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29/01/2018 17:16 CET | Aktualisiert 29/01/2018 18:10 CET

Betroffener: "Ich bin sexsüchtig und das macht es mit mir"

"Die Fantasien starten und ich komme in einen Kreislauf rein."

  • In einem anonymen Interview erzählt ein Sexsüchtiger wie es ist, mit der Sucht zu leben
  • Sexsüchtige haben die gleichen Verhaltensmuster wie etwa Alkohol- oder Drogenabhängige – Ärzte nehmen Sexsucht aber weniger ernst
  • Oben im Video seht ihr das ganze Interview 

Sex macht uns glücklich, gibt uns neue Energie und sorgt für den intimsten Moment mit unserem Partner.

Für Sexsüchtige ist dieser besondere Moment eine Last. Sie handeln nur, um ihr Verlangen zu stillen. Zärtlichkeit und Liebe werden zu Seltenheit. 

► Experten zufolge gibt es in Deutschland ungefähr eine halbe Million Sexsüchtige. Sie denken jedoch, dass die Dunkelziffer viel höher ist.

“Ich finde kein Ende mehr”

Gerd Fischer ist sexsüchtig. Seine Frau und einige Freunde wissen von seiner Abhängigkeit, seine Tochter nicht. Das soll die nächsten Jahre auch noch so bleiben. Aus diesem Grund haben wir seinen Namen geändert.

Fischer erzählt: 

“Ich bin Fußfetischist und da gibt es gerade im Sommer viele auslösende Reize. Dann starten die Fantasien und ich komme in einen Kreislauf rein. Und dann finde ich kein Ende mehr, solange bis man sich schuldig fühlt. Ich bereue das danach wieder und reiße mich zusammen. So lange, bis ich wieder den gewissen Abstand gewonnen habe und dann fängt das wieder von vorne an.”

► Sexsüchtige handeln nach ähnlichen Verhaltensmustern wie andere Suchtkranke, sagt Sexual- und Paartherapeutin Heike Melzer aus München. “Es ist genau wie bei den üblichen Süchten. Betroffene denken vermehrt an Sex und können es einfach nicht lassen, es zu tun.”

Gerd Fischer kann das bestätigen. Schon in jungen Jahren schaute er oft und lange Pornos. “Ich masturbierte Ewigkeiten von meinem PC”, erinnert sich Fischer. Heute leidet auch das Sexleben mit seiner Frau unter seiner Sucht.

“Es ist so, dass ich ein schlechtes Gewissen bekomme, wenn ich mich die ganze Zeit vor den Rechner setze und es mir selbst mache. Weil ich im Hinterkopf weiß, dass meine Frau zu kurz kommt. Meine Frau ist im erotischen Bereich von mir abhängig. Und wenn ich mich dann zu viel mit mir selbst beschäftige und bei ihr dann nichts mehr ankommt, dann habe ich ein schlechtes Gewissen.”

Mehr zum Thema: So viel Sex braucht eine Beziehung, damit sie hält

Experten urteilen nach der SAFE-Regel 

Laut Therapeutin Melzer kann definiert werden, wann ein Verlangen zu einer Sucht wird. Das gilt nicht nur für Sexsucht, sondern auch für beispielsweise Alkohol-, Drogen- und Magersucht.

► Melzer spricht von der SAFE-Regel. Die vier Buchstaben stehen stellvertretend für ein Suchtanzeichen. Melzer definiert die Regel so:

S = Secret 

Betroffene wollen ihre Sucht geheim halten. 

A = Abusive 

Durch die Sucht handeln Betroffene missbräuchlich. Sowohl sich selbst als auch anderen gegenüber.

F = Feeling

Betroffen greifen zu ihrem Suchtmittel, um schlechte Gefühle zu vergessen. 

E = Empty

Süchtige handeln ohne Emotionen. Einem Sexsüchtigen geht es allein um den Sex als körperlichen Akt. Der Süchtige hat hauptsächlich Sex, um zum Orgasmus zu kommen.

Viele Mediziner würden eine Sexsucht nicht ernst nehmen, sagt Melzer. Für Melzer ein Problem. “Sexsucht ist ein weltweit verbreitetes Thema. Besonders in arabischen Ländern, in denen man noch nicht einmal einem Menschen hinterherschauen darf, gibt es eine große Sexsucht-Community”, sagt die Expertin.

Das Verhältnis von Frauen und Männern ist ungefähr 1:30

Gerd Fischer befindet sich in Therapie. Er hofft, seine Sexsucht so in den Alltag integrieren zu können – damit es nicht mehr zu unangenehmen Situationen kommt. Er sagt:

“Ich bin einmal bei mir im Büro gesessen und habe onaniert und dann kam ein Kunde rein. Und das war sehr peinlich. Da habe ich mich sehr geschämt.”

Da Fischer auch einen Fußfetisch hat, hat er schon oft fremde Frauenstrümpfe mit nach Hause genommen. Fischers Frau fand die fremden Socken zufällig. “Als sie die Strümpfe sah, hat sie erstmal schlucken müssen”, sagt Fischer. 

Laut Therapeutin Melzer leiden vor allem Männer an einer Sexsucht. “Ich habe im Jahr vielleicht fünf bis zehn Frauen bei mir in Behandlung und weitaus mehr Männer. Auf eine Frau kommen im Regelfall 30 sexsüchtige Männer”, sagt Melzer. 

Frauen dagegen seien eher “love addicted”. ”Sie verstricken sich eher in amouröse und zahlreichen Liebschaften und suchen weniger oft den Rat eines Experten”, sagt Melzer. 

Betroffene Frauen seien ständig auf der Suche nach einem neuen Mann, in den sie sich verlieben können. “Sie wollen vor allem das anfängliche Gefühl des Verliebtseins immer und immer wieder spüren.”

 

(jds)