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In den USA könnte dieses Mädchen Präsidentin werden, in Deutschland will man sie nur loswerden

27/02/2017 09:43 CET | Aktualisiert 27/02/2017 10:31 CET
privat

Jetzt erklär mir mal bitte jemand unsere Gesetze:

Eine dreiköpfige Familie lebt seit zwei Jahren in Deutschland. Die Tochter ist kurz nach der Einreise ihrer Eltern hier geboren - mit einer angeborenen Erkrankung, die im Heimatland vor der Geburt noch nicht einmal diagnostiziert werden konnte.

Die Ärzte in Deutschland haben diese Erkrankung kurz vor ihrer Geburt erkannt und die notwendigen Schritte eingeleitet. In wenigen Wochen wird das Mädchen zwei Jahre alt und ist Gott sei Dank zu einem fröhlichen, strahlenden Kind herangewachsen.

Seit ihrer Einreise wird die junge Familie in Deutschland nur geduldet. Nach fast zwei Jahren in Asylbewerber-Übergangsheimen durfte die Familie vor wenigen Wochen endlich eine eigene Wohnung beziehen.

Diese Familie ist eine Bereicherung für Deutschland

In der Zwischenzeit haben beide Eltern ein beeindruckendes Deutsch gelernt. Sie sind jung, sie sind engagiert, sie sind aktiv und sie sind eine Bereicherung für dieses Land.

Der Vater hat vor einigen Monaten eine Ausbildung begonnen. Mehrere Betriebe haben ihm jetzt schon zugesagt, ihn später einstellen zu wollen. Denn: Er ist einfach gut und die Ausbildung mehr eine Formalität als alles andere, weil er in seinem Heimatland schon zehn Jahre lang in diesem Sektor gearbeitet hat.

Er kann gut arbeiten, er will gut arbeiten, er wird gut arbeiten. Er ist auf dem besten Weg dahin, eine wertvolle Fachkraft zu werden und seine Familie auch finanziell völlig selbstständig versorgen zu können.

Auch die Mutter möchte hier einen Beruf erlernen. Sie würde gerne eine Ausbildung zur Altenpflegerin machen, wenn sie nur eine Tagesstätte für ihre Tochter finden könnte.

Und das Kind? Das Kind kennt nur Deutschland! Das Mädchen wurde hier geboren und wächst hier auf. Es geht hier zur Musikschule und hat deutsche Freunde. Selbst ihre Eltern reden Deutsch mit ihr. Nach allen logischen Schlussfolgerungen ist sie ein deutsches Kind. Allerdings nicht nach deutschem Recht.

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Wäre sie in den Vereinigten Staaten geboren, könnte sie theoretisch Präsidentin werden. Aber sie wurde in Deutschland geboren, also droht ihr die Abschiebung in ein Land, in dem sie noch nie war.

Denn jetzt entscheidet die Behörde: Die restlichen Operationen des Kindes können im Heimatland der Eltern erledigt werden. Zur Erinnerung: Die Ärzte im Heimatland waren noch nicht einmal in der Lage, die Erkrankung vor der Geburt zu diagnostizieren.

Die geplante Abschiebung ist absurd

Die Entscheidung der Behörde hat dramatische Auswirkungen auf das Leben der jungen Familie: Der Vater darf hier bleiben, denn er ist ja mitten in einer Ausbildung. Aber Mutter und Kind sollen innerhalb der nächsten Wochen freiwillig zurückreisen.

Sonst droht die Abschiebung, denn ihr Heimatland gehört zu den sogenannten "sicheren Herkunftsstaaten".

Was uns ziemlich absurd erscheinen mag, meint die Behörde aber ernst: Eine Trennung der Familie für die Zeit der Ausbildung des Vaters sei zumutbar. Dabei hat die Familie vor wenigen Wochen erst ihre neue Wohnung bezogen.

Mehr zum Thema: Ihre Familie soll aus Sachsen abgeschoben werden - das will eine Zweitklässlerin nicht hinnehmen

Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie sehr sich vor allem der junge Familienvater darauf gefreut hat, sich endlich ungestört und ohne die ständige Angst vor einer Abschiebung auf seine Ausbildung konzentrieren zu können.

Es ergibt ja auch eigentlich gar keinen Sinn, eine Familie, die ein derart gutes Beispiel für eine gelungene Integration in unserem Land ist, solchen Strapazen auszusetzen. Ein junger Familienvater, der gerade zu einer wertvollen Fachkraft ausgebildet wird. Eine junge Mutter, die gerne als Altenpflegerin arbeiten und hilfsbedürftigen Menschen helfen würde.

Was müssen junge, engagierte Einwanderer noch tun, um hier akzeptiert zu werden? Warum müssen wir sie aus ihren Fußball- und Nachbarschaftsvereinen zerren? Und was für ein fatales Zeichen würden wir damit setzen, derart engagierte neue Mitbürger des Landes zu verweisen?

Ich weiß, es ist ein Einzelfall.

Ich weiß, die Angelegenheit ist sehr persönlich.

Aber wir machen uns viel zu selten bewusst, dass es in der Asyl- und Einwanderungspolitik eben genau um solche Einzelfälle und genau um solche persönlichen Schicksale geht.

Es geht um Menschen.

Es geht um Menschlichkeit.

Es geht um Familien, die getrennt werden, obwohl Artikel 6 unseres Grundgesetzes Familien unter den besonderen Schutz des Staates stellt.

Mehr zum Thema: Abschiebung von abgelehnten Asylbewerbern: Innenminister de Maizière will "Bundesausreisezentren" einrichten

Es geht um junge, engagierte Einwanderer, die eine Bereicherung für diese Gesellschaft werden wollen, aber viel zu oft nicht dürfen.

Und es geht nicht zuletzt auch um meine guten Freunde und um ihre kleine Tochter, die ich vor meiner Haustür habe aufwachsen sehen. Es geht um meine Nachbarn, die diese Unmenschlichkeit nicht verdient haben.

Auf change.org läuft eine Petition, die gerne unterstützt werden darf:

Bleiberecht statt Trennung für Familie Kotorri

Und wer mir unsere Gesetze erklären kann, möge sich gerne bei mir melden. Ich verstehe gerade nämlich gar nichts mehr.

Kindern helfen

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