POLITIK
10/01/2018 12:50 CET | Aktualisiert 11/01/2018 01:26 CET

Täglich helfe ich Flüchtlingen in Salzgitter – doch der Aufnahmestopp war richtig

"Wir und unsere Stadt brauchen eine Atempause."

dpa
Syrische Flüchtlinge kommen im April 2016 am Grenzdurchgangslager Friedland im Landkreis Göttingen an. 

Im September 2017 hatte Niedersachsens Innenministerium die Notbremse gezogen: Angesichts einer überdurchschnittlich hohen Zuwanderung von Flüchtlingen erließ das Ministerium Zuzugsbeschränkungen für Salzgitter – bundesweit ein Novum.

Im November 2017 verhängte Niedersachsen auch Aufnahmestopps für Delmenhorst und Wilhelmshaven.

Dincer Dinc hat täglich mit den Flüchtlingen in Salzgitter zu tun. In der HuffPost erklärt er, warum er die damalige Entscheidung nach wie vor begrüßt – und wie sie den Flüchtlingen hilft.

In Salzgitter ist der Erfolg zum Problem geworden. Gerade weil Migranten in der niedersächsischen Großstadt so gut integriert worden sind, sind immer mehr Einwanderer und Flüchtlinge gekommen.

Wir haben hier ein riesengroßes Netzwerk, beginnend von der Verwaltung bis zum letzten ehrenamtlichen Helfer. Das spricht sich bei Flüchtlingen rum.

Klar, auch die Mieten in Salzgitter sind günstig. Doch anders als in den großen Metropolen, wo Flüchtlinge nur eine Wohnung, Lebensmittelgutscheine und sonst nichts bekommen, wird den Menschen hier auch wirklich geholfen. 

Wir lassen sie an unserem Leben teilhaben, die Neuzugezogenen werden animiert, aktiv zum Gelingen beizutragen. Das macht unsere Stadt so attraktiv.

Der ADAC für Bürger

Seit seiner Gründung 2007 ist unser Bürgerservice für Migranten immer gut besucht. Wir wollen die Probleme der Menschen lösen und sie begleiten. Wir sind wie der ADAC für Bürger, der sie auf den richtigen Weg bringt. Zwischen 2000 und 3000 Menschen konnten wir so helfen.

Doch seit 2015 sind immer mehr Flüchtlinge zu uns gekommen. Wir wurden in relativ kurzer Zeit schnell an die Grenzen des Machbaren gedrängt. So viel Hilfe, wie notwendig war, konnten wir nicht mehr erbringen.

Obwohl wir in der Stadt und der Region so gut vernetzt sind, haben wir einfach nicht mehr alles geschafft.

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Hilfe von A bis Z

Denn anders als in der Vergangenheit, wo wir ein Problem nach dem anderen lösen konnten, müssen wir uns jetzt um alle Lebenslagen der Flüchtlinge auf einmal kümmern: vom ersten Moment nach der Ankunft in Salzgitter bis hin zur Einschulung oder Wohnungssuche.

Viele Flüchtlinge kamen mit nicht mehr als einem Rucksack nach Niedersachsen. Bei ihnen hört nicht bei einem einzigen Antrag oder Formular auf.

Jeder dieser geflüchteten Syrer oder Afghanen muss von A bis Z begleitet werden, von der Erstausstattung der Wohnung bis zur Zusammenführung mit seiner Frau und seinen Kindern. Überall müssen wir mitdenken, all das frisst viel Zeit.

Das Problem setzte sich natürlich auch bei den Behörden, den Institutionen und anderen Flüchtlingsinitiativen und -einrichtungen fort. Jeder hat die Arbeitsleistung erhöht, bis es eben nicht mehr ging.

Die Warteschlangen wurden immer länger, die Plätze in den Kinderkrippen immer weniger. Keine Sozialpädagogen, keine Deutschlehrer, keine Integrationskurse.

dpa
Salzgitter besteht aus 31 Stadtteilen

Deswegen war der Aufnahmestopp für neue Flüchtlinge letztendlich die richtige Entscheidung – so schwer sie auch für uns zu akzeptieren war und ist.

Der Stopp war auch berechtigt, weil wir in Salzgitter alle Menschen brauchen.

Wir müssen an einem Strang ziehen, sonst geht es nicht. Insbesondere wir als Integrationslotsen müssen auch die Sorgen und Nöte der übrigen Bürger mitnehmen. Wir dürfen unsere Mitmenschen nicht überfordern – sonst kippt die Stimmung. Dann gehen die Menschen mit ihrem Hass zur AfD.

Die Rechtspopulisten schaffen keinen Konsens – und wollen das auch nicht. Wer mit den Ängsten der Menschen spielt, ein atmosphärisches Feuer entfacht, die Menschen spaltet und Fremdenhass schürt. ist sowohl für die Politik als auch für die  gesellschaftlichen Probleme des 21. Jahrhunderts nicht geschaffen!

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Wir und unsere Stadt brauchen eine Atempause

Klar ist aber auch: Wenn wir jetzt überziehen, dann verlieren wir auch die Menschen, die derzeit noch mit den Flüchtlingen sympathisieren oder ihnen neutral gegenüber standen.

Damit das nicht passiert, müssen wir uns unserer Verantwortung bewusst werden. Wir und unsere Stadt brauchen eine Atempause. Denn Kitas oder Schulplätze sprießen nicht von heute aus dem Boden, Lehrer und Pädagogen fallen nicht vom Himmel.  

Es braucht Zeit, dann können wir wieder neue Menschen nach Salzgitter holen und sie gut betreuen – so wie in den Jahren davor.

Der Text wurde von Marco Fieber aufgezeichnet.

(lp)