POLITIK
22/12/2017 19:13 CET | Aktualisiert 24/12/2017 11:30 CET

Der Volkskapitalist: Mit JA-Chef Frohnmaier unterwegs in Berlin-Neukölln

Gerade erst im Bundestag, hat der jüngste AfD-Abgeordnete genaue Vorstellungen davon, wie er Deutschland umkrempeln will.

Getty/Jurgen Klockner
  • Man merkt es dem schüchtern auftretenden Markus Frohnmaier kaum an, doch er wird zu den radikalsten AfD-Politikern im Bundestag gezählt
  • Die HuffPost hat mit dem JA-Chef den Berliner Stadtteil Neukölln besucht – und so erfahren, wie Frohnmaier Deutschland umkrempeln will

“Na Frohnmaier, was machen Sie denn hier in Kleininstanbul?”, begrüßt uns der Fahrer als wir in die schwarze Audi-Limousine einsteigen.

Markus Frohnmaier lacht nur und schiebt seine 1,70 Meter auf den Rücksitz.

Frohnmaier ist mit 26 Jahren der jüngste Bundestagsabgeordnete der AfD und Chef der Jungen Alternativen, der Jugendorganisation der AfD. Er und der Fahrer kennen sich offenbar.

Mit dem Shuttleservice des Bundestages fahren wir jetzt Richtung Berlin-Mitte.

Hinter uns liegen vier Stunden Gespräch in Berlin-Neukölln. Einem Stadtteil, dessen bunter Alltag für einen wie Frohnmaier schwer zu ertragen ist. Hier fühlt er sich wie in “Kabul oder Beirut”, sagt er.

Kein Wunder.

“Frontmaier”, wie ihn Kollegen nennen, zählt in der AfD zum rechten Flügel. Im Bundestag ist er einer der Radikalsten. Und für viele steht er für die Zukunft seiner Partei - nicht nur wegen seines Alters.

“Einfach und direkt” – wie die “Bild”-Zeitung

In den vergangenen Stunden erklärte er, warum seine Fraktion “sehr verbürgerlicht” sei. Er hat dafür argumentiert, dass sich die AfD bald an der Regierung beteiligt. Und er hat gefordert, dass die Deutschen endlich wieder positiv auf ihre Geschichte schauen sollten. Auch auf die Zeit des Nationalsozialismus.

Frohnmaier eckt an. Das gehört zu seinem politischen Konzept.

Er hat einmal gesagt, Politik müsse so sein wie die “Bild”-Zeitung - “einfach und direkt.” Provokant. Und manchmal auch drüber.

Ein Café in Neukölln an der Sonnenallee, morgens um neun. Hier hängen alte Haartrockner und Leuchtreklamen von Biermarken. Er mag das “Schäbige”, sagt Frohnmaier. Aber hinter dem Fensterglas liegt eine Welt, der er den Kampf angesagt hat.

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Fast jeder Zweite hier im Viertel hat einen Migrationshintergrund. Die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” nannte die Allee einmal “die arabische Straße”.

“Hier fühle ich mich in der Minderheit”, sagt Frohnmaier bei Cappuccino, Croissant mit Nutella und ein paar Früchten. Hier gebe es Geschäfte, wo man nur auf Türkisch oder Arabisch bestellen könne. “Das gibt es in Stuttgart so nicht, wo ich herkomme.”

Außerdem seien die Cafés voller arabischer Männer. In seiner Heimat sei man um diese Uhrzeit stattdessen “beim Daimler”. Also am Band bei einem der größten Autobauer Deutschlands.

“Der größte Widerspruch in der Menschheitsgeschichte”

Auch die Frauen stören ihn. Sie sollten ihren Schleier ablegen, sagt Frohnmaier.

Besonders absurd findet er, dass die verschleierten Frauen Handys nutzen. Ein Handy stehe für Aufgeklärtheit und Modernität. Der Schleier für das Mittelalter.

“Das ist für mich der größte Widerspruch der Menschheitsgeschichte.”

