POLITIK
09/02/2018 16:05 CET

"Zeit"-Herausgeber über GroKo: "Merkel gewinnt das Rennen der Verlierer"

Josef Joffe sieht die politischen Überlebenschancen Merkels bei 50 Prozent.

Hannibal Hanschke / Reuters
Sieg und Niederlage liegen für Angela Merkel dieser Tage nah beieinander. 
  • Der Koalitionsvertrag für eine mögliche Große Koalition steht – und sorgt für viel Kritik an Angela Merkel
  • Der “Zeit”-Herausgeber Josef Joffe glaubt, die CDU-Chefin könnte ihre kommende Amtszeit nicht überstehen

Was lange währt, wird endlich schlecht gemacht. 

Kaum steht der Koalitionsvertrag über eine mögliche Neuauflage der Großen Koaliton, stürzen sich die beiden Volksparteien CDU und SPD damit in die Krise. 

► In der SPD schaffen es Martin Schulz und Sigmar Gabriel mit ihren persönlichen Ambitionen die Parteispitze trotz einigen Verhandlungserfolgen ins Chaos zu stürzen

► Und in der CDU jammern nun die streng Konservativen, weil sie das Gefühl haben, dass ihre Partei von den Sozialdemokraten bei der Vergabe der Bundesministerien über den Tisch gezogen wurde. 

Josef Joffe, der Herausgeber der Wochenzeitung “Die Zeit”, schreibt deshalb in einem Gastbeitrag für die Brüsseler Ausgabe des Magazins “Politico” von einer “Regierung der Verlierer”. 

Und die größte Verliererin ist für Joffe: Angela Merkel. 

Joffe über die GroKo: “Ein kosmischer Witz”

“Es ist einmalig in der Geschichte freier Wahlen in Deutschland”, schreibt Joffe. “Die größten Verlierer werden de facto zu den Anführern der deutschen Regierung.” 

Gemeint sind die SPD und die Union. Seit der letzten Wahl 2013, rechnet der “Zeit”-Herausgeber vor, hat die Große Koalition 14 Prozent ihrer Stimmen verloren. Er verweist auf die miserablen Umfragewerte der SPD – und den tiefen Fall der Union, die seit 2012 ganze 9 Prozent ihrer Stimmen verloren hat. 

“Das war ein vom Volk ausgehendes Misstrauensvotum”, schreibt Joffe. “Die Tatsache, dass genau diese Verlierer jetzt eine neue Regierung bilden, ist ein kosmischer Witz.”

Mehr zum Thema: Trotz Verhandlungserfolg: Der Absturz der SPD wird nicht aufhören, so lange sie keine Zukunftsvision hat

Merkels Sieg im Verliererrennen

Joffes Gastbeitrag wurde veröffentlicht, bevor Martin Schulz bekannt gegeben hat, dass er zusätzlich zum SPD-Parteivorsitz auch auf ein mögliches Außenministeramt verzichten wird

Noch im Unklaren über Schulz selbstgewählten Schritt in die politische Bedeutungslosigkeit, kürte er also statt ihm die Bundeskanzlerin zur größten Verliererin der neuen GroKo. 

“Einst als ‘Kaiserin von Europa’ bezeichnet, gewinnt sie jetzt das Rennen der Verlierer”, schreibt Joffe. “Sie konnte sich nur an der Macht halten, weil sie ihre Regierung an den geschwächten Juniorpartner ausgehändigt hat.”

► Also: An die SPD. 

Mehr zum Thema: “Dornröschen Europas”: So hart rechnet der “Economist” mit Kanzlerin Angela Merkel ab

“So werden die Großen und Mächtigen ganz klein, und Versager werden die  kommende Regierung anführen”, konstatiert Joffe.

Gerade für die Kanzlerin prophezeit der “Zeit”-Chef deshalb eine schwere Zukunft. Er glaubt: “Die Chancen, dass Merkel ihre Amtszeit übersteht, stehen 50 zu 50.” 

(lp)