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"Ich muss mir Klopapier borgen" - wie das Arbeitsamt mir Weihnachten versaut hat

Mit 122 Euro pro Monat weniger bin ich gezwungen, meine Familie um Geld anzubetteln

19/12/2017 14:32 CET | Aktualisiert 19/12/2017 18:06 CET

Während alle Leute die Geschäfte nach Geschenken abklappern und sich überlegen, welches Menü sie an Heiligabend essen wollen, bin ich froh, wenn ich zum Monatsende überhaupt noch ein paar Euro für etwas zu Essen und Klopapier zusammenkratzen kann.

Denn pünktlich zur Weihnachtszeit hat mich das Jobcenter sanktioniert und mir 30 Prozent der Bezüge gestrichen. Was das für mich und meine Familie wirklich bedeutet, ahnen nur wenige.

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Ich bin 32 Jahre alt und lebe in Dortmund von Hartz IV. Als Leistungsbezieher muss ich immer wieder mit Vorurteilen kämpfen. Viele Leute denken, Arbeitslose sind einfach nur faul und haben ein leichtes Leben, auf das man neidisch sein könnte.

Viele Leute denken, Arbeitslose sind einfach nur faul

Stammtischparolen wie “Du lebst auf Kosten der Steuerzahler, die hart für Ihr Geld arbeiten müssen...” oder “Wir gehen den ganzen Tag arbeiten und du hast den ganzen Tag Zeit” habe ich schon öfter gehört.

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Solche Sprüche kommen immer von Leuten, die selbst keine Ahnung haben, wie es sich wirklich mit Hartz IV lebt. Sie wissen nicht, wie es sich anfühlt, wenn einem das Jobcenter sämtliche Leistungen streicht und man deshalb aus seiner Wohnung auf die Straße gesetzt wird. Und sie haben nie für einen Euro die Stunde völlig sinnlose Arbeiten tun müssen.

Warum ich die Maßnahme des Jobcenters abgelehnt habe

Genau das wurde mir vom Jobcenter vorgeschlagen. Eine Maßnahme, “zur Heranführung an den Arbeitsmarkt”, wie es in dem offiziellen Schreiben hieß. Es war nicht das erste mal, dass ich in eine Maßnahme geschickt wurde, doch weiter gebracht hat mich das nie. Sie nennen es “Qualifizierung”, ich würde es als erzwungene und sinnlose Beschäftigungstherapie beschreiben.

Einmal sollte ich monatelang 6 Stunden am Tag darin unterrichtet werden, wie man Videos am Computer bearbeitet oder Microsoft Word benutzt. Das ist sicher sinnvoll für Menschen, die keinerlei Computerkenntnisse haben, aber ich beschäftigte mich schon als Kind mit dem PC und kenne mich aus. Solche Maßnahmen sind absoluter Blödsinn.

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Diesmal ging es um “Handwerkliche Hilfstätigkeiten” in einer Stadtteilwerkstatt. Meinem Sachbearbeiter hatte ich gesagt, dass mir eine solche Qualifizierung wirklich nicht helfen würde.

Verletzend, stigmatisierend und demotivierend

Außerdem war völlig unklar, warum ich in eine Maßnahme zur “Heranführung an den Arbeitsmarkt” geschickt wurde, da ich doch bereits Erfahrungen auf dem ersten Arbeitsmarkt gesammelt habe.

Nun tat man so, als sei ich ein Problemfall, der bisher nicht arbeiten wollte. Mein Sachbearbeiter sagte: “Dann können Sie zeigen, dass sie zuverlässig sind und haben auch einen geordneten Tagesablauf.” So etwas ist nicht nur verletzend und stigmatisierend; es ist auch für die Betroffenen demotivierend.

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Im gesamten Jahr habe ich vom Jobcenter nur 3 Vermittlungsvorschlägen bekommen, zwei davon in Zeitarbeit. Wenn ich meinen Sachbearbeiter beim monatlichen Termin nach Stellenangeboten frage ist die Antwort nach kurzer Suche im Computer meistens: Leider habe ich hier gerade nichts. Bekomme ich doch mal ein Stellenangebot, ist es oft veraltet oder man hat hunderte Mitbewerber.

Extra harte Sanktionen des Jobcenters zu Weihnachten

Zum 1. Dezember wurde ich sanktioniert. Wer eine Maßnahme des Jobcenters verweigert, der bekommt extra harte Sanktionen, bei denen pauschal 30 Prozent der Bezüge gestrichen werden. Für 3 Monate. Von den 409 Euro bleiben dann noch 286 Euro.

