WIRTSCHAFT
21/12/2017 14:44 CET | Aktualisiert 21/12/2017 14:45 CET

Hunderttausende Rentner gehen zur Tafel

Hunderttausende Rentner sind auf die Hilfe der Tafeln in Deutschland angewiesen.

Michael Dalder / Reuters
  • Der Vorsitzende des Tafel e.V. Deutschland warnt in der “Neuen Osnabrücken Zeitung” vor Altersarmut

  • Fast jeder vierte Kunde der Hilfsorganisation sei demnach ein Rentner

Für eine wachsende Zahl von Menschen in Deutschland bedeutet der Ruhestand auch ein Leben in Armut.

Eine alarmierende Zahl des Dachverbands der Deutschen Tafeln zeigt, wie drastisch die Entwicklung ist.

Demnach habe sich in den vergangenen zehn Jahren der Menschen, die für kostenlose Lebensmittel bei der Tafel anstehen, verdoppelt.

Von 175.000 auf 350.000. Das erklärte der Bundesvorsitzende des Tafel Deutschland e.V. Jochen Brühl der “Neuen Osnabrücker Zeitung”.

Fast jeder vierte Tafelkunde sei Rentner.

“Arbeit schützt heutzutage nicht vor Armut”

In Deutschland gibt es mehr als 900 Tafeln. Rund 1,5 Millionen Menschen suchen die Lebensmittelausgabe wöchentlich auf, um über die Runden zu kommen.

“Zu uns kommen erwerbstätige Menschen, die von ihrer Arbeit nicht leben können”, erklärte Brühl der “Neuen Osnabrücker Zeitung”. Einen Job zu haben schütze nicht vor Armut.

Auch weitere Statistiken bestätigen die Aussagen von Brühl.

► So berichtete der Sozialverband VdK erst vergangene Woche, dass 63 Prozent aller Rentner in Bayern eine Rente unterhalb der Armutsgrenze beziehen.

Diese lag 2016 bei 1039 Euro im Monat. Am Jahresende 2016 bezogen 522.492 Personen über 67 Jahren Grundsicherung.

Mehr zum Thema: 79-jährige Münchnerin lebt von 790 Euro Rente - und hat eine wichtige Botschaft an ihre Mitmenschen

Im Sommer diesen Jahres sorgte eine Studie der Bertelsmannstiftung für Aufsehen: Bis 2036 steige demnach die der Anteil der Menschen über 67 Jahren, die armutsgefährdet sind, von 14 auf 20 Prozent an.

Besonders stark betroffen sind davon alleinstehende Frauen. 2036 sollen 27,8 Prozent von ihnen von staatlichen Leistungen abhängig sein. 

Die Zahl der von Armut oder Armut bedrohten älteren Menschen in Deutschland in den vergangenen Jahren auf fast sechs Millionen gestiegen. Dies geht aus aktuellen Daten des Europäischen Statistikamts Eurostat hervor.

Ein Armutszeugnis für Deutschland

Die Lage ist also ernst. Doch Jochen Brühl zufolge scheinen die Politiker in Deutschland das Problem nicht ernsthaft anzugehen: “Macht endlich mal was und redet nicht nur!”, fordert Brühl in der neuen “Neue Osnabrücker Zeitung”.

Es nütze nichts, wenn Politiker in Wahlkampfzeiten für ein schickes Foto bei den Essensausgaben vorbeischauen würden. 

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Die Präsidentin des Sozialverbandes VdK Deutschland, Ulrike Mascher, sagte der “NOZ”, es sei ein Armutszeugnis, dass es die Tafel in Deutschland überhaupt geben müsse.

“Wenn 350.000 Senioren regelmäßig darauf angewiesen sind, bei den Tafeln für kostenlose Lebensmittel anzustehen, dann ist das ein deutlich sichtbares Signal dafür, dass die Altersarmut auf dem Vormarsch ist”, bekräftigte sie.

(ll)