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11/01/2018 06:04 CET | Aktualisiert 11/01/2018 08:16 CET

Berlin will Obdachlose in Flüchtlingsheimen unterbringen

Expertin warnt: “Die Obdachlosenzahlen steigen, es bilden sich die reinsten Elendscamps.”

Maja Hitij via Getty Images
Ein Obdachloser in Berlin.
  • In Berlin sollen Wohnungslose in Containern untergebracht werden, die bisher als Flüchtlingsheime dienten
  • Das Problem der Stadt: Niemand weiß sicher, wie viele Obdachlose es eigentlich gibt

In deutschen Großstädten haben immer mehr Menschen keine Wohnung. Nicht nur München musste zuletzt einen traurigen Rekord bekanntgeben. Auch in Berlin spitzt sich das Problem zu.

Die Stadt will nun ihre Bemühungen im Kampf gegen die Obdachlosigkeit erhöhen.

Bei der ersten gesamtstädtischen Strategiekonferenz zum Thema wurden am Mittwoch mehrere Maßnahmen beschlossen, die das Problem lindern sollen.

Der Berliner Senat verdoppelt in diesem Jahr nach eigener Angabe die Finanzmittel für Projekte gegen Obdachlosigkeit. 8,13 Millionen Euro sollen fließen.

Die rund 200 Konferenzteilnehmern aus Politik, Verwaltung, Obdachlosenhilfe, von Wohlfahrtsverbänden und Wissenschaft beschlossen zudem, dass Obdachlose in Zukunft verstärkt in Flüchtlingsheimen untergebracht werden sollen.

Die ursprünglich für Asylbewerber errichteten Wohncontainer sollen dafür in größerem Maße auch als Obdachlosenheime dienen, berichtet die “B.Z.“.

Sozialsenatorin Elke Breitenbach von den Linken verkündete am Mittwoch zudem, dass weitere 30 Unterkünfte mit 250 bis 450 Plätzen errichtet werden sollen. 

Mehr zum Thema: Eine einfache Idee soll Obdachlosen in Berlin die Würde zurückgeben

Ein großes Problem bleibt

Für Ortrud Wohlwend von der Stadtmission war es höchste Zeit, dass etwas passiert.

“Es ist überfällig, dass es eine stadtweite Strategie geben soll. Es ist nicht sinnvoll, dass jeder Bezirk sich selbst überlegt, welche Hilfen er Obdachlosen anbietet”, sagte Wohlwend der “Süddeutschen Zeitung”.

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Ein großes Fragezeichen aber bleibt: Das ganze Ausmaß des Problems ist noch gar nicht bekannt. Der Stadt liegen keine verlässlichen Zahlen vor, wie viele Menschen in Berlin auf der Straße leben. 

Im kommenden Jahr soll nun eine “Straßenzählung” begonnen werden. Erst dann wird festzustellen sein, ob die bisherigen Maßnahmen überhaupt erfolgversprechend sind.

Es trifft immer häufiger Frauen 

Denn auch Wohlwend von der Stadtmission beobachtet gleich mehrere alarmierende Entwicklungen in der Hauptstadt.

► Einerseits kämen immer mehr Menschen aus Osteuropa nach Berlin – in der Hoffnung auf einen saisonalen Job. Arbeit gebe es jedoch kaum – und häufig auch keine Wohnung. 

➨ Mehr zum Thema: Was sich arme Menschen auf Deutschlands Straßen am meisten wünschen

“Wohnungslose Europäer, die noch nie in Deutschland gearbeitet haben, haben keinen Anspruch auf Unterstützung”, sagt sie. “Wir dürfen aber nicht zulassen, dass Menschen vor unserer Tür verelenden.”

► Andererseits gebe es mittlerweile “viel mehr Obdachlose im Rollstuhl”. Für diese gebe es aber keine adäquaten Hilfsangebote. Nicht einmal barrierefreie kostenlosen Toiletten.

► Ein weiteres Problem: Immer häufiger würden Frauen auf der Straße landen. Lange habe es geheißen, Männer seien von Obdachlosigkeit deutlich stärker bedroht. “Jetzt scheint sich das zu verändern.”

Viele Frauen auf der Straße würden schlimme Erfahrungen mit Gewalt und Drogen machen. Die Expertin warnt: “Die Obdachlosenzahlen steigen, es bilden sich die reinsten Elendscamps.”

(sk)

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