POLITIK
17/12/2017 19:49 CET | Aktualisiert 17/12/2017 21:19 CET

Die HuffPost berichtete 1 Woche über Antisemitismus: 7 wichtige Erkenntnisse

Wir haben mit Betroffenen, Politikern und Aktivisten gesprochen

Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus e.V./dpa
Fahnenverbrennung in Berlin
  • Am vergangenen Wochenende ist in Deutschland eine Debatte über wachsenden Antisemitismus entbrannt

  • Eine Woche lang beschäftigte sich die HuffPost mit der Frage, wo die Ursachen für den Judenhass liegen - und sprach mit Betroffenen, Politikern und Aktivisten

  • In der Rückschau fassen wir die sieben wichtigsten Erkenntnisse für euch zusammen

Eine Fahne mit Davidstern in Flammen, Dutzende wütende Männer, die “Tod Israel” und “Juden Kindermörder” brüllen.

Am vergangenen Wochenende ist in Deutschland eine Debatte über den wachsenden Antisemitismus entbrannt.

Die Frage, die sich aufdrängt: Wo liegen die Ursachen dafür?

Um das zu beantworten, hat die HuffPost mit Betroffenen, Politikern, Aktivisten und Wissenschaftlern gesprochen.

Wir wollten wissen: Wie erleben die rund 100.000 Juden, die in Deutschland leben, Antisemitismus im Alltag? Wie antisemitisch ist Deutschland wirklich? Und wie können wir das ändern?

Den Antworten widmeten wir eine ganze Themenwoche mit Blogs, Interviews und Analysen. Das sind die sieben wichtigsten Erkenntnisse:

1. Warum arabische Kinder zu Antisemiten werden – und der Islam wenig dafür kann

Ahmad Mansour ist arabischer Israeli, Diplompsychologe, Islamismus-Experte und in seiner Jugend selbst in Kontakt mit dem fundamentalistischen Islam gekommen. Er warnt er vor der rasanten Verbreitung antisemitischer Lehren unter muslimischen Jugendlichen.

► Der Antisemitismus, wie er in der arabischen Welt vorherrsche, beruhe fast ausschließlich auf “der Nahost-Politik, Verschwörungstheorien und religiösen Narrativen”, erklärt Mansour im HuffPost-Gespräch.

ZDF
Mansour im ZDF.

Die Medien in vielen arabischen Ländern würden ein Schwarz-Weiß-Bild zeichnen: “Sie sehen die Araber in der Opferrolle und die Juden als Täter.” Einen Unterschied zwischen “Jude” und “Israeli” gebe es in diesem Weltbild nicht.

Das Wort Jude ist zu einem gegängen Schimpfwort geworden

“Kinder verstehen noch nicht mal, worum es eigentlich geht, aber sie wissen, dass der Jude ihr Feind ist”, sagt der Experte. “Jude” sei so zu einem gängigen Schimpfwort in der arabischen Sprache geworden.

► Um dem entgegenzuwirken, zieht auch Mansour durch Schulen, gibt Workshops und Kurse. Ihm ist es wichtig, auf Augenhöhe mit den meist jungen Menschen zu sprechen.

2. Wie ein Neonazi-Aussteiger Judenhass erklärt

Flex und seine Freunde glaubten, dass das Weltjudentum die Wurzel allen Übels auf der Erde sei.

Heute heißt Flex wieder Felix Benneckenstein. Nach seiner Zeit in der Neonazi-Szene in Dortmund und München ist er ausgestiegen, schon vor Jahren.

Heute arbeitet er für die Organisation Exit und hält Aufklärungsvorträge in Schulen und hilft anderen Rechten, aus der Nazi-Szene auszusteigen – und ihren Hass auf Juden zu überwinden.

“Es ist ein Opfermythos”, sagt Benneckenstein im Gespräch mit der HuffPost.

Benneckenstein

“Man hat nicht das Gefühl, dass man auf eine Minderheit losgeht. Es wird so getan, als ob die Juden eine geheime Übermacht wären.”

