen für den Breitbandausbau in Deutschland stemmen?

Wenn es um die Investitionen für den Breitbandausbau geht, muss man zunächst ganz klar unterscheiden zwischen den Regionen, über die wir sprechen. In den Innenstädten in Deutschland ist schon jetzt die Breitbandversorgung sehr gut. Hier stehen die Telekom im Wettbewerb mit Kabelnetzbetreibern und kommunalen Netzanbietern – und da gibt es einige sehr leistungsstarke Anbieter wie M-net und die Stadtwerke München, HanseWerk in Hamburg oder NetCologne. Kritisch wird es aber schon in Gebieten etwas abseits vom Zentrum. Das heißt, auch in den Stadtrandlagen der Ballungsgebiete – aber erst recht in ländlichen Räumen – ist die Breitbandabdeckung nach wie vor ungenügend.

Die Telekom will die Übertragungsraten mit einem pragmatischen "lower budget"-Ansatz erhöhen …

Mit dem sogenannten Vektoring sollen die Glasfasernetze nur bis zu den Übergabepunkten verlegt werden. Für die letzte Meile wird dann weiterhin auf Kupferkabel gesetzt. Damit erreicht man immerhin mittlere Übertragungsleistungen von 30 Megabit pro Sekunde auf der Fläche. Für ein entsprechendes Ausbaukonzept sind die Investitionskosten überschaubar und könnten von der Telekom selbst gestemmt werden.

Grundsätzlich wäre übrigens auch denkbar, die letzte Meile per Funk zu überbrücken. Gerade mit 5G wird zukünftig schließlich eine hohe Bandbreite erreicht. Auch wenn die räumliche Reichweite entsprechender Lösungen beschränkt ist, könnten doch für Privathaushalte Breitbandangebote umgesetzt werden, auch ohne zu jedem Haus ein Glasfaserkabel zu verlegen. Für die Nutzung von Streamingdiensten würde das jedenfalls ausreichen.

Wenn es jedoch um professionelle Anwendungen geht, sind leitungsgebundene Netze unbedingt erforderlich …

Vor allen Dingen die Zuverlässigkeit spielt hier eine entscheidende Rolle. Als pragmatische Lösung hat die Bundesregierung nun ein Investitionsprogramm aufgelegt, um zumindest schon mal Gewerbegebiete mit Breitband auszustatten.

Breitband in Gewerbegebieten ist erst einmal sicherlich sinnvoll, aber professionelle Digitalisierungsanwendungen sind heute überall gefragt. Breitbandausbau auf der gesamten Fläche ist als wichtige Zukunftsinvestition vor allem hinsichtlich professioneller Anwendungen entscheidend.

Es gibt Standorte, die schon heute hohe Investitionen rechtfertigen, weil die Nachfrage ausreicht. Wer soll das finanzieren?

Hier sollten private Netzanbieter im Wettbewerb den Ausbau finanzieren. Nun reicht die Nachfrage laut Telekom an vielen Standorten allerdings nicht aus. Hier stehen wir natürlich vor einem Henne-Ei-Problem: Die Nachfrage besteht heute noch nicht, weil das Netz nicht ausgebaut wurde – und umgekehrt. Empirische Analysen zeigen, dass der Breitbandausbau ein Innovationsumfeld schafft und entsprechend digitale Konzepte in der Wirtschaft anstößt.

Gibt es dazu ein Vorbild?

Hier kann man Schweden als Vorbild nehmen: Dort ist heute eine weitere Abdeckung mit Glasfaser gegeben. Dies hat in der Folge eine große Zahl an Startups im digitalen Bereich möglich gemacht und auch digitale Geschäftsmodelle werden dort deutlich häufiger umgesetzt.

Wie sollte eine Refinanzierung der Ausbauinvestitionen erfolgen?

Zunächst über Nutzungsentgelte erfolgen. Zusätzlich ist denkbar, dass der Ausbau in Standrandlagen über intelligenten Auktion vorangebracht wird. Dann bekommt ein Anbieter beispielsweise den Zuschlag für die Breitbandausstattung einer Stadt nur dann, wenn er auch die Peripherie bedient. Allerdings ist grundsätzlich vor allen Dingen in ländlichen Gebieten mit einem Marktversagen zu rechnen, weil insbesondere private, aber auch kommunale Anbieter hier in jedem Falle mit zu langen Amortisationszeiten rechnen müssen. Entsprechend der Bedeutung für die zukünftige Entwicklung sind hier also staatliche Investitionen sinnvoll und notwendig.

Vielen Dank für das Gespräch.