Wer Frohnmaier zuhört, dem kann schnell schwindelig werden.

Er produziert eine wilde These nach der anderen. Die lässt er aber nicht einfach im Raum verhallen, sondern leitet aus ihnen politische Forderungen ab, die selbst in seiner Partei nicht unumstritten sind.

Wir verlassen das Cafe und machen einen kleinen Spaziergang. Es geht vorbei an Gemüseständen, Dönerläden und Cafés. Frohnmaier sieht hier aber noch mehr: Familienclans, Kinderehen, Scharia-Gesetze.

Im Wahlkampf warb die AfD damit, sich Deutschland zurückzuholen. Wie würde Frohnmaier also die Sonnenallee zurückholen?

Frohnmaiers Plan für Deutschland

Sein Plan geht so:

► Das System der Staatsbürgerschaft findet er “völlig überholt”. Er würde es abschaffen. “Wer einen deutschen Pass hat, ist noch lange kein Deutscher.”  Man müsse auch “zu diesem Land” stehen.

Es reiche nicht, in diesem Land möglichst lange gelebt zu haben oder die Nationalmannschaft anzufeuern, die jetzt nur noch “Die Mannschaft” heiße und die “viele Spieler mit Migrationshintergrund” habe. 

“Wer einen deutschen Pass hat, ist noch lange kein Deutscher.”

“Ihnen” - und damit meint er alle, die vermeintlich nicht in den deutschen Kulturkreis passen – “kann man zwar den Pass nicht mehr wegnehmen, weil das im Grundgesetz verboten ist. Aber wir müssen zumindest diskutieren, ob diese Menschen sich überhaupt integrieren lassen.

Die Jugendbewegung der Identitären, deren Beobachtung durch den Verfassungsschutz Frohnmaier überprüfen lassen möchte, ist da noch klarer: Sie will alle Migranten und deren Nachkommen in ihre ursprünglichen Länder umsiedeln.

Projekt Rausschmiss also.

Auf der Sonnenallee würden die Hälfte der Passanten von einem Tag auf den anderen verschwinden.

► Als Opposition wird daraus wohl aber nichts.

Ruhig, sympathisch, fast schon schüchtern

Deshalb redet Frohnmaier auch offen über eine mögliche Regierungsbeteiligung der AfD, wo sich einige seiner Kollegen lieber in der Fundamentalopposition sehen.

“Wenn wir in Deutschland langfristig etwas verändern wollen, müssen wir an die Regierung. In 10 bis 15 Jahren, vielleicht auch schon früher”, sagt er.

Vorher müsse sich die AfD aber stärker in der Gesellschaft verankern und viel, viel größer werden. “Damit wir auf ein Niveau kommen, das etwa die FPÖ in Österreich erreicht hat.”

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Eine Partei, die gesellschaftlich konservativ und wirtschaftsliberal aufgestellt sei, könne “in Westdeutschland viele Stimme generieren.”

Wer Frohnmaier gegenüber sitzt, erlebt einen ruhigen, sympathischen, fast schon schüchternen Mann.

Die Schärfe seiner Worte spiegelt sich nicht in seinem Auftreten. Ein Gegensatz, der zeigt, wie professionell Frohnmaier bereits Politik betreibt.

Dabei könnte man ihn rein inhaltlich als einen Höcke bei der FDP einordnen - jemand, der von freier Wirtschaft und einer völkischen Gesellschaft redet.

Kaum einer in der AfD-Fraktion hat diese Grenzüberschreitung so konsequent ausgereizt - auch über die Schmerzgrenze hinaus.

“Frontmaier”

In einer Rede in Erfurt sagte er 2015: “Wenn wir kommen, dann wird aufgeräumt, dann wird ausgemistet, dann wird wieder Politik für das Volk und nur für das Volk gemacht.”

Der Grünen-Politikerin Claudia Roth warf er vor, bei den Silversterübergriffen in Köln “mitvergewaltigt” zu haben.

