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Was bringen uns die Einschätzungen aller Parlamente dieser Welt?

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BUNDESTAG
Hannibal Hanschke / Reuters
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Wenn sich jetzt mal alle wieder etwas beruhigt haben und auch alle Beleidigungen ausgetauscht wurden, könnten wir uns ja vielleicht auch mal sachlich und differenziert mit dem Antrag beschäftigen, der am vergangenen Donnerstag im Deutschen Bundestag unter Zustimmung einer sehr großen Mehrheit beschlossen wurde.

„Erinnerung und Gedenken an den Völkermord an den Armeniern und anderen christlichen Minderheiten in den Jahren 1915 und 1916", so lautet der Titel des besagten Antrags, des bösen Antrags, des weltbewegenden Antrags, des Antrags, der alles auf den Kopf stellen wird. Oder auch nicht. Aber schauen wir uns den Antrag erstmal an.

Nur zwei Mal

Wenn wir uns auf den bloßen Inhalt der Resolution konzentrieren, fällt zunächst einmal auf, dass der berühmt-berüchtigte Begriff, der viele in Rage versetzt, neben seiner Verwendung im Titel in dem dreiseitigen Antragstext - lasst mich mal eben nachzählen - hmm, nur zwei weitere Male auftaucht:

1.) in Bezug auf das Schicksal „von über einer Million ethnischer Armenier", das „beispielhaft für die Geschichte der Massenvernichtungen, der ethnischen Säuberungen, der Vertreibungen, ja der Völkermorde, von denen das 20. Jahrhundert auf so schreckliche Weise gezeichnet ist", stehe

und 2.) wird der Begriff nochmal benutzt, als an die Bundestagsdebatte vom 24. April 2015 erinnert wird, in der „Rednerinnen und Redner aller Fraktionen" sowie „insbesondere der Bundespräsident am Vorabend der Debatte den Völkermord an den Armeniern verurteilt, der Opfer gedacht sowie zur Versöhnung aufgerufen" haben.

Und das war es auch schon fast. Später, in der Begründung des Antrags, wird noch mal darauf aufmerksam gemacht, dass „zahlreiche unabhängige Historiker, Parlamente und internationale Organisationen [...] die Vertreibung und Vernichtung der Armenier als Völkermord" bezeichnen. Aber das war es jetzt auch wirklich.

In Antrag und Begründung des Schreibens, das gestern zu derartigen Aggressionen geführt hat, wird also gerade einmal an vier Stellen der Begriff verwendet, der Botschafter abreisen, Menschen gegen einzelne Abgeordnete hetzen und Völker in tiefsten Hass gegeneinander verfallen lässt - oder hoffentlich auch nicht!

Nochmal zusammengefasst

Einmal in der Überschrift, einmal im allgemeinen Bezug auf Geschehnisse des 20. Jahrhunderts und zweimal mit Hinweis darauf, wer alles diesen Begriff bereits längst mit den Geschehnissen im Osmanischen Reich in Verbindung gebracht hat.

Also kurz und knapp: Im Antrag finden sich mehr eine Aufarbeitung und die Zusammenfassung bereits gesagter Dinge, als irgendwelche neuen Aussagen - Zumindest in Bezug auf den Begriff „Völkermord".

Leider befasst sich die öffentliche Debatte aber fast ausschließlich mit diesem Begriff, währen der Antrag der Fraktionen CDU/CSU, SPD und Bündnis 90/Die Grünen, dem schließlich auch Die Linke zugestimmt hat, sich darüber hinaus und mehrheitlich mit anderen Themen befasst. Das merkt man schnell, wenn man sich den Antrag überhaupt mal durchliest. Aber es scheint heutzutage utopisch zu sein, genau das von all den Menschen zu verlangen, die unbedingt eine Meinung zu diesem Thema haben wollen.

Schon beim ersten Durchlesen des besagten Antrags wirkt der Text wie eine Endlosschleife von Wiederholungen immer wieder derselben zwei Themen:

1.) und tatsächlich auch zuerst erwähnt: Die deutsche Mitschuld an den Geschehnissen sowie
2.) die Bemühungen um das friedliche Miteinander von Armeniern und Türken.

