POLITIK
13/02/2018 18:42 CET | Aktualisiert 13/02/2018 19:09 CET

Experten kritisieren: Die Karnevalssendung der ARD ist homophob und sexistisch

"Die ARD biedert sich dem konservativen Lager an", sagt Kulturwissenschaflter Hirschfelder.

ullstein bild via Getty Images
  • “Karneval in Köln 2018“ spiegelt ein überholtes Gesellschaftsbild wider
  • Die gesellschaftskritische Rolle des Karnevals bleibt aus

Es fühlt sich an, wie eine Reise in die Vergangenheit: Männer glänzen im Scheinwerferlicht, belustigen das Publikum, sind die Wortführer des Abends. Nur Männer.

Und Frauen? Sie dekorieren, sind hübsche Beiwerke, tragen knappe Kleidchen und unterstützen die männliche Dominanz – auch wenn sich diese gerade in stereotypischen Klischee-Witzen über sie lustig macht.

“Bei den Damensitzungen tanzen Kinder, bei den Herrensitzungen dürfen die Mädchen schon etwas älter sein. Und nicht warm angezogen.”

► Es scheint wie eine Sendung aus einer Zeit, in der Themen wie Sexismus, Gleichberechtigung oder Diskriminierung müde belächelt wurden.

“Der Karneval spielt eine heile Welt von früher“, sagt Kulturwissenschaftler und Karnevalsforscher Günther Hirschfelder der Universität Regensburg der HuffPost. Dieses Jahr zeige sich vor allem die Sehnsucht nach einer alten, konservativen Gesellschaft, welche bereits überholte Rollenbilder zelebriert, sagt Hirschfelder.

►Wörter, wie “Weiber“ oder “Alte“ waren zu dieser Zeit noch gängig, sind jedoch im heutigen Verständnis herablassend und verletzend.

 

Das konservative Gesellschaftsbild dominiert die Prime-Time

Nur befinden wir uns leider nicht in der Vergangenheit, sondern in der “Karneval in Köln 2018” – Sendung der ARD. Eigentlich bietet der Karneval die Möglichkeit, auf eine satirisch-komödiantische Weise gesellschaftspolitische Missstände anzusprechen.

Eigentlich.

Denn eine der seit Monaten am heißesten geführten Debatten ist die #MeToo-Bewegung. Frauen aus Ländern auf der ganzen Welt, unterschiedlichen Alters, aus unterschiedlichen Branchen berichten unter diesem Schlagwort über ihre Erfahrungen mit sexueller Belästigung und Gewalt – und dem Machtmissbrauch von Männern.

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Und genau diese Debatte, die so viel Raum einnimmt, blendet der Karneval komplett aus.

Sehnsucht nach Konservativität

Die Golden Globe Awards oder die Grammys in den USA haben gezeigt, wie sich mit Veranstaltungen ein Zeichen setzen lässt. Doch was passiert im Karneval? Da wird diese Debatte, die Filmmogule und Außenminister gestürzt hat, nicht nur ignoriert.

► Frauen werden in der Karnevalssitzung, die die ARD zeigt, dargestellt wie vor 50 Jahren – die Sendung unterstreicht und fördert ein veraltetes, konservatives Gesellschaftsbild. 

Die Angst vor Publikumsverlust

Nur, warum wird diese Form der Rückentwicklung ohne Bedenken zur Prime Time ausgestrahlt? “ARD und ZDF biedern sich ein stückweit ihrer Zielgruppe, wohl eher 50+ und aus dem konservativen Lager, an“, sagt der Karnevalsforscher.

Insgesamt 4,31 Millionen Zuschauer erreichte die Show, das macht einen guten Marktwert von 14,8 Prozent.

Der durchschnittliche ARD-Zuschauer war am Rosenmontag 64 Jahre alt.

