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Über diese peinlichen Symptome von Depressionen spricht niemand

Menschen mit Depressionen schämen sich für diese Auswirkungen ihrer Krankheit.

02/02/2018 17:45 CET | Aktualisiert 02/02/2018 17:45 CET
Marjan_Apostolovic via Getty Images
“Ich werde oft ausgelacht, weil ich eine “Heulsuse” bin. Mich bringt alles zum weinen."

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf The Mighty.

Geschrieben von Juliette Virzi

Wenn du mit einer Krankheit leben musst, gibt es oftmals ungewollte – oder “peinliche” – Symptome, mit denen du lernen musst umzugehen. Das trifft auch zu, wenn du unter Depressionen leidest.

Vielleicht erinnerst du dich nicht daran, wann du das letzte Mal geduscht hast – und Trockenshampoo hilft inzwischen auch nicht mehr. Vielleicht ist dein einst befriedigendes Sexleben nicht mehr so wie früher und du kannst keine körperliche Intimität mehr genießen.

Oder vielleicht fühlt es sich so an, als wären deine Emotionen außer Kontrolle geraten und du kannst sie nicht aufhalten, wenn sie zur “falschen” Zeit und auf die “falsche” Art und Weise herausplatzen.

Du bist nicht alleine

Egal wie deine Erfahrungen mit “peinlichen” Depressions-Symptomen aussehen, wir zeigen dir, dass du damit nicht alleine bist.

Der einzige Weg, wie wir die Scham und das Stigma von Depressionen loswerden können, ist, darüber zu reden. Um genau das zu tun, haben wir die The Mighty-Community gebeten, die “peinlichsten” Symptome ihrer Depression mit uns zu teilen.

Bevor wir damit anfangen, wollen wir darauf hinweisen, dass das Gefühl der Scham sehr real ist – und wie alle Gefühle, gerechtfertigt. Auch wenn es normal ist, sich manchmal zu genieren, solltest du wissen, dass es mehr als ok ist, wenn du nicht ok bist und dass du dich nicht dafür schämen musst, mit deiner Depression zu kämpfen.

Das teilte die The Mighty-Community mit uns:

1. Nicht duschen

“Das peinlichste Symptom, mit dem ich lebe, ist, keine Motivation zu haben, aufzustehen und zu duschen. Ich liebe duschen und Bäder. Meine Depression ist aber so schlimm, dass ich nicht mal mehr das machen kann. Ich werde jetzt faul genannt und von oben herab behandelt, weil ich mich gehen lasse. Ich wünschte, die Menschen, die das tun, könnten für ein paar Stunden in meinem Körper und Kopf leben – damit sie sehen, dass so viel mehr als nur Faulheit dahinter steckt.” Kandis G.

“Wenn ich aufwache, habe ich einfach keine Kraft, um mich unter die Dusche zu zwingen. Ich weiß, es lässt mich wie ein Faulpelz aussehen, aber es ist ein wirkliches Problem – jeden Tag.” — Billy P.

2. Wenig Lust auf Sex

“Sexuelle Funktionsstörung und mangelndes Verlangen. Außerdem Übergewicht.” Jerry F.

“Als ich depressiv war, konnte ich keinen Sex haben… Es hat mein Leben ruiniert.” — Jazzae C.

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3. Nicht putzen

“Ich habe nie die Motivation meine Wohnung zu putzen, das macht es super unangenehm, wenn Freunde oder Familie mich besuchen wollen.”— Julie S.

“Ich habe mein Haus nicht geputzt und es war ziemlich eklig. Ich habe mich von dem Problem lösen können, aber es ist schwer, das vergessen zu machen. Ich musste in einen andere Staat ziehen – weil ich bei den Vermietern in meiner Heimatstadt so einen schlechten Ruf hatte.” — Elizabeth B.

4. Mangelnde Zahnhygiene

“Mein Zahnfleisch ist das beschämendste Zeichen meiner Depression. Wenn es mit gut geht, versuche ich mich um meine Hygiene zu kümmern. Aber meine depressiven Episoden halten manchmal wochenlang an – das heißt, dass ich für eine peinlich lange Zeit ohne Zähneputzen auskomme.