Neuer Titelvorschlag

Eigentlich hätte man dem Antrag also auch einen ganz anderen Titel geben können. Ich hätte vorgeschlagen: „Die deutsche Rolle im Völkermord an Armeniern und anderen christlichen Minderheiten und unsere Verantwortung für das friedliche Miteinander von Völkern im 21. Jahrhundert".

Vielleicht hätten durch diese Überschrift viele Menschen den Antrag erst gar nicht derart missverstanden. Vielleicht sind die meisten Menschen aber auch sogar zu faul, um auch nur die Überschrift eines Antrags zu lesen, über den sie sich gerade derart aufregen. Oder vielleicht wollen diese Menschen sich auch nur einfach aufregen. Ich weiß es nicht.

Was ich aber weiß ist, dass es in dem Antrag um etwas ganz anderes geht, als was er bisher gesellschaftlich verursacht hat. Der Antrag will Aufarbeitung und Versöhnung. Was er aktuell aber bewirkt, ist das genaue Gegenteil.

Neben der inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Antrag kann man sich also auch mit der zeitlichen und gesellschaftlichen Einbettung der Thematik befassen.

Meine Meinung

Ich weiß, dass jetzt viele diesen Text bis zu diesem Punkt ungeduldig lesen und die ganze Zeit darauf warten, wann ich denn endlich sage, was meine Meinung ist. Ob es denn meiner Meinung nach nun ein Völkermord war oder nicht. Viele warten auf den Moment, wenn sie mich endlich in eine der beiden Schubladen stecken und sich den Rest meines Textes ersparen können. Diejenigen unter Euch, die so denken, muss ich enttäuschen: Ich sag's Euch nicht! Zumindest nicht an dieser Stelle. Denn so simpel und schwarzweiß ist dieses Thema schlicht und einfach nicht.

Was ich viel wichtiger finde, ist die Einordnung der Bundestagsentscheidung in unserer Zeit. So sehr sich der Text inhaltlich auch auffallend wenig mit dem Begriff „Völkermord" beschäftigt, so sehr ist aber auch klar, wie diese Resolution verstanden wird. Und klar ist auch, dass ein solcher Antrag vor fünf oder vor zehn Jahren niemals eine derart große Zustimmung im Bundestag erreicht hätte. Was ist also in der Zwischenzeit passiert?

Natürlich sind diese Aufarbeitungsprozesse immer mit einem gewissen Zeitaufwand verbunden und man könnte auch argumentieren, dass es nie einen „idealen" Zeitpunkt für diese Resolution hätte geben können. Es fällt aber dennoch auf, dass diese Entscheidung genau in eine Zeit fällt, in der das diplomatische Verhältnis zwischen Deutschland und der Türkei ohnehin einen neuen und historischen Tiefpunkt erreicht hat. Die Frage, die wir uns also stellen müssen, ist:

Sind derartige Entscheidungen des Deutschen Bundestages etwa abhängig von unserem derzeitigen Verhältnis zu bestimmten Ländern?

Dies ist eine wichtige Frage. Denn wenn wir zugeben müssen, dass dies auch nur teilweise zutrifft, dann stellen wir nichts Geringeres fest, als dass die gestrige Entscheidung auch eine politische Entscheidung war. Die Politisierung dieser Thematik rückt uns allerdings in genau die Ecke, in die wir niemals stehen wollten.

Sind wir ehrlich genug mit uns selbst?

Viel ehrlicher wären stärkere Bemühungen der deutschen Politik für eine Versöhnung beider Völker gewesen, und zwar idealerweise in Zeiten möglichst guter Verhältnisse zu beiden Staaten. Ja, der Antrag beschäftigt sich neben der Verantwortung des Deutschen Reiches vor allem auch mit der Versöhnung und dem friedlichen Miteinander beider Länder und Völker, aber eben nur theoretisch und auf Papier.

Und wie bereits festgestellt, ist ein einfacher Antrag, der innerhalb von weniger als eineinhalb Stunden diskutiert und abgestimmt wird, noch nicht einmal in der Lage, den Menschen ausreichend zu vermitteln, worum es eigentlich in dem Antrag geht. Wie soll der Antrag dann zu einer tatsächlichen Völkerverständigung und zur Lösung jahrhundertealter Probleme beitragen?

Es ist alles ein einziges Dilemma

Dabei gibt es kaum ein Land auf der Welt, das sich besser als Mittler zwischen diesen Völkern eignen würde. Wir sind nicht nur geografisch weit genug entfernt, um jeglichen Verdacht auf eigene Interessenvertretung in der Region glaubwürdig auszuschließen, auch haben wir eigentlich ein recht gutes Verhältnis zu beiden Ländern.

