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Offener Brief an den BMW-Fahrer, der ein 5-jähriges Mädchen überfahren hat

Sie haben nicht gründlich genug geguckt und ein kleines Mädchen übersehen.

20/12/2017 17:17 CET | Aktualisiert 20/12/2017 17:17 CET

Lieber BMW-Fahrer,

ich kann mich nicht an Sie erinnern. Ich weiß nur, dass Sie am 23. Dezember 1994 am Steuer eines BMW saßen. Sie sind durch die Hamburger Innenstadt gefahren. Es war kurz vor 20 Uhr und überall wuselten Menschen herum, die die letzten Weihnachtseinkäufe erledigen wollten.

Es war ganz in der Nähe vom Hanseviertel, als Sie den Blinker betätigten und in eine Straße abbogen. Sie mussten auf die Fußgänger achten, die Grün hatten und über die Straße liefen.

Aber Sie haben nicht gründlich genug geguckt. Sie haben ein kleines Mädchen übersehen. Eine Fünfjährige mit blonden Locken, die einen pinken Wintermantel trug und in winzigen Stiefeln über die Straße lief.

Das war ich.

Sie haben mich mit Ihrem BMW getroffen, sodass ich auf Ihre Windschutzscheibe flog. Als Sie bremsten, fiel ich zurück auf die Straße. Was dann geschah, hat die Augenzeugen am meisten überrascht: Sie haben noch einmal Gas gegeben.

“Sie haben mich mit Ihrem BMW überrollt und unter dem Wagen mitgeschleift”

Vermutlich standen Sie unter Schock. Sie haben mich mit Ihrem BMW überrollt und unter dem Wagen mitgeschleift. Dann hielten sie endlich an.

Meine Mama war sicher, dass sie unter dem Auto kein Kind mehr finden würde. Sie stiegen aus und standen hilflos daneben. Ich glaube, alle, die sich um Ihren Wagen herum versammelten und ihn schließlich zur Seite schoben, erwarteten viel Blut. Verrenkte Gliedmaßen oder etwas in der Art.

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Glücklicherweise war dort immer noch ein Kind, als Ihr BMW zur Seite geschoben wurde. Ich weiß noch, dass Mama geweint und mich in den Arm genommen hat. Ich fragte sie, ob ich tot sei und sie sagte immer wieder: “Du lebst.”

Dann kam der Krankenwagen. Die Sanitäter nahmen meine Mama in den Arm und sagten ihr, dass sie jetzt stark sein müsse. Sie sagten, dass ich höchstwahrscheinlich schwere innere Blutungen hätte. Mein Mantel war zerfetzt, auf meinem Jeanshemd waren die Abdrücke von Ihrem Auto zu sehen.

Im Krankenhaus untersuchten mich die Ärzte zwei Tage lang. Ich war nicht verletzt, weder innerlich noch äußerlich. Niemand konnte erklären, warum.

Ich frage mich, was aus Ihnen geworden ist

Ich weiß nicht, ob man Ihnen gesagt hat, dass es mir gut geht. Ich habe Sie seit jenem Tag nie wieder gesehen. Manchmal habe ich mich gefragt, was wohl aus Ihnen geworden ist. Aber im Großen und Ganzen habe ich mein Leben einfach weitergelebt.

Bis zu jenem Tag vor ein paar Wochen, als ich einen Bericht im Radio gehört habe. Darin erzählte ein Mann von seinem Trauma. Von seinem verkorksten Leben. Es hatte an dem Tag angefangen, als er einen Menschen überfahren hatte.

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Der Mann war nie über diesen Unfall hinweggekommen. Er trug seine Schuld seitdem immer mit sich herum. Nie konnte er sich selbst verzeihen. Ein normales Leben ist für ihn nicht mehr möglich.

Als ich die Geschichte dieses Mannes hörte, dachte ich an Sie. Vielleicht haben auch Sie sich jahrelang schwere Vorwürfe gemacht.

Ich möchte Ihnen heute etwas sagen, das helfen könnte

Vielleicht haben Sie immer wieder davon geträumt, wie Sie mich mit ihrem Auto erfassen. Wie Sie danach neben Ihrem Auto standen und dachten: Ich habe gerade ein kleines Mädchen getötet.

Vielleicht haben Sie wieder und wieder vor Ihrem geistigen Auge gesehen, wie dieser kleine Körper durch die Luft fliegt.

Vielleicht hatten Sie nach dem Unfall Angst, erneut jemanden zu verletzen. Vielleicht haben Sie sich nie wieder ans Steuer eines Autos gesetzt.

Vielleicht haben Sie sich immer wieder die Frage gestellt, ob Sie den Fehler hätten vermeiden können.

Vielleicht haben auch Sie ein Trauma.

Deshalb möchte ich Ihnen heute etwas sagen, das helfen könnte: Ich habe Ihnen verziehen. Ich weiß, dass es ein Unfall war. Sie haben mich nicht mit Absicht überfahren. Und mir geht es gut.

Ich habe keine Angst

Jedes Jahr feiere ich am 23. Dezember meinen “zweiten” Geburtstag. Und manchmal frage ich mich, ob dieser Tag für Sie wohl auch eine Bedeutung hat.

Ich habe keine Angst vor dem Autofahren. Ich habe keine bleibenden Schäden davongetragen. Wenn ich an Sie denke, dann denke ich nicht an einen bösen Mann, der mich fast getötet hätte.

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Ich denke an einen Menschen, der im entscheidenen Moment einen Fehler gemacht hat. Ein Fehler, der auch mir passieren könnte. Jedem von uns, der Auto fährt.

Ich dachte, das sollten Sie wissen.

Falls Sie sich jemals gefragt haben, was aus dem kleinen Mädchen mit dem pinken Mantel geworden ist: Es hat Reiten gelernt, Sandburgen gebaut. Es hat Fußball gespielt, weil es nicht hinnehmen wollte, dass das ein Sport für Jungs sein soll.

Das Mädchen im pinken Mantel ist heute eine erwachsene Frau. Sie hat ihren Abschluss an der Uni gemacht. Sie hat sich verliebt und wurde verlassen. Heute hat sie einen Freund, der sie jeden Tag glücklich macht. Einen Job, den sie liebt. Und eine Zukunft, der sie voller Freude entgegenblickt.

 

Gina Louisa Metzler

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