Mein Zahnfleisch zahlt den Preis dafür und ich lächle sogar weniger als zuvor. Das ist nur eine weitere physische Erinnerung, wie schlimm es so lange schon ist. Ich muss jedes Mal schaudern, wenn ich meine Zähne putze.” — Emily M.

“Meine Zähne. Nach dem mein Vater starb, wurde meine Depression so schlimm, dass ich meine Selbstpflege aufgab. Da ich im Schlaf sowieso schon mit den Zähnen knirsche, mussten meine Zähne darunter ungemein leiden. Ich muss sie herausnehmen lassen. Und ich habe nicht nur Angst vor der Prozedur – ich habe panische Angst vor Zahnärzten – ich kann es mir nicht mal leisten.” — Veronica S.

5. Verschlafen

“Ich bin fast jeden Tag zu spät auf der Arbeit. Und ich habe sogar schon eine Verwarnung dafür bekommen. Aber es fällt mir einfach so schwer, jeden Morgen aus dem Bett zu kommen. Ich würde gerne mehr zustande bringen und verantwortlicher sein, aber ich schaffe es nicht, aus dem Bett zu kommen wenn es wichtig ist und das ist demütigend.” — Leanne D.

“Spät aufwachen. Ich arbeite daran mit meinem Therapeuten. Menschen sagen, es ist, weil ich faul oder müde bin, aber manchmal sehe ich einfach nur keinen Grund zu leben.” — Sara L.

6. Verabredungen platzen lassen

“Termine nicht einhalten können. Ich bin so unglaublich unzuverlässig. Ich mache Pläne und sage sie in der letzen Minute ab – sehr häufig. Dafür gibt es verschiedene Gründe: Erschöpfung, kein Selbstbewusstsein, Angst, das Gefühl überfordert zu sein – das alles von der Depression (oder Angststörung, es ist ätzend, beides zu haben).” — Angela H.

“Meine Pläne absagen zu müssen, einfach nur, weil ich keine Energie habe, zu gehen. Immer und immer wieder. Auch Anrufe nicht beantworten. Meine Freunde und Familie verstehen nicht, dass ich das nicht mache, weil ich faul oder egoistisch bin – ich will sie auch nicht damit verletzen. Es ist, weil ich emotional einfach erschöpft bin.” — Alea D.

7. Nicht zu wissen, wann du wieder anfangen wirst zu weinen

“Ich werde oft ausgelacht, weil ich eine “Heulsuse” bin. Mich bringt alles zum weinen… Wenn ich Werbung sehe – selbst wenn ich sie zum tausendsten Mal sehe – muss ich weinen. Ich bin sehr emotional und Menschen tendieren dazu, sich darüber lustig zu machen. Ich hasse es. Ich wünschte, ich könnte aufhören, wegen jedem Kram zu weinen.” — Rochelle W.

“Manchmal weine ich einfach. Ohne Grund. Ich bin in der Öfentlichkeit und irgendwas bringt mich aus der Bahn und ich muss anfangen zu weinen. Andere Menschen fühlen sich dann oft unwohl und mir ist es peinlich.” — Kaitlyn C.

“Wenn ich gerade eine depressive Episode durchmache bin ich immer so überemotional. Anscheinend steht mir das ins Gesicht geschrieben. Und immer wenn mich dann jemand fragt, ob es mir gut geht, fange ich so gut wie immer an zu weinen.” — Victoria M.

8. Benommenheit

“Vernebeltes Hirn. Ich bringe ständig durcheinander, wo ich sein muss und was als nächstes passiert – selbst wenn ich den gleichen Tagesplan habe wie sonst auch. Es ist so frustrierend und peinlich. Und selbst die Menschen, die von meiner Depression wissen, verstehen meine ‘Vergesslichkeit’ nicht. Sie denken, ich blase sie ab oder sehe sie nicht als Priorität. Egal was ich mache, wenn der Nebel dicht ist, hat das Gehirn kleine Aussetzer, besonders was den Fokus und das Gedächtnis betrifft.” — Lydia H.

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9. Änderungen im Gewicht

“Übergewichtig sein. Je depressiver ich bin, desto dicker werde ich. Daraus hat sich ein richtiger Teufelskreis gebildet. Ich will nicht gemein zu anderen sein, aber ich weiß für mich, dass es peinlich und physisch unangenehm ist.” — Amanda E.

