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Integration ist meine Pflicht

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Carolin Voelker via Getty Images
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Niemand verlässt freiwillig seine Heimat. Wer aus der Heimat flieht, hat immer einen guten Grund. Mein Grund waren damals die Bomben in Teheran. Ich war dreizehn Jahre alt, ein ganz normales Mädchen aus dem Iran. Aber eines, das bei einem Bombenalarm und der Massenpanik in der Schule fast totgetrampelt wurde, denn wir hatten Krieg.

Früher habe ich mich in Deutschland öffentlich nicht politisch geäußert. Oh ja, meine Freunde und meine Familie, meine Mitarbeiter, die wissen, wo ich stehe, wie ich denke. Was mich ärgert und was ich falsch finde. Mein persisches Temperament findet in der Regel deutliche Worte. Ich bin Unternehmerin, meine Energie habe ich in meine Arbeit gesteckt, in den Aufbau meiner Agentur. Ich bin ein Workaholic und stolz auf das, was ich erreicht habe. Gerade auch als Frau.

Der Grund, warum ich dies alles heute schreibe und nicht mehr schweige, hat einen eindeutigen Auslöser. Dieser Punkt war die Silvesternacht von Köln. Denn danach war ich kurz vorm Platzen und habe mich an die Presse gewandt, um davon zu erzählen. Denn eines war in dieser Nacht als i-Tüpfelchen auch noch klar: Die Polizei konnte uns nicht beschützen, sie hat total versagt.

Die Kölner Silvesternacht

Ich hab es nicht aus Erzählungen oder aus den beschämend späten Presseberichten, ich war selbst vor Ort mit meinem Mann, meinen Töchtern und meinem persischen Vater. Er war auf Besuch in Deutschland, wir wollten ihn schön ausführen in der Kölner City. Ein bisschen Altstadt, essen gehen, den Dom angucken und um Mitternacht das Feuerwerk am Rhein bestaunen. Was man so macht, wenn man Gäste hat.

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Schon gegen 19 Uhr war die Stimmung in der Stadt seltsam. Es waren so viele arabisch aussehende Männer unterwegs rund um den Dom. Woher ich wusste, aus welcher Ecke der Welt diese Männer stammen? Weil ich Araber erkenne. Ich erkenne ihr Aussehen, und ich erkenne ihre Sprache.

In der Schule hatte ich damals Arabisch als erste Fremdsprache und Englisch als zweite. Also bleibt mir bitte, bitte weg mit euren Rassismus-Vorwürfen. Ich fragte die Restaurantbesitzerin, die ich gut kenne, schon am frühen Abend: "Sag mal, ist das immer so hier?" Weil es mir komisch vorkam, weil es anders war als sonst. Sie sagte Nein, so was kenne sie hier auch nicht.

Es macht mich aggressiv, wenn ich bis heute lesen muss, dass man ja nicht hätte ahnen können, was passiert, dabei hat es sich über Stunden den ganzen Abend lang angebahnt. Das Feuerwerk fand dann ohne uns statt. Um Mitternacht waren wir nur wenige Minuten draußen vor der Tür, es war bedrohlich.

Um ein Uhr wollten wir es wagen, vom Restaurant zum Parkhaus zu laufen. Wir hatten unsere Kinder dabei, wir waren müde, wir wollten einfach nur noch nach Hause. Was ich da erlebt habe, hätte ich mir nicht vorstellen können, im Jahr 2016 - mitten in Deutschland.

"Ich musste mir als Iranerin vorwerfen lassen, dass ich rassistisch sei. Dass ich ein Nazi sei."

Später, nachdem ich meine Erlebnisse in der Silvesternacht in den sozialen Netzwerken aufgeschrieben und in der Presse und im Fernsehen Interviews dazu gegeben hatte, musste ich mir als Iranerin vorwerfen lassen, dass ich rassistisch sei. Dass ich ein Nazi sei. Dass ich ausländerfeindlich sei.

Das Übliche eben, sobald sich in Deutschland jemand auch nur ansatzweise kritisch zum Thema Ausländer äußert. Selbst langjährige Freunde teilten sich plötzlich in zwei Lager. Die einen haben mich beschimpft, sich distanziert. Ich sei gegen Ausländer, ich sei gegen Flüchtlinge. Es war so absurd.

Auch jetzt noch, viele Monate später, könnte ich mich erneut in Rage reden. Im Dezember hatte ich erst eine größere Summe Geld an Flüchtlinge gespendet, um zu helfen, jetzt war ich ein Nazi, nur weil ich schilderte, was ich selbst erlebt habe. Für manche reichte auch schon aus, dass ich mir als Mutter Sorgen um meine Töchter machte und nicht nur mich, sondern auch die beiden mit Pfefferspray versorgte.

Das war auch schon voll Nazi. "Es war ätzend, was du gesagt hast", schrieb mir ein wirklich langjähriger Freund, der mir wütend die Freundschaft kündigte. Er hat gut reden und tolle Ratschläge für mich als Kölnerin. Er wohnt in New York und schickt seine guten Ratschläge aus sicherer Entfernung über den Atlantik.

Das mag ich ja am liebsten, die Ferndiagnosen bei einem Latte macchiato am Time Square. Zumindest kann man sagen, dass es die Liste meiner Freunde bereinigt hat, denn es zeigte mir bei manchen erst ihr wahres Gesicht. "Du hast nur das gesagt, was die Deutschen denken", meinte hingegen ein iranischer Freund.

Der Satz fasst am besten die unzähligen Zuschriften zusammen, die ich von Deutschen bekam. Insgesamt überwogen trotz aller pauschalen Beleidigungen im Internet nämlich doch die positiven Reaktionen. Die Briefe derer, die genauso besorgt waren wie ich. Erschrocken und fassungslos angesichts der eigenen Hilflosigkeit in so einer Situation.

"Mein persisches Temperament ist nicht dazu gemacht, die Klappe zu halten. "

Ich bin normalerweise kein ängstlicher Mensch, ich stürze mich gerne in neue Abenteuer und Projekte. Mein ganzes Leben war nie stromlinienförmig oder vorhersehbar. "Na und?", sage ich heute. Die guten Mädchen kommen in den Himmel, aber soll das jetzt mein tägliches Motto sein? Mein persisches Temperament ist nicht dazu gemacht, die Klappe zu halten.

Damit macht man sich nicht nur Freunde. Nach der Silvesternacht in Köln habe ich mir so viele Feinde gemacht in meinem direkten Umfeld. Wenn auf mich mal ein Anschlag verübt wird, dann leg ich einfach die Telefonbücher von Köln und Düsseldorf auf den Tisch und sage: Such dir einen aus, der es war.

Es ändert aber nichts, es musste gