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08/01/2018 14:06 CET

Brustkrebs: Jedes Jahr verstoßen hunderte algerische Männer ihre Frauen

Brustkrebs ist in Algerien ein Tabu-Thema. Viele Frauen werden nach der Diagnose von ihren Männern verstoßen.

  • Brustkrebs ist in Algerien ein Tabu-Thema
  • Viele Frauen werden von ihren Männern nach der niederschmetternden Diagnose verstoßen
  • So erging es auch Linda, deren Geschichte ihr oben im Video sehen könnt

Etwa 3500 algerische Frauen sterben jedes Jahr an Brustkrebs. Meist bekommen sie die Diagnose erst dann, wenn ihnen eine normale Bestrahlung nicht mehr helfen kann. Im fortgeschrittenen Stadium der Krankheit hilft dann oftmals nur noch eine Amputation der betroffenen Brust. Doch dieser Eingriff kommt für viele Frauen nicht in Frage, aus einem traurigen Grund. 

Linda, eine Mutter aus Algerien, hat ebenfalls die niederschmetternde Diagnose Brustkrebs bekommen. Daraufhin wurde sie von ihrem Mann verstoßen. 

“Als meine Chemotherapie abgeschlossen war, hat mein Mann gesagt, wir seien geschieden. Es gibt Schlimmeres, als krank zu sein. Zum Beispiel seine kranke Frau nach 18 Jahren Ehe zu verlassen, nicht nach einem Jahr. Kinder und junge Frauen müssen beschützt werden, das Leben ist hart hier in Algerien. Kannst du dir das vorstellen? Ich war verheiratet, hab gearbeitet, für die Familie eingekauft, den Haushalt gemacht, gekocht, Kinder aufgezogen, war geduldig, wurde geschlagen… Ich habe naiv mein Leben gelebt.“

Wenn selbst die Schwester nichts davon erfahren darf

Samia Gasmi ist Vorsitzende der Organisation “Nour Daha“ und eine der guten Seelen, die krebskranke Frauen wie Linda unterstützen.  

“Patientinnen, weigern sich, über die Krankheit zu reden, weil sie Angst haben, ihre Männer würden sie verlassen. Keiner darf es wissen. Oft weiß nicht einmal die Schwester der Betroffenen davon. Einige Patientinnen tragen schon lange vor der Chemotherapie eine Perücke oder Hijab, denn sie wissen, dass sie bald ihre Haare verlieren werden. Viele Frauen werden kurz nach der Diagnose von ihren Männern verlassen. Sie müssen sich dann allein einer riskanten Operation stellen. Manche haben nicht mal ein Dach über dem Kopf, viele verfallen in Depression, landen in Unterkünften, weil sie nirgends mehr hingehen können.“

Auch die 30 Jahre alte Studentin Hayat erzählt unter Tränen, wie ihr Verlobter sie verließ, nachdem sie ihm erzählte, dass ihr in einer Notfalloperation eine Brust amputiert werden musste.

“Ich will eine ganze Frau, keine zwei Drittel“ waren seine Worte.

In Algerien ist Brustkrebs eine Privatsache. “Diese Frauen schämen sich für ihre Krankheit“, so Samia Gasmi. “Eine Frau weigerte sich, ihrer Schwester davon zu erzählen, eine andere entschied sich, lieber mit beiden Brüsten zu sterben, als eine Amputation in Betracht zu ziehen.“

Bildungslücke oder fehlende Aufklärung

Soziologin Yamina Rahou sagt, das Gefühl der Scham komme vom Schmerz, einen Körperteil zu verlieren, der Weiblichkeit symbolisiert. Frauen, die sich einer Brustamputation unterziehen mussten, haben das Gefühl, nicht mehr das darstellen zu können, was die Gesellschaft von ihr als Frau erwartet.

Theologe Kamel Chekkat sieht den Ursprung des Problems nicht in der Religion. 

“Mit dem Islam hat das nichts zu tun, es liegt an der Bildung“. Der Islam halte Paare dazu an, sich gegenseitig zu unterstützen. Ein ehrbarer Mann solle sich um seine Frau kümmern. Aber nicht alle Männer halten sich daran. 

Linda steht inzwischen wieder auf eigenen Beinen, dank der Unterstützung ihrer Kinder. Im Rückblick, so sagt sie, hat der Krebs sie von einem Mann befreit, der sie schlug und ihr Einkommen stahl.

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