Ich habe ohnehin sehr wenig zum Leben und viele vergessen, dass man mit Hartz IV kaum mehr soziale Kontakte pflegen kann, die eigentlich normal sein sollten. Einen Glühwein am Weihnachtsmarkt, Freunde zum Essen einladen, all das gibt es bei mir nicht.

Meist wird am 20. jeden Monats bereits das Geld für das Essen schon sehr knapp. Da gibt es dann schon mal jeden Tag nur noch Konserven und Nudeln mit Tomatensoße.

An Weihnachten ist das doppelt bitter. Geschenke sind selbstgemacht oder müssen sehr, sehr günstig sein. Es gibt keinen Baum und keine Deko. Die kann ich mir einfach nicht leisten. Aber solche Dinge plane ich ohnehin schon lange nicht mehr ein.

Mit 122 Euro pro Monat weniger bin ich gezwungen, meine Familie um Geld anzubetteln

Für wen sollte ich auch dekorieren in meiner Wohnung? Wie sollte ich Freunde zu mir einladen, wo oft sogar Sachen wie Zahnpasta und Spülmittel knapp werden?

Mit Sanktionen wird alles noch viel schwieriger. Da muss ich mir schon manchmal Klopapier borgen. Mit 122 Euro pro Monat weniger bin ich gezwungen, meine Familie um Geld anzubetteln.

Gäbe es diese Möglichkeit auch nicht, dann müsste ich vielleicht in Mülleimern nach Pfand suchen, betteln auf der Straße oder zu Hilfseinrichtungen wie der Suppenküche gehen, um eine warme Mahlzeit zu bekommen.

Lebensmittel zu lagern ist sowieso immer schwieriger für mich. Denn wenn ich welche habe, traue ich mich kaum mehr, sie in den maroden Kühlschrank zu stellen. Der funktioniert schon seit Wochen nicht mehr richtig.

Ich könnte zwar beim Jobcenter ein Darlehen für einen neuen beantragen, aber dann würden mir pro Monat weitere 10 Prozent meiner Bezüge für die Rückzahlung abgezogen. Hinzu kommt nun auch noch eine Stromnachzahlung von 300 Euro. Warum sie so hoch ausfällt weiß ich nicht.

Mein Stromanbieter wollte mir zu Weihnachten den Saft abdrehen

Ich habe mit einem Energiekostenmessgerät alles überprüft, aber dabei ist nichts Auffälliges herausgekommen. Vielleicht ist der Stromzähler kaputt oder der etwa 25 Jahre alte Durchlauferhitzer, doch das kann ich nicht überprüfen. Vielleicht ist es jetzt zusätzlich der defekte Kühlschrank.

Auch dafür könnte ich ein Darlehen beantragen, aber auch dafür würden mir 10 Prozent für die Rückzahlung abgezogen. Geld, das mir Mitte des Monats für Essen fehlen würde. Ich habe schon zu einem günstigeren Stromanbieter gewechselt, worauf mir die Stadtwerke Dortmund schrieben, sie würden mich als Kunden sowieso nicht mehr akzeptieren.

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Von meinem neuen Anbieter habe ich bereits Mahnungen erhalten, es hätte also sein können, dass mir zu Weihnachten der Strom abgestellt wird.

Dass es dieses Jahr doch nicht dazu kommt, verdanke ich der Aktion “Hartzbreaker” von “Sanktionsfrei e.V.” Mit Hilfe von Spenden konnten die Sanktionen ausgeglichen werden, sodass ich nun wieder einigermaßen über die Runden kommen kann, ohne meine Familie um Geld anzubetteln. Dafür bin ich unendlich dankbar.

Ohne den Ausgleich durch Sanktionsfrei und ohne meine Familie, bei der ich das Fest verbringen kann, hätte ich Weihnachten allein im Dunkeln mit einer Dose Thunfisch verbringen müssen.

Ich würde mir wünschen, dass die Leute etwas mehr Verständnis haben und den strengen Blick aufheben, mit dem sie auf uns Leistungsberechtigte schauen. Ich wäre froh, wenn mein Leben nicht mehr vom Jobcenter abhängen würde und ich einen Job hätte. Und das geht vermutlich den meisten so.

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Dieser Beitrag erschien in Zusammenarbeit mit Sanktionsfrei.

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So wird das Jobcenter zum zahnlosen Tiger und Hartz 4 zu einer Existenzsicherung die den Namen verdient.

Sanktionsfrei

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