Im Wissen über ihre Zielgruppe scheint es, als fürchte sich die ARD in der Gegenwart anzukommen und aktuelle Debatten, fernab von Donald Trump, mit in den satirischen Diskurs eines Traditionsformats aufzunehmen. Sie könnten ja so ihre Stammzuschauer vergraulen.

Gesellschaftliche Debatte ausgeblendet

Und anstatt #MeToo zu thematisieren, ignoriert man die aktuelle Struktur-Debatte nicht nur einfach. Man unterstützt mit dieser furchtbar reaktionären Frauendarstellung genau die Strukturen, die die Debatte eigentlich bekämpfen will.

“Ich habe auch gesehen, Ministerpräsident Laschet hat seine Dienstaufsichtsbehörde (Ehefrau) dabei.”

Altherrensprüche, wie “Wir schenken der Alten ein paar Blümchen“, zeigen einerseits, dass Männer und Frauen wohl noch immer nicht ebenbürtig sind. Andererseits wird dadurch auch eine männliche Dominanzhaltung zelebriert, welche das gelegentliche Begrapschen oder Belästigen normalisieren.

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Auch Yvonne Niekrenz, Soziologin der Universität Rostock, kann mit diesen Witzen nicht viel anfangen: “Outen sich diejenigen mit ihren platten Witzen nicht als Gestrige und machen sich selbst zur Witzfigur? Über sie könnte man lachen, wenn die aktuelle, durch #MeToo angestoßene Debatte, nicht so ernst und wichtig wäre.”

Wo bleiben die Vorbilder?

Die Büttenreden gehören zu den Highlights des Karnevals. 2018 darf bei der ARD jedoch keine einzige Frau diese halten. Es gäbe genügend kluge und witzige Köpfe, die bereits durch ihre Präsenz ein Zeichen setzen und ein Vorbild sein könnten: Frauen gehören zur Tradition und verkörpern längst nicht mehr nur sexy Accessoires.

Die Rednerinnen bleiben jedoch aus und Frauen werden als Dekoration, als Zierde, wenn nicht sogar als Objekte eingebunden.

Und mit Objekten macht man nun einmal, was man will. Laut einer US-Studie aus dem Jahr 2016 fördert es die Bereitschaft zur sexuellen Gewalt, wenn Frauen als Objekte dargestellt werden.

Traue keinem Schwulen, dem du den Hintern zuwendest

“Was für ein Dilemma: Links von dir liegt deine Traumfrau, nackt, und rechts von dir ein nackter schwuler vom Christopher Street Day. Das Problem: Du kannst dich nicht deiner Traumfrau zuwenden, weil du dem Schwulen nicht den Hintern zudrehen kannst.”

Nicht nur Frauen werden degradiert, auch homosexuelle Männer müssen herablassende Witze hinnehmen. Sind wir wirklich schon in einer Zeit angekommen, in der Homosexualität gesellschaftlich so weit akzeptiert wird, dass sie problemlos durch den Kakao gezogen werden kann? Nein!

Wende besser keinem Schwulen den Hintern zu, heißt es in der Karneval-Show. Diese Anspielung ziert nicht von gesellschaftlichem Fortschritt, sondern von konservativer Denke, die noch immer Homosexualität herabwürdigt oder sogar ablehnt.

Auch der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) sieht solche Äußerungen kritisch: “Diese Witze sind so unnötig wie unoriginell. Sie verletzen und beleidigen“.

Es sei eher angebracht, sich über diejenigen lustig zu machen, die gegen gesellschaftliche Vielfalt wettern, sagt LSVD-Sprecher Markus Ulrich der HuffPost.

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Und das würde auch dem Sinn des Karnevals entsprechen: Machtverhältnisse auf den Kopf stellen und gesellschaftliche Fehlentwicklungen satirisch entlarven – anstatt diese Jahr für Jahr weiterzutragen. Und die ARD als öffentlich finanzierte Medienanstalt sollte ihrem gesellschaftlichen Auftrag nachkommen – und so eine Sendung in dieser Form im Jahr 2018 nicht mehr ausstrahlen.

 

(tb)