Jedoch scheint uns in Deutschland, wenn man sich mal umhört, das gute Verhältnis zur Türkei kaum noch etwas wert zu sein, während wir Armenien mit dieser Resolution auch kaum aus der regionalen Isolation heraushelfen können. Die armenische Diaspora kämpft seit Jahrzehnten in der ganzen Welt um die Verbreitung genau der Meinung, die die Nachbarstaaten Armeniens auf Gedeih und Verderb nicht akzeptieren wollen. Schließlich wurde auch der Deutsche Bundestag von dieser Meinung überzeugt.

Ich erinnere mich in diesen Diskussionen oft und gerne an den viel zu früh verstorbenen Hrant Dink, der sagte:

„Wir sind zwei kranke Gesellschaften, Türken und Armenier. [...] Wer wird uns therapieren? [...] Nur Armenier werden die Ärzte von Türken sein und nur Türken die Ärzte von Armeniern. Darüber hinaus gibt es keinen Arzt und kein Medikament. Der Dialog ist das einzige Rezept. [...]

Ich sage den Türken: Warum beharren die Armenier so sehr darauf? Stellt euch doch mal diese Frage! Zeigt mal ein wenig Empathie! Vielleicht werdet Ihr dann in dieser Haltung ein Ehrgefühl erkennen können.

Und ich sage den Armeniern: Versucht auch in der Haltung der Türken, dass es kein Völkermord war, ein Ehrgefühl zu erkennen! Versucht, es als eine ehrenhafte Haltung zu sehen! Was ist diese ehrenhafte Haltung? „[...] Ich bin gegen Völkermord, ich bin gegen Rassismus! Völkermord ist etwas Gottverdammtes! Meine Vorfahren können so etwas nicht getan haben, weil auch ich es nicht tun würde!" Also haben wir es hier mit einer ehrenhaften Haltung zu tun."

Wir sagen immer, dass die Menschheit viel mehr Hrant Dinks braucht, aber wenn es sie gibt, dann bringen wir sie um. Und was bleibt übrig? Die Art und Weise, in der heute über die Geschehnisse diskutiert wird, ist ein Sinnbild für den Zustand unserer Menschlichkeit:

Beleidigungen und Morddrohungen gegen Abgeordnete bereits im Vorfeld der Abstimmung, Millionen von in Deutschland lebenden Türken, die im Bundestagsbeschluss lediglich eine Verschwörung gegen sich selbst erkennen und lächerliche Vergleiche der einen Abgeordneten, die gegen den Antrag gestimmt, mit Aufständischen im Dritten Reich auf der einen Seite,

halbherzige Solidarität, marginales Interesse, ein Bundestag, der sich lediglich ein- bis zweimal im Jahr und in politisch opportunen Zeiten mit der Thematik befassen kann und unzureichende Bestrebungen, die Versäumnisse des Deutschen Reiches zu Beginn des 20. Jahrhunderts zumindest heute, 100 Jahre später als Bundesrepublik nicht zu wiederholen auf der anderen Seite.

Ist Deutschland nur ein Freund in guten Zeiten?

Wir können nur hoffen, dass es nicht bei dieser Resolution bleibt und wir die Welt - und uns selbst - vom Gegenteil überzeugen.

Und für alle, die sich bis hier hin durchgekämpft haben und immer noch wissen wollen, ob ich die Geschehnisse denn nun als Völkermord einordnete oder nicht, sage ich nur so viel:

Ich freue mich vom Herzen für meine armenischen Freundinnen und Freunde, die in mir seit Jahren ein tiefes Verständnis dafür verursacht haben, wie viel diese Einordnung ihnen bedeutet und wie sehr sie unter dem weltweiten Desinteresse an ihrem Schicksal leiden,

und ich bin traurig vor allem für meine türkischen Tanten und Onkel, die keiner Fliege etwas zu Leide tun könnten und mit dieser Begrifflichkeit eine tiefe, persönliche Schande in Verbindungen bringen, was sie zutiefst erschüttert und verletzt.

Was bringen uns die Einschätzungen aller Parlamente dieser Welt,
wenn wir einander nicht zu lieben und nicht zu schätzen lernen?

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