ELTERN
09/01/2018 08:45 CET

Alleinerziehende will Geld beim Amt beantragen - ein Fragebogen macht sie wütend

Ulrike H. fand, dass die Fragen die Intimsphäre verletzen.

THOMAS COEX via Getty Images
Eine Frau liest einen Fragebogen (Symbolbild).
  • Die Alleinerziehende Ulrike H. wollte für ihre Tochter einen Unterhaltsvorschuss beantragen - doch den ihr vorgelegten Fragebogen findet sie “sexistisch” und “diskriminierend”
  • Doch das Jugendamt sieht keinen Grund zum Handeln

Es sollte ein Routinegang zu einer Behörde werden. Doch der Besuch beim Münchner Jugendamt empörte Ulrike H. nachhaltig, ihren richtigen Name will sie nicht in der Zeitung lesen.

Die 53-Jährige hatte bereits Mitte 2017 einen Unterhaltsvorschuss für ihre 16-jährige Tochter beantragt, wie sie dem “Münchner Merkur” berichtet. Den Vorschuss bekommen Alleinerziehende vom Staat, wenn der Vater oder die Mutter des Kindes nicht zahlt - oder nicht auffindbar beziehungsweise unbekannt verzogen ist. 

Hintergründe:Laut dem Statistischen Bundesamt lebten 2016 2,7 Millionen Alleinerziehende in Deutschland – zum Großteil alleinerziehende Mütter (2,3 Millionen). 

Doch die Hälfte aller Alleinerziehenden erhält keinerlei Unterstützung, ein Viertel nur ab und zu wenige Euro vom ehemaligen Partner, wie aus einer Studie der Bertelsmann Stiftung hervorgeht.

Im Fall von Ulrike H. war letzteres der Fall. Deswegen lud das Jugendamt die Mutter Ende des vergangenen Jahres zu einem persönlichen Gespräch ein. Dort musste sie unter anderem auch einen Fragebogen ausfüllen.

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“Wie oft fand der Geschlechtsverkehr statt?”

Nach erwartbaren Fragen, etwa zum Aussehen oder zum Alter des vermeintlichen Vaters, wird es dann durchaus explizit:

► “Wo und wann fand der Geschlechtsverkehr statt (Empfängniszeit, Angabe Hotel, Pension, Zimmernummer)?”

► “Wie oft fand der Geschlechtsverkehr statt?”

► „Kommen in der gesetzlichen Empfängniszeit vom… bis… weitere Männer als Vater in Frage? Wenn ja wer?“

Ulrike H. will die Fragen eigentlich nicht beantworten, doch die Mitarbeiterin des Jugendamtes habe laut der Mutter erklärt: “Wir müssen verdammt noch mal diese Fragen stellen. Wir wollen uns nicht an ihrem Sexleben aufgeilen.”

Letztendlich beantwortet Ulrike H. die Fragen so knapp wie nötig, mittlerweile bekommt sie Unterhalt.

Zwar verstehe sie, dass Frauen bei der Suche des Vaters mithelfen sollen. Doch der Bogen empören sie noch immer, wie sie dem “Münchner Merkur” berichtet: Ulrike H. findet die Formulierungen “primitiv und menschenverachtend”, die Fragen “diskriminierend, weil ausschließlich Frauen angesprochen werden. Und sie sind sexistisch, weil die Intimsphäre der Befragten verletzt wird.”

Reaktion des Jugendamtes 

Was sagt das Jugendamt zu dem Fall?

Das zuständige Münchner Sozialreferat bedauere, dass Ulrike H. die Art der Befragung als entwürdigend empfunden hat, wie es dem “Münchner Merkur” mitteilte.

Referats-Sprecherin Hedwig Thomalla sagte, man lege “größten Wert darauf, dass gerade bei heiklen Themen der Umgang mit Kunden stets wertschätzend und angemessen ist.” 

Thomas betonte allerdings auch, dass “es einer Mutter in gewissem Maße peinlich sein mag, die Umstände ihrer Schwangerschaft näher darzulegen, so bildet dies noch keinen hinreichenden Grund, die ihr mögliche Mitwirkung bei der Feststellung des Vaters gänzlich abzulehnen.“

Klar ist: In der Vergangenheit hatten Gerichte bereits Unterhaltsforderungen wegen unzureichender Mitwirkung bei der Ermittlung und Feststellung des Kindesvaters abgelehnt.

Und selbst wenn detaillierte Informationen zum Vater oder der Mutter vorliegen, gelingt es dem Amt in vier von fünf Fällen nicht, sich den Unterhaltsvorschuss von den eigentlich unterhaltspflichtigen Elternteilen zurückzuholen.  

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(ame)

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