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Frankreich hat heute die Chance, die Welt wieder ins Gleichgewicht zu bringen

07/05/2017 14:03 CEST | Aktualisiert 07/05/2017 19:28 CEST
ERIC FEFERBERG via Getty Images

Beim zweiten Wahlgang der Präsidentschaftswahl in Frankreich werden Emmanuel Macron und Marine Le Pen gegeneinander antreten. Führen wir uns die europäische Dimension dieser Wahl anhand von drei sich ergänzenden Feststellungen mit Aufmerksamkeit und Entschlossenheit vor Augen.

1. Es handelt sich um eine entscheidende Wahl, die bedeutende Auswirkungen auf Europa haben wird

Von Europa und den anderen Ländern der Welt aus gesehen ist es nicht unerheblich, dass die Franzosen einen Kandidaten, der sich für den Aufbau Europas, seine Reform und Vertiefung einsetzen möchte, im ersten Wahlgang die meisten Stimmen gegeben haben.

Obwohl die Herausforderungen für Europa in dieser Wahlkampagne einen größeren Platz eingenommen haben als in früheren Kampagnen, zeigen die Umfragen nach der Wahl, dass die Wähler ihre Entscheidung vor allem ausgehend von binnenwirtschaftlichen Erwägungen getroffen haben (Erneuerung der politischen Praktiken, Bildung und Fortbildung zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, Steuern, sozialer Schutz).

Manche Wähler haben dem Kandidaten vermutlich sogar trotz ihrer Vorbehalte über seine Einstellung gegenüber Europa ihre Stimme gegeben, was bestätigt, dass Europa nicht ihre Hauptsorge war.

Mehr zum Thema: HuffPost-Umfrage: Franzosen finden Macron glaubwürdiger als Le Pen

Dieses Wahlergebnis, das sich vor allem durch binnenwirtschaftliche Sorgen erklärt, ist durchaus logisch, denn die EU hat eine subsidiäre Kompetenz und ist nicht die Hauptverantwortliche für die Schwierigkeiten Frankreichs oder die Schwierigkeiten oder Erfolge der 27 anderen EU-Mitgliedsstaaten.

Diese heilsame Erinnerung ist eine gute Neuigkeit für die Franzosen, die beim zweiten Wahlgang über ihr Schicksal entscheiden können, denn sie haben die Wahl zwischen zwei sehr unterschiedlichen Optionen der nationalen Politik.

Die zweite Wahlrunde ist vor allem entscheidend für die wirtschaftliche Erholung Frankreichs. Gleichzeitig wird das Wahlergebnis aber auch tiefgreifende Auswirkungen auf die Europapolitik Frankreichs und demzufolge auf die Zukunft des Aufbaus Europas haben.

2. Die Franzosen sind nicht europhob und können die Brexit-Trump-Sequenz unterbrechen

Der Sieg Emmanuel Macrons im ersten Wahlgang widerspricht erfreulicherweise den Voraussagen, dass die Wahl für Donald Trump und den Brexit eine unaufhaltsame Welle von Wahlsiegern auslösen würde, die sich für einen Rückzug auf den Nationalstaat einsetzen - wobei die Besonderheiten der Wahlen in den USA und Großbritannien außer Acht gelassen wurden.

Nach der Wahlniederlage der Rechtsextremen in Österreich und den Niederlanden ist dies eine willkommene Unterbrechung, die - wie wir hoffen - beim zweiten Wahlgang durch die Ablehnung der durch den Front National verkörperten Europhobie bekräftigt werden wird.

Denn Europhobie ist mehr als eine heftige Kritik der EU, ihrer Entscheidungen und Mängel, also Ausdruck eines Euroskeptizismus, dem die nationalen und europäischen Behörden mehr Gehör schenken sollten.

Europhobe hassen die EU, den Euro und das Schengener Abkommen so sehr, dass sie aus ihnen austreten möchten, wobei sie den Preis eines Sprunges ins Ungewisse in Kauf nehmen.

Mehr zum Thema: Macron-Leaks: Was steht in den Dokumenten? Wer steckt dahinter? Profitiert Le Pen?

Nach der Wahl für den Brexit, bei der es - wie beim Wahlsieg von Trump - nicht um die Mitgliedschaft in einer Währungsunion ging, ermisst die öffentliche Meinung besser, wie groß dieser Sprung wäre.

Aus dem Euroraum auszutreten, würde bedeuten, auf einen soliden Schutz gegenüber der internationalen Finanzspekulation zu verzichten und mit den Ersparnissen der Franzosen Russisches Roulette zu spielen.

Frankreich würde sich wieder den verheerenden wettbewerbsbedingten Abwertungen aussetzen, die wir bereits erlebt haben: Währungsnationalismus bedeutet Währungskrieg!

Die europhoben Franzosen haben verstanden, dass die Bevölkerung die Mitgliedschaft Frankreichs im Euroraum unterstützt.

Demzufolge mäßigen oder verschleiern sie ihren Willen zum Bruch mit Europa: Sie könnten mit unserer Wirtschaft und unseren Ersparnissen den Zauberlehrling spielen - dieses Risiko gehen wir besser nicht ein!

3. Schauen wir in die Welt, um noch europäischer zu sein

Ein Wahlsieg Emmanuel Macrons, den wir uns wünschen, würde es erlauben, die Verankerung und den Einfluss Frankreichs in Europa zu festigen und die Werte Frankreichs in der EU besser zu verteidigen. Und die EU ist nur dann stark, wenn sie starke Mitgliedstaaten hat.

Ein Sieg Macrons würde die Fähigkeit der Europäer stärken, aufeinander folgende „Miteigentümerkrisen" (Verfassungsvertrag, Euroraum, Flüchtlinge ...) zu überwinden, indem sie mehr in die Welt schauen.

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Wir sind nicht mehr ihr Mittelpunkt und sie birgt viele Chancen, aber auch zahlreiche Bedrohungen.

Heute gilt mehr denn je "Gemeinsam sind wir stärker", denn wir sind mit vielen verschiedenen Herausforderungen konfrontiert: dem Chaos in Syrien und Libyen, der Aggressivität Russlands, dem islamistischen Terror, dem Klimawandel, der Deregulierung der internationalen Finanzmärkte, unkontrollierten Migrationswellen, dem Erstarken Chinas, der Unvorhersehbarkeit Donald Trumps, der Vorbereitung der Scheidung Großbritanniens von der EU.

In diesem instabilen internationalen Kontext werden die Franzosen am 7. Mai wählen. Im Laufe des Jahres werden auch die Tschechen und die Deutschen an die Urne gerufen werden.

Wir wünschen uns, dass eine Mehrzahl der Franzosen nicht für eine Kandidatin stimmen wird, die mehr auf die Ausgangstür schaut als auf ihre Nachbarn, und dass sie einen Kandidaten unterstützen wird, der den anspruchsvollen Dialog, auf dem der Aufbau Europas schon immer basiert hat, fortsetzen und vertiefen möchte, um ihn voll und ganz auf das 21. Jahrhundert einzustimmen.

Franzosen und Europäer - gemeinsam sind wir stärker, heute und morgen!

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der Huffington Post zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

Diskutiert mit und schickt uns eure Erlebnisse an Blog@huffingtonpost.de.

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