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"Wir sind hier nicht auf dem orientalischen Basar!"

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NEUKOELLN
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"Wir sind hier nicht auf dem orientalischen Basar!"

Mit diesem Satz reagierte eine meiner Lehrerinnen auf dem Gymnasium jedes Mal, wenn ich versuchte, den einen oder anderen Punkt in meinen Klausuren zu retten. Ein Satz, dessen Sinn ich lange Zeit nicht verstehen konnte. Ich war vielleicht elf oder zwölf Jahre alt, als sie meinen Widerspruch gegen ihre Benotung zum ersten Mal mit diesem Satz abwehrte.

Auf die Idee, dass sie diesen Satz irgendwie rassistisch meinen könnte, kam ich lange Zeit erst gar nicht. Denn ich war ja eigentlich nicht anders als all die anderen Kinder - ich hatte viele Freunde, die sich ebenfalls immer wieder über ihre Noten beschwerten, und eigentlich tat ich ja auch nichts anderes. Höchstwahrscheinlich hatte ich mir dieses Verhalten sogar bei ihnen abgeguckt.

Aber irgendwann fiel es mir dann schon auf, dass sie von all den Schülern in unserer Klasse eigentlich nur mich immer und immer wieder mit diesem Satz blockierte. "Emre, wir sind hier nicht auf dem orientalischen Basar!". Komisch, dachte ich mir, was meinte sie damit nur?

Als dann irgendwann die immer schlechter werdenden Noten in diesem Fach zu Hause zum Thema wurden und mein Vater - nachdem er die ganzen Klassenarbeiten der letzten Monate gründlich durchgeschaut hatte - sich auch nicht erklären konnte, wie es zu dieser Verschlechterung kam, fragte er mich: "Hast du denn mal mit deiner Lehrerin darüber gesprochen?". Meine Antwort war klar und für ihn anscheinend sehr deutlich: "Ja, aber sie lässt nicht mit sich reden. Sie sagt immer nur: 'Emre, wir sind hier nicht auf dem orientalischen Basar!', und wenn ich dann noch weiter diskutiere, dann bekomme ich Ärger. Letztens hat sie mich dann sogar aus dem Unterricht geworfen!".

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Was meine Lehrerin damit meinte, verstand mein Vater sofort

Was für mich jahrelang ein Rätsel war, hatte mein Vater innerhalb weniger Sekunden durchschaut. Er blieb sehr ruhig, ruhiger als ich erwartet hatte. Denn eigentlich hatte ich mich schon längst auf den Ärger vorbereitet, den ich aufgrund meiner schlechten Noten bekommen sollte. Meine präventiven Tränen flossen schon.

Aber Ärger gab es keinen. Stattdessen eine Erklärung, die ich nie vergessen werde:

"Emre, du musst wissen, dass es in dieser Welt einige Menschen gibt, die in Schubladen denken. Diese Menschen packen von vornherein in ihrem Kopf die Mitmenschen, die sie mögen, in eine Schublade und die Mitmenschen, die sie nicht so mögen, in eine andere Schublade. Das ist nicht schön, aber diese Menschen ticken nun mal so.

Du bist anscheinend bei dieser Lehrerin in der Schublade gelandet mit all den anderen Schülern, die sie auch nicht mag. Dafür kannst du nichts! Sie hat dich nun mal in diese Schublade gepackt, bevor sie dich überhaupt richtig kannte. Du kannst jetzt in dieser Schublade traurig sein und die ganze Zeit weinen, warum du denn jetzt in dieser Schublade bist und nicht in einer anderen Schublade. Das kannst du natürlich machen, aber das bringt dir ja nichts! Denn so kommst du aus dieser Schublade erst recht nicht wieder raus.

Aber wenn du jeden Tag für dieses Fach lernst und immer besser wirst und dich viel öfter im Unterricht meldest als alle anderen Schüler, dann muss diese Lehrerin sich irgendwann überlegen, ob sie dich nicht vielleicht doch in die falsche Schublade gepackt hat.

Aber eine Sache solltest du dir merken: Du kannst dich trotzdem beschweren, wenn du denkst, dass du falsch behandelt wirst! Und wenn sie dann wieder diesen Mist mit dem orientalischen Basar erzählt, dann fragst du sie einfach vor allen anderen Schülern, ob sie das etwa rassistisch meint. Du wirst sehen, wie peinlich es ihr sein wird!"

Und so war es auch. Diese Lehrerin hat diesen Satz mir gegenüber nur noch ein letztes Mal geäußert und der Rassismusvorwurf hat gesessen. Ich durfte mir wochenlang Entschuldigungen anhören: Sie hätte es ja gar nicht so gemeint und sie sei traurig, dass ich das so verstanden hätte.

Wir lassen uns von stumpfen Rassismus nicht unterkriegen

Das hat sie zwar nicht davon abgehalten, eine andere Schülerin, die ein Kopftuch trug und zur selben Zeit in der Oberstufe war, zu fragen, warum sie sich den ganzen Stress mit dem Abitur denn überhaupt antun würde, wenn sie nach dem Abitur doch eh einen Mann finden und zu Hause bleiben würde.

Die besagte Schülerin ist heute selbst Lehrerin. Der Rassismus dieser einen Lehrerin konnte das nicht verhindern.

So wie sich auch viele andere durch den Rassismus einzelner Menschen nicht haben aufhalten lassen. Diese Menschen sind heute Lehrer, Ärztinnen, Anwälte, Ingenieurinnen, Schriftsteller, Unternehmerinnen, Politiker. Und heute werden sie teilweise immer noch mit demselben rassistischen Unfug konfrontiert:

Wer sich mit türkischer Innenpolitik beschäftigen wolle, der solle doch zurück in die Türkei gehen. Und wer jetzt Visafreiheit für Türkinnen und Türken fordere, der solle wissen: "Wir sind hier nicht auf dem orientalischen Basar!" Darauf kann es nur eine adäquate Antwort geben: Wir haben uns bisher nicht aufhalten lassen, um unsere Rechte zu kämpfen, und wir werden uns auch jetzt nicht aufhalten lassen.

Und wer etwas gegen diese Freiheiten hat, für die in diesem Land in der Vergangenheit hart gekämpft wurde, der sollte dann vielleicht mal selbst darüber nachdenken, ob er nicht irgendwohin auswandern möchte. Es gibt nämlich genug Länder in dieser Welt, in denen die freie Meinung unterdrückt wird.

Und eines werden wir nicht zulassen: Dass Deutschland auch zu einem solchen Land wird!

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