Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Emre Yavuz Headshot

Ich wollte zwei syrischen Jungs ein Eis kaufen - und erhielt eine Lektion fürs Leben

Veröffentlicht: Aktualisiert:
BOY BIKE FILTER
Nadezhda1906 via Getty Images
Drucken

Mahir und Amir wohnen seit einigen Monaten im Heim bei uns gegenüber. Sie sind Zwillinge; ich kann sie nur an der Zahnlücke unterscheiden, die Mahir hat und Amir nicht. Umso leichter ist es für mich, sie zu unterscheiden, denn beide haben ständig ein breites Lächeln im Gesicht.

Außer Amir und Mahir hat die Familie noch drei Töchter. Zusammen mit dem Ehemann der ältesten Tochter ist die ganze Familie aus Syrien erst in die Türkei geflohen.

Irgendwann ist die älteste Schwester mit ihrem Ehemann über das Meer nach Europa. Als die Nachricht ihrer sicheren Ankunft beim Rest der Familie ankam, sind dann alle hinterher.

Die beiden Jungs sind mir zum ersten Mal am Eiswagen aufgefallen, der in unserer Straße hält. Für den Fall, dass ein Kind vor dem Wagen steht und kein Geld dabei hat, habe ich immer ein paar Euro mehr in meiner Hosentasche.

Eine Lektion am Eiswagen

Eines Tages stand Amir vor diesem Eiswagen. Ich hatte mich neben die lange Schlange gestellt und wartete darauf, dass alle erstmal bestellten, weil ich mich üblicherweise eh immer länger mit unserem Eismann unterhielt.

Die Schlange wurde immer kürzer, aber Amir kam nicht näher an den Wagen. Also nahm ich ein paar Münzen aus meiner Hosentasche und hielt sie ihm hin: "Hier!"

Amir schüttelte den Kopf und sagte: "Nein, ich warte nur auf meinen Freund!". Dabei hatte er wieder dieses breite Lächeln im Gesicht.

Passend zu Thema: Was der Satz "Wir sind hier nicht auf dem orientalischen Basar" in mir auslöste

"Wenn du kein Geld dabei hast, dann nimm!", erwiderte ich und streckte wieder meine Hand aus.

"Nein, guck!", sagte er, zückte ein paar Euro aus seiner eigenen Tasche und schüttelte wieder seinen Kopf, "Meine Mutter hat mir Geld für Eis gegeben!"

"Warum kaufst du dir dann kein Eis?"
"Wenn ich es nicht ausgebe, habe ich später mehr. Dann kann ich etwas besseres kaufen!"

In diesem Moment kam ich mir ziemlich dämlich vor mit meinen paar Münzen in meiner Hand und ich wurde nachdenklich. Ich wollte diesem kleinen Knirps ein lächerliches Eis schenken, dabei schenkte er mir eine Lektion fürs Leben.

Das schönste Lächeln der Welt

In den folgenden Wochen ist mir Amir immer wieder aufgefallen und irgendwann merkte ich, dass er einen Zwilling hatte. Auch Mahir stand immer wieder vor dem Eiswagen, ohne sich ein Eis zu kaufen.

Die beiden fuhren immer wieder mit ihren Fahrrädern oder Inlinern von ihrer Straßenseite rüber in unsere Straße und wieder zurück. Wenn sie mich oder einen meiner Brüder sahen, hielten sie an und lächelten breit.

Die beiden sind sich sehr ähnlich und lächeln sogar fast identisch, mit nur einem Unterschied: Mahirs Zahnlücke! Es ist eines der schönsten Lächeln der Welt.

Als ich gestern von einer Reise zurückkam, kam Mahir auf seinen Inlinern angerast. Er wartete hinter unserem Auto, bis mein Bruder und ich ausstiegen, und lächelte uns wieder an. "Hallo!", rief er fröhlich und fuhr einige Runden in unserer Straße auf und ab.

Geschenke für die Schwestern

Beim Auspacken des Kofferraums fielen mir einige Süßigkeiten auf, die wir mitgenommen, aber nicht aufgemacht hatten. "Hier!", sagte ich und reichte ihm die Packungen. Mahir reagierte exakt wie sein Zwillingsbruder Amir bei unserer ersten Begegnung: Er schüttelte vehement den Kopf und lächelte mir breit zu.

"Warum nicht? Hier, nimm doch!"

"Nein, danke!"

"Du heißt Mahir, oder?"

"Ja, und du Emre!"

"Ja genau! Mahir, du hast doch Schwestern, oder?"

"Ja, warum?"

"Wie viele Schwestern hast du?"

"Drei, aber eine wohnt nicht mit uns."

"OK, also nimmst du diese zwei Packungen. Diese hier ist für deine erste Schwester und die hier für deine andere Schwester. OK?"

Zum ersten Mal sah ich Mahir nicken. Er nahm mir die Packungen aus der Hand, raste wieder zurück zum Heim und winkte mir von gegenüber fröhlich zu.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

An dieser Geschichte ist viel wahres dran: Mahirs Zahnlücke, die Schönheit im Lächeln der beiden, die Menschlichkeit, die mich mit diesen Jungs verbindet, das ständige Kopfschütteln und das seltene Nicken.

Die Lektionen, die ich von ihnen lernen darf. Und die gute Erziehung der beiden Knirpse. Einzig und allein ihre Namen habe ich verändert.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Lesenswert: