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Es ist völlig egal, wie das Referendum ausgeht - wir Türken werden in Frieden miteinander leben

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TURKISH PEOPLE
Yagiz Karahan / Reuters
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Einige Worte vorweg: Ich schreibe diesen Text aus dem Familienurlaub in der Türkei und bewusst bereits vor den ersten Hochrechnungen. Wer jetzt eine sachliche Analyse der Ergebnisse erwartet, sollte lieber weiter klicken. Dieser Text wird persönlich, vielleicht sogar etwas emotional.

Seit Wochen werde ich fast täglich gefragt, was ich über die geplanten Verfassungsänderungen und das Referendum denke.

In diesen Tagen denke ich vermehrt an meine Verwandten in der Türkei. Ich denke an meine verstorbenen Großeltern und versuche herauszufinden, wie sie abgestimmt hätten.

Ich denke an meine Tanten und Onkel und daran, was sie mir in der Vergangenheit über diese Republik erzählt haben.

Ich denke an meine Cousins, von denen viele zwar mit den Zukunftsperspektiven in diesem Land unzufrieden, aber dennoch unendlich hoffnungsvoll sind.

Verschiedene Meinungen sind die Grundlage jeder Demokratie

Die verschiedenen Überzeugungen, Überlegungen, Erzählungen und Meinungen könnten unterschiedlicher kaum sein. Wenn Türken in diesen Tagen davon erzählen, wie gespalten ihre Familien in politischen Fragen sind, dann reden sie über Familien wie meine.

Ich denke, es wäre eine realistische Schätzung, dass über 80% der Türken genau solche Familien haben, und das ist auch gut so. Meinungsdiversität ist ein hohes Gut einer jeden Gesellschaft.

Erst durch unterschiedliche Meinungen, eine offene Debatte und einen fairen Wettbewerb der Ideen kann sich eine Gesellschaft frei und zukunftsorientiert entwickeln.

An Meinungen mangelt es in der Türkei nicht. In einem Punkt jedoch sind sich zumindest alle einig: Es sollten möglichst viele Menschen wählen gehen. Heute teilten einige meiner Freunde auf Facebook ein Video, in dem türkische Prominente zum Wählen aufrufen.

Ein Satz in diesem Video trieb auf Anhieb Tränen in meine Augen: "Mit all unseren Unterschieden, Farben und Stimmen wollen wir frei und in Frieden miteinander leben!"

Wenn ich an dieses Referendum denke, dann denke ich an ein Volk, das in den letzten Monaten und Jahren allerdings immer stärker auf seine Unterschiede fixiert ist und immer weniger in Frieden miteinander leben kann.

Ich fühle mich erinnert an Erzählungen meiner Tanten und Onkel, wie sich in den 70ern und 80ern das gesamte Land in Links und Rechts gespalten hatte.

Dennoch haben wir es in meiner Familie bisher immer geschafft, trotz all unserer Unterschiede zusammenzukommen. Dennoch war uns, wie auch den meisten anderen türkischen Familien, trotz aller Unterschiede der Zusammenhalt in der Familie wichtiger als der Streit über unsere politischen Unterschiede.

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Wenn jemand in der Familie erkrankt, dann fragt man auch in türkischen Familien nicht, wie ihre oder seine politische Gesinnung ist. Man eilt ins Krankenhaus und vergewissert sich persönlich über den Gesundheitszustand, egal wie banal und ungefährlich die Erkrankung auch sein sollte.

Wenn einer meiner Verwandten aus der Türkei beruflich in Deutschland ist, dann versuche ich, möglichst viel Zeit mit ihr oder ihm zu verbringen und möglichst viel von "meinem" Europa zu zeigen.

Daran ändert auch eine andere Meinung zu diesem Referendum nichts. So habe ich es von meinen Eltern und Großeltern, Onkeln und Tanten gelernt.

Kein Ergebnis wird meine Meinung zur Türkei ändern

Am Anfang dieses Textes habe ich geschrieben, dass ich ihn bewusst vor den ersten Hochrechnungen schreibe. Denn an meiner Meinung zur Zukunft der Türkei ändert kein Ergebnis etwas.

Egal, wofür sich die Türken heute entscheiden, sie werden auch in Zukunft zusammen leben. Sie werden weiterhin Verwandte im Krankenhaus besuchen und Gäste aus der Heimat beherbergen. Sie werden weiterhin ihre Nachbarn zu sich nach Hause einladen und an Feiertagen die Hände der Älteren küssen, gemeinsam Hochzeiten feiern und auf Beerdigungen weinen.

Egal was heute passiert, Türken werden auch morgen noch ihre Hoffnung auf die Jugend setzen und für die Zukunft ihrer Kinder alles in ihrer Macht liegende tun.

Über 80 Millionen Türken, in und außerhalb der Türkei, werden auch nach diesem Sonntag noch Türken sein, "mit all unseren Unterschieden, Farben und Stimmen".

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Wenn ich an dieses Referendum denke, dann denke ich auch an das ältere türkische Ehepaar, das im Flugzeug auf dem Weg hierhin direkt neben mir saß. Er, etwa 65 Jahre alt, hatte lange Jahre auf deutschen Baustellen gearbeitet. "Meine Ehefrau hat Gott sei Dank niemals arbeiten müssen", erzählte er mir stolz.

"Mein Lohn hat uns çok şükür immer gereicht. Wo hätte sie auch arbeiten sollen? Ich kam mit einer fertigen Ausbildung nach Deutschland, aber meine Frau hätten sie Toiletten putzen lassen! Wir hatten Nachbarn, deren Frauen Toiletten putzen, aber ich konnte das nicht zulassen. Sie hatte gerade erst die Schule beendet, als ich sie aus der Türkei nachgeholt habe."

Die beiden erzählten mir von ihrer 40-jährigen Tochter, die nicht nur die Schule und die Uni als Jahrgangsbeste beendet, sondern nebenbei noch zwei Kinder großgezogen hatte.

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Heute ist sie Kinderärztin in Herne! "Sie arbeitet Tag und Nacht, aber liebt ihren Beruf!". Ich finde keine adäquaten Worte, um das Glänzen in den Augen der beiden zu beschreiben. Auch das Wort "Stolz" wird dem nicht gerecht.

Natürlich haben wir auch über das Referendum gesprochen. Der Amca erzählte mir, dass er mit Ja stimmen werde, und zählte mir seine Gründe dafür auf. Gründe, die ich allesamt schon zig mal gehört hatte.

Gründe, die ich aus Sicht eines 65-jährigen Gastarbeiters, der sich und seiner Frau im Alter endlich mal eine kleine Ferienwohnung in Istanbul gegönnt hatte, absolut nachvollziehen konnte. Auf Nachfrage erzählte ich ihnen dann, dass ich gegen die Verfassungsänderung sei, und zählte auch meine Gründe dafür auf.

Schließlich lehnte sich die Teyze zu mir rüber und beendete unsere Diskussion zu diesem Thema mit den Worten: "Ich verstehe dich, mein Sohn, so wie du auch uns verstehst. Und genau darum geht es doch: Egal, was auch passiert, werden wir alle dieses Land immer lieben. Und zumindest darin sind wir uns doch einig!"

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Beide umarmten mich zum Abschied und wünschten mir viel Erfolg in meinem Studium. "Hoffentlich findest du bald auch die Liebe deines Lebens!", fügte die Teyze hinzu, "Ich werde für dich beten!". Als wir das Flugzeug verließen, rief mir der Amca hinterher: "Denk dran, mein Sohn, Du kannst hier am Flughafen noch abstimmen!"

Ich weiß, woran die meisten Menschen in Deutschland denken, wenn sie über dieses Referendum sprechen. Über 90% denken an Erdoğan, den ich in diesem und vorherigen Texten zu diesem Thema bisher nicht erwähnt habe. Bewusst? Naja, nicht wirklich. Tatsächlich denke ich gar nicht so häufig an den türkischen Präsidenten.

Wenn ich über die Türkei spreche, dann denke ich primär an die vielen wundervollen Menschen in diesem Land. Ich denke an die herzallerliebsten Teyzes und Amcas, aber auch an die vielen hoffnungsvollen jungen Menschen dieser Republik.

Ich wünsche diesen Menschen, dass sie in Frieden miteinander leben und aus ihren Unterschieden Kraft für eine bessere gemeinsame Zukunft schöpften. Ich werde für sie beten.

Und egal welches Ergebnis uns alle heute erwartet, überkommt mich ein Gefühl der friedvollen Ruhe, wenn ich an diese Menschen denke. Das türkische Wort dafür lautet "HUZUR".

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