Dieses Weltbild sei auch für die Leugnung des Holocausts elementar. Die stehe für eine klare Botschaft in Nazi-Kreisen: Man wolle sich dafür rächen, dass die Juden diese Lüge über das deutsche Volk in die Welt gesetzt hätten.

Die Stimmung könnte in Gewalt umschlagen

Benneckenstein berichtet, dass die Szene für diese Rachegelüste gerade starken Auftrieb verspüre.

► Der Aufstieg der Neuen Rechten und der Rechtspopulisten der AfD in der Politik gebe den Nazis das Gefühl, sie könnten bald das Volk mit ihrer nationalsozialistischen Ideologie erreichen.

► Er ist überzeugt, dass sich die Nazis in dieser Hinsicht komplett verschätzen. Tatsächlich sei es so, dass die Neonazi-Szene durch den aufkeimenden Rechtspopulismus auch an Einfluss verliere.

“Ich mache mir Sorgen, dass diese Stimmung in Gewalt umschlägt, wenn die Rechtsradikalen bemerken, dass es eben nicht zu einer Revolution reicht”, sagt Bennecekenstein.

3. Jeder zweite Deutsche macht die AfD für den wachsenden Antisemitismus verantwortlich

Die Mehrheit der Deutschen macht die AfD für den steigenden Antisemitismus verantwortlich. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov hervor, die die HuffPost in Auftrag gab.

► 48 Prozent der Befragten sind demnach der Meinung, dass die Partei einen verstärkenden Einfluss auf die Verbreitung judenfeindlicher Einstellungen in Deutschland hat.

YouGov / HuffPost
Das Umfrage-Ergebnis

31 Prozent sagten, die Partei habe keinen Einfluss darauf, 21 Prozent machten keine Angaben.

Die AfD bestreitet derweil, Judenfeindlichkeit zu tolerieren. Wenig überraschend ist deswegen: Fremd- und Selbstwahrnehmung klaffen bei diesem Thema stark auseinander.

► So ist eine überwältigende Mehrheit der AfD-Anhänger (76 Prozent) der Meinung, die Partei habe keinen Einfluss auf den Antisemitismus in Deutschland. Nur 15 Prozent sagten das Gegenteil.

4. Wie ein Lehrer an einer Schule in Kreuzberg gegen Antisemitismus kämpft

Dervis Hizarci ist Vorsitzender der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (KIgA) und Lehrer an einer Schule in dem Berliner Stadtteil.

“Als Berliner mit türkisch-muslimischen Wurzeln beobachte ich zwei Entwicklungen: Wachsenden Hass gegenüber Muslimen auf der einen Seite, besorgniserregenden Antisemitismus unter Muslimen auf der anderen Seite”, schreibt er in seinem Beitrag für die HuffPost.

► Er berichtet von einem Fall, in dem ein Schüler einen anderen Jungen in der Klasse “Jude” nannte. Beide Schüler sind Muslime.

Wir brauchen “moderne Zivilcourage”. Sie funktioniert on- und offline und sorgt für gezielte Veränderungen

Also machte Hizarci einen einwöchigen Workshop mit seinen Schülern.

► “Wir haben unter anderem das Jüdische Museum in Berlin besucht, über Identität und die jüdische Vielfalt gesprochen und uns mit dem Thema Antisemitismus auseinandergesetzt und haben auch über eigene Erfahrungen der Schüler von Diskriminierung gesprochen”, schreibt er.

So sei bei den Schülern ein Lernprozess in Gang gekommen.

 

HuffPost

► “Sie wurden angeregt, sich auszusprechen und andere Perspektiven einzunehmen. Situationen etwa, in denen sie selbst sich ausgegrenzt fühlten, führten zu der Erkenntnis: Das tut weh. Das will ich nicht.” Empathie für “den Anderen” entstand”, schreibt der Kreuzberger Lehrer.

Sein Fazit: “Ich denke, das kann jeder Lehrer und jeder Bürger tun. Das bedeutet: intervenieren und konfrontieren. Das ist moderne Zivilcourage. Sie funktioniert on- und offline und sorgt für gezielte Veränderungen.”

5. Wie ein jüdischer Musiker in Neukölln Antisemitismus erlebt

Daniel Kahn ist Musiker der Band “The Painted Bird” und lebt seit zehn Jahren in Berlin-Neukölln.

