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Der Moment, in dem ich die Hoteltür öffnete und eine Pistole auf mich gerichtet war

06/04/2017 11:39 CEST | Aktualisiert 06/04/2017 11:39 CEST
AngiePhotos via Getty Images

Es war ein entscheidender Moment in meinem Leben und nun, 20 Jahre später, kann ich sehen, wie er mich geformt und mir Mut verliehen hat.

Es ist nichts, von dem ich erwartet hätte, dass es passiert. Natürlich - meine Hoteltür zu öffnen, eine Pistole auf die Brust gehalten zu bekommen und zu Boden gedrückt zu werden, während ein Fremder in mein Hotelzimmer eindringt. Aber es ist passiert.

Sobald die Tür geschlossen war, war ich gefangen. Sobald die Pistole auf mich gerichtet wurde, war ich gefangen. Mein Leben war komplett in den Händen eines Fremden. Es war vor allem deswegen unerwartet, weil ich zu dieser Zeit als erfolgreiche Finanzanalystin in Hong Kong lebte, hart arbeitete und hart feierte und schicke Highheels trug.

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Es war ein Schock, in einem schicken Hotel auf meinen Knien um mein Leben zu betteln. Die körperliche Verletzlichkeit, die ich spürte, war enorm. Mir war kalt vor Angst. Ich wusste, dass ich Angst hatte, zu sterben, und ich fühlte diese Frustration, dass ich das, was ich vom Leben wollte, noch nicht erreicht hatte.

Ich war 31, ich war noch niemals richtig verliebt gewesen, ich hatte keine Kinder und habe mich niemals für meine Fehler entschuldigt. Es schien so, als würde ich niemals mehr eine Gelegenheit für diese Dinge bekommen.

Mein Leben hat sich verändert

Nun, 20 Jahre später, bin ich eine buddhistische Nonne. Ich habe ein Gelöbnis fürs Leben abgelegt und eine wohltätige Organisation gegründet, um Kindern in Bhutan zu helfen. Ich habe niemals geheiratet, aber ein Kind bekommen, bevor ich Nonne wurde. Die Gebete, Meditationen und das Mitgefühl, dass ich jetzt empfinde, scheinen weit entfernt zu sein von dem Moment in dem Hotelzimmer. Aber sie sind es nicht.

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Die Angst vor dem Sterben hat mir ein tiefes Gefühl darüber vermittelt, wie wertvoll mein Leben ist und wie sehr ich es nicht verschwenden will. Dieses Gefühl sickerte langsam in mein Leben hinein und inspirierte mich zu der Entscheidung, die Stadt hinter mir zu lassen und dem Streben nachzugehen, ein klareres Verständnis von der Bedeutung und dem Potenzial meines Menschenlebens zu erlangen.

Was mich am meisten überraschte, war der tiefe Kummer, den ich verspürte, nachdem ich als Geisel gehalten wurde. Der Täter suchte nach Geld - etwas, was ich zu diesem Zeitpunkt hatte. Er musste verzweifelt gewesen sein.

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Ich konnte schließlich fliehen und er wurde in Indonesien ins Gefängnis gesteckt. So einen Kummer im Nachhinein zu verspüren, Kummer und nicht Wut, war eine große Überraschung für mich und etwas, das ich seitdem versuche, besser zu verstehen.

Der Weg zum Buddhismus

Nach diesem Erlebnis entwickelte ich eine ernsthafte posttraumatische Störung. Währenddessen gibt es keine wirkliche Abgrenzung zwischen den Erlebnissen der Vergangenheit und der Gegenwart. Der Körper und der Geist sind gefangen in den konstanten Impulsen zu kämpfen und zu fliehen.

Herzrasen, Geräusche, Gerüche, Schweißausbrüche - körperliche Reaktionen, die den Geist verwirren und die Gegenwart vorbeirasen lassen, als wäre man auf einem Laufband. Bumm, bumm, bumm.

Es hat eine lange Zeit gedauert, bis ich mich von der Störung erholte. Viel länger, als ich in dem Raum gefangen gehalten worden bin. Das hat mir Einblicke in diese Störung und das Leiden, das sie verursacht, verschafft.

In buddhistischen Texten steht, dass wir alle gefangen sind, gefangen von unseren sich wiederholenden geistigen Gewohnheiten von Wunsch und Angst. Die Metapher, die oft benutzt wird, um diesen Zustand zu beschreiben, ist die einer Honigbiene, die in einem Glasgefäß im Kreis fliegt.

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Das Glas ist eigentlich offen, aber der ganze leckere Honig darin lässt uns nicht wegfliegen, wir schauen und warten, und deswegen blicken wir nie nach oben und sehen nicht, dass der Weg zur Freiheit vor uns liegt. Und auf uns wartet. Wir müssen nur den Mut finden, den Schritt nach draußen zu wagen.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf der HuffPost UK und wurde aus dem Englischen übersetzt.

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