“Ich wende mich an einfache Gerichte – die unglücklicherweise meist Fast Food sind. Ich bin zu depressiv, um wirklich was anderes zu machen. Dann kommen die Pfunde und dann mehr Depression. Ich gehe kaum vor die Tür, da ich mich für mein Gewicht schäme, aber das isoliert mich nur noch mehr.” — Jennifer K.

10. Ständige Müdigkeit

“Ich bin immer müde. Ich kann acht Stunden schlafen oder 14 Stunden schlafen und ich bin trotzdem müde. Egal was ich mache, ich kann nicht aufhören zu gähnen.” — Cora H.

“Jedes Mal, wenn ich erwähne, dass ich bis 14 Uhr im Bett gelegen bin oder dass ich den ganzen Tag geschlafen habe, gucken mich die Menschen an, als wäre ich faul. Oder sie sagen: ‘Warte nur ab, bis du mal Kinder hast.’ Ich bin erschöpft. Ich kann nichts dafür. Ich habe mir nicht ausgesucht, so zu sein.” — Katie B.

11. Nicht fähig dazu sein, Vollzeit zu arbeiten

“Mein Unfähigkeit zu funktionieren, wenn ich in einem Vollzeit-Job arbeite ist mein einziges peinliches Symptom. Ich habe einen anerkannten Universitäts-Abschluss nach vier Jahren Studium, den ich niemals nutzen werde – und mein Studienkredit hat mich 30.000 Dollar gekostet.

Ich habe promoviert, bin in die Arbeitswelt gekommen und dann komplett abgestürzt. Meine depressiven Episoden sind dramatisch angestiegen und ich war in dieser Spirale gefangen, bis die Angst mich übernahm und mich vollkommen leer und erschöpft zurück ließ.

Ich schäme mich die ganze Zeit dafür, wenn ich jemanden erzähle, dass ich nur halbtags arbeite. Oft denke ich, dass sie wahrscheinlich denken, dass ich reich geheiratet habe und meine Ehemann mich ‘eine Hausfrau sein lässt’. Meine Krankheit schränkt mich ein, dabei bin ich so viel mehr als das, was sie zulässt.” — Jessica G.

“Ich konnte nie einen Job behalten, da ich keine Motivation habe irgendetwas zu machen. Ich wurde für Arbeitsunfähig erklärt und werde konstant dafür gehasst.” — Trixi S.

12. Ständige Wut

“Viele Menschen verstehen nicht, dass Depression nicht nur Traurigkeit ist – es ist auch Wut. Ich kann mich so sehr ärgern, dass ich vor allen anfangen muss zu weinen, egal wo. Es ist, als wüsste ich, was mich so frustriert aber keine Chance habe das zu ändern. Meine Angststörung schränkt mich da sehr ein. Es ist, als würde ich danach greifen aber jemand hält mich zurück. Meine Wut ist ständig da.” — Destiny F.

“Meine extreme Wut… Ich habe so viele Jobs deswegen verloren. Viele Menschen glauben oder verstehen nicht, dass meine Wut ein Symptom der Depression ist.” — Ellie S.

13. Dermatillomanie oder „Skin-Picking-Disorder“

“Eines der Symptome für die ich mich besonders schäme, ist das aufreißen meiner Haut. Ich kratze meine Kopfhaut auf. Das hat sich irgendwann in meiner High-School-Zeit entwickelt. Es kam als Begleiterscheinung zu meiner Depression, vermute ich. Es ist so unglaublich peinlich und durch vergangene Vorfälle werde ich nie den Kopf von anderen Menschen anfassen.” — Tristin G.

“Ich habe nicht die Motivation eine Hautpflege-Routine aufrecht zu erhalten. Meine Angststörung lässt mich an jedem Fleck der an mir auftaucht kratzen. Ich habe riesige Narben von Pickeln, die ich aufgekratzt habe.” — Amy R.

14. Emotionale “Extreme”

“Zu emotional zu sein oder gar keine Emotionen zu fühlen. Es gibt keine Mitte. Ich fühle entweder alles auf einmal oder gar nichts.” — Morgan M.