Die Debatte, die nach der Fahnen-Verbrennung in Deutschland losgegagen ist, hält er für gefährlich. “Ich glaube, einige freuen sich, den Antisemitismus als arabischen Import zu bezeichnen”, schreibt er in einem Beitrag für die HuffPost.

So lösen sich menschliche Werte auf

Die Realität, die er aber in Neukölln erlebt, sei einer andere - “und hat kaum etwas mit jener zu tun, die nun in der Debatte beschrieben wird”.

Auch Kahn höre antisemitische Sprüche auf der Straße. “Aber jede Stadt ist voll von Idioten - und auch von intelligenten Menschen”, sagt er.

Roger Eberhardt

Ihn treibt eine andere Sorge.

“Man sagt heutzutage Sachen über Muslime, die man vor 80 Jahren auch über Juden hier gesagt hat. Natürlich werden sie immernoch auch über Juden gesagt. Aber das erweckt in mir Solidarität statt Paranoia”, schreibt er.

So lösten sich menschliche Werte wie die gegenseitige Toleranz auf.

“Wenn dieses Gut durch Vorurteile und Klischees gefährdet wird, fühle ich mich sehr viel mehr angegriffen, als wenn ein paar Idioten Israel-Fahnen anzünden”, schreibt Kahn.

6. Auch Lehrer müssen noch lernen, gegen Antisemitismus vorzugehen

Karin Prien (CDU) ist eine der wenigen Spitzenpolitiker jüdischer Herkunft in Deutschland. Als Bildungsministerin in Schleswig-Holstein will sie in den Schulen anfangen, Antisemitismus zu bekämpfen. 

Sie fordert eine “präventive Demokratie- und Werteerziehung” von der ersten Klasse an. Antisemitische und rassistische Vorfälle an Schulen werden künftig in dem Bundesland erfasst. Und auch Lehrer müssen dazulernen.

dpa
Bildungsministerin Prien (CDU)
Wie geht man etwa damit um, wenn Schülerinnen und Schüler während des Ramadans tagsüber nicht essen und trinken dürfen und dann in einer Klassenarbeit durchfallen?

“Wir müssen unsere Lehrkräfte stark machen, damit sie in religiösen und politischen Auseinandersetzungen mit Schülerinnen und Schülern besser gewappnet sind”, sagt sie im Gespräch mit der HuffPost. 

Und weiter:

“Wie geht man etwa damit um, wenn Schülerinnen und Schüler während des Ramadans tagsüber nicht essen und trinken dürfen und dann in einer Klassenarbeit durchfallen? Wenn es Anfeindungen gegen jüdische Schülerinnen und Schüler gibt? Wenn Mädchen und Jungen wegen ihrer vermeintlich zu aufreizenden Kleidung, oder weil sie kein Kopftuch tragen, bedrängt werden. Solche Probleme treten immer häufiger auf, darauf müssen die Lehrkräfte vorbereitet sein.”

7. Wie ein Berliner Verein Juden und Muslime dazu bringt, ihre Freizeit gemeinsam zu verbringen

Muslime und Juden, die gemeinsam ihre Freizeit verbringen? Das hat Armin Langer mit seiner Initiative Salaam-Schalom geschafft.

Angesichts des wachsenden Antisemitismus’ fordert er: “Wir brauchen einfach mehr Begegnung. Nicht nur zwischen Juden und Muslimen - sondern zwischen allen Menschengruppen.”

Denn ob Jude, Muslim oder nicht: “Wir sind alle Schulfreunde, Nachbarn, Arbeitskollegen und Kommilitonen. Wir sind Berliner und Deutsche, wir gehören zu diesem Land.”

Ihr könnt das Gespräch auch hier im Video anschauen:

Langers Initiative etwa schickt immer ein muslimisches und ein jüdisches Mitglied in Schulklassen, die dann versuchen, mit den Kindern herrschende Vorurteile abzubauen.

“Es ist wichtig zuzuhören; es ist wichtig, dass die Kinder lernen, zu reflektieren”, sagt er.