Aber Frohnmaier wäre nicht “Frontmaier”, wenn er nicht auch in Neukölln einen drauflegen würde. Also lädt er auf eine kleine Zeitreise. Zurück in die Jahre zwischen 1933 und 1945.

“Es gibt eine soldatische Leistung der Wehrmacht, die man anerkennen sollte”, sagt Frohnmaier. 

“Es gibt eine soldatische Leistung der Wehrmacht, die man anerkennen sollte.”

So sei Erich “Bubi” Hartmann der Jagdflieger mit den meisten Abschüssen gewesen. “Der war gut in dem, was er tat. Das ist keine Wertung über seine politische Einstellung. Das ist eine Anerkennung seiner militärischen Leistung”, sagt er.

Der Zweite Weltkrieg ist zwar weit weg von der Sonnenallee im Dezember 2017 - für Frohnmaier hat beides dennoch miteinander zu tun.

“Ich kann niemanden für ein Land begeistern, das einem schon als Kind eintrichtert, dass man sich nur negativ auf die eigene Geschichte beziehen kann”, sagt er. Es brauche eine Leitkultur, die wieder einen positiven Bezug zur deutschen Nation und Geschichte herstellt.

Selbst in der AfD ist Frohnmaier nicht unumstritten

Nach diesen Worten überrascht es nicht, dass Frohnmaier nach eigener Aussage 15.000 Euro aus der Familienkasse für Prozess- und Anwaltskosten ausgegeben hat - für Rechtsstreite mit Medien und Politikern. Allein in diesem Jahr.

“Das kann ich mir nicht länger leisten”, sagt er.

Aber nicht nur Menschen, die die AfD nicht mögen, stören sich an den Aussagen Frohnmaiers. Auch in Teilen der AfD ist er umstritten.

So zerrissen Mitglieder der Fraktion einen Vorschlag von ihm, den er in der vergangenen Woche in der “Welt” veröffentlichte.

Darin spricht er von einem “Volkskapitalismus”, der die Unter- und Mittelschicht entlasten und die Sozialleistungen für Ausländer einschränken soll. So weit, so AfD.

Frohnmaier will aber außerdem die Arbeitszeit flexibilisieren, Arbeitslose sollen ihr Hartz IV zurückzahlen, wenn sie wieder Arbeit haben und Deutschland soll Freihandelsabkommen mit den USA und Russland schließen.

Ein nationalliberales Programm also.

Der altrechte Flügel in der Partei um Björn Höcke träumt derweil eher vom klassischen Nationalsozialismus aus den Anfangsjahren der NSDAP: Krieg den Palästen, Friede den Hütten.

Frohnmaier hingegen stören die Paläste nicht. Im Gegenteil.

“Es ist ok, nicht immer zu gewinnen”

Das gefiel einem Höcke-Vertrauten und Bundestagsabgeordneten aus Thüringen nicht. Der forderte in der Fraktionssitzung gar, Frohnmaier solle sein Mandat niederlegen.

Frohnmaier sollte also aus dem Bundestag fliegen wie die Migranten und die Kinder der Migranten von der Sonnenallee.

Auf Blogs erhielt er Morddrohungen. “Humanmüll” sei er und man sollte Leute wie ihn “auf der Straße totschlagen”.

Davon will er sich aber nicht von seinem Vorschlag abbringen lassen. “Ich bleibe dabei”, sagt er.

Man hat nicht den Eindruck, dass Frohnmaier solche Rückschläge aufhalten könnten.

Schon seine Zeit im Bundestag begann mit einer Niederlage. Er sollte zweiter Parlamentarischer Geschäftsführer der Fraktion werden, fiel aber durch.

“Ich muss das akzeptieren. Ich bin jung. Es ist es ok, nicht immer zu gewinnen.”

Frohnmaiers Büro: Kein Platz, kein Internet

Wir warten in der Dezemberkälte am Hermannplatz auf den Fahrer der Bundestagsflotte.

Nach einer halben Stunde fährt die schwarze Audi-Limousine vor.

Wir fahren in die Dorotheenstraße 93 in Frohnmaiers Büro in einem alten Bau der Nationalsozialisten.

Verglichen mit den holzvertäfelten Büros in anderen Bundestagsgebäuden wirkt der kalte, graue Stein trostlos.

Die 92 AfD-Abgeordneten haben hier ihre Büros mit ihren Mitarbeitern. Macht über 400 Leute, also ein größeres mittelständisches Unternehmen.

Von hier aus will die AfD in den kommenden vier Jahren im Bundestag Wurzeln schlagen. Aber so richtig angekommen sind die Abgeordneten noch nicht.

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Frohnmaier muss sich sein Büro mit dem Abgeordneten Dirk Spaniel teilen. Zehn Meter weiter sitzen seine Mitarbeiter zu fünft in einem Raum.

Kein Platz, kein Internet.

Es fehlt schon an grundlegenden Dingen. Deswegen lässt Frohnmaier seine Leute von zu Hause aus arbeiten.

“Wir sind ein junges Team, kommen von der Uni, sind hungrig, müssen uns erstmal daran gewöhnen, wie es hier zugeht”, sagt er.

Die Abläufe, die labyrinthartigen Gänge im Bundestag, all das ist neu für die Abgeordneten.

Wer sich mit einem AfDler verabreden will, muss noch damit rechnen, dass er im falschen Cafe wartet oder 30 Minuten zu spät ist, weil er sich verlaufen hat.

Keine Turnschuhe im Parlament

Es gab auch die ein oder anderen handfesten Skandale - etwa Häppchen für die Fraktion für mehrere tausende Euro und überteuerte IT-Anschaffungen.

Aber die Fraktion bemüht sich um ein bürgerliches Auftreten.

Etwa habe sich die Fraktion darauf verständigt, keine Turnschuhe im Parlament zu tragen und die “mitteleuropäischen Umgangsformen” einzuhalten, wie Frohnmaier sagt.

Außerdem geben sich die Abgeordneten Mühe, bei möglichst allen Debatten vollzählig im Parlament zu sitzen.

“Ich schlafe sehr, sehr wenig.”

Die Folge: Frohnmaier ist in den Sitzungswochen meist von früh bis spät im Parlament. Dazu die Büroarbeit.

Vor vier Monaten kam sein erster Sohn zur Welt.

Wenn Frohnmaier spätabends nach Hause kommt, ist sein Kind manchmal noch wach.

Dann “lege ich mich daneben, mache komische Geräusche, wechsle auch mal die Windeln. Ich bin kein Patriarch. Aber ich schlafe sehr, sehr wenig.

Das sieht man ihm an.

Krawallig, schüchtern, widersprüchlich

Für ihn war dieses Jahr ohnehin das “intensivste” in seinem Leben.

Im März heiratete er Daria, eine Russin aus Moskau. Gleichzeitig Wahlkampf, sein Sprecher-Job für Alice Weidel, die er immer noch “Chefin” nennt - und auch noch die Uni.

“Ich habe im Stehen studiert, um nicht einzuschlafen”, sagt Frohnmaier, der in Rumänien geboren wurde.

Dann der Umzug nach Berlin, gemeinsam mit seiner kleinen Familie in eine Wohnung in Mitte, wo die Drei in den Parlamentswochen leben.

Er lernt Russisch, seine Frau Deutsch - mit dem Kleinen sprechen sie außerdem noch Englisch.

Und irgendwann möchte Frohnmaier seinem Sohn Spanisch beibringen. “Weil Sprachen ein unglaubliches Privileg sind.”

Deutschland den Deutschen, Lob der Wehrmacht, Euro-Multikulti-Familie, Wirtschaftspolitik á la FDP.

Krawallig, schüchtern, widersprüchlich. Das ist der typische Frohnmaier-Sound.

Man wird ihn künftig noch öfter und vielleicht noch lauter hören - auch im hohen Haus des Bundestags.

(jg)