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15. Nahestehenden Personen aus dem Weg gehen

“Ich meide Menschen, die mir nahe stehen. Manchmal antworte ich nicht auf Nachrichten oder Anrufe… Ich vermeide es, Menschen zu sehen, nehme ungeplant Urlaub im Büro, versuche Schlaf als Flucht vor der Realität zu nutzen… Durch meine Depression habe ich wichtige Menschen in meinem Leben verloren.” — Manju H.

16. Verdauungsschwierigkeiten

“Das schlimmste sind wahrscheinlich die physischen Symptome… wie zum Beispiel Probleme mit der Verdauung. Manchmal musst du einfach auf die Toilette rennen und das zu erklären ist wirklich frustrierend und stressig.” — Marcella W.

17. Zeit verschwenden

“Ich habe das Gefühl, dass alles was ich mache, Zeitverschwendung ist – außer wenn ich etwas neues lerne. Obwohl ich das weiß, verbringe ich so viel Zeit gedankenlos durch Facebook zu scrollen. Ich setze mir auch viele Ziele, aber ich kann sie kaum verwirklichen.” — Dao H.

18. Oft Nickerchen machen

“Ich schlafe, wenn ich mich mit jeglichen Emotionen überfordert fühle. Ich werde ständig faul genannt deswegen – aber das ist meine Art und Weise damit umzugehen.” — Sophie B.

“Ich mache Nickerchen am Tag, weil ich sonst nicht funktioniere. Nachts habe ich dann aber dadurch Probleme einzuschlafen. Es ist ein Teufelskreis.” — Susan V.

19. Einsamkeit

“Das schlimmste ist, keine Freunde zu haben – oder jemand, der dich unterstützt und dich und dein Leben bestätigt. Niemand möchte diese ganzen Dinge fühlen. Es ist schon schwer genug gegen unseren eigenen Kopf zu kämpfen – geschweige denn die Einsamkeit.” — Ashley H.

20. Niedriges Selbstvertrauen

“Ich brauche ständig Bestätigung. Mein Selbstwertgefühl ist sehr viel besser als es war, aber ich mir viel es schwer mich mit meinen Entscheidungen wohl zu fühlen und das Gefühl zu haben etwas ‘richtig’ zu machen.

Ständig eine Rückversicherung von anderen Menschen zu suchen, wird irgendwann ermüdend für alle beteiligten. Und meistens schwächt es mein Selbstvertrauen nur noch mehr, weil ich denke, ich sollte es inzwischen eigentlich ‘besser wissen’.” — Ryan G.

21. Mattes Haar und Druckgeschwüre

“Ich dusche so selten, dass mein Haar matt geworden ist – ich bekomme Ausschläge und Druckgeschwüre. Ich bin übergewichtig, es ist sehr schwer die infizierten Stellen selbst zu behandeln.” — Jenny B.

22. Schlechte Konzentration

“Ich vergesse Dinge und sehe so aus, als würde ich nicht zuhören – besonders auf der Arbeit. Es fällt mir schwer, mich zu konzentrieren.” — Nydia D.

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23. Sich wie ein schlechter Elternteil fühlen

“Nicht die Mutter für meinen Sohn sein zu können, die ich sein möchte. Ich bin eine alleinerziehende Mutter. Wir leben mit meinen Eltern. Es wird sich gut um ihn gekümmert, aber an den Tagen, an denen ich zu Hause bin, möchte ich alleine sein. Ich will nicht, dass er mich so sieht. Manchmal leidet meine Beziehung mit ihm darunter.

Der Mann meiner besten Freundin beschimpfte mich auf Facebook – er sagte, ich wäre keine gute Mutter, weil wir bei meinen Eltern leben. Er weiß nicht, was ich durchmache. Meine beste Freundin redet nicht mehr mit mir. Sie hat nie versucht, herauszufinden, was die Wahrheit ist.” — Heather W.

24. Distanzierung

“Dissoziation mitten in einem Gespräch oder einer Präsentation. Ich musste aufhören zu sprechen in einem Meeting – ich konnte fühlen, wie ich aus meinem Körper fuhr. Es ist demütigend.” — Sierra B.

25. Das Haus nicht verlassen können

“Mir fällt es schwer, das Haus zu verlassen. Wenn ich es mache, starre ich auf den Boden und ignoriere jeden um mich herum – während ich schwitze und panisch bin. Es ist ein schreckliches Gefühl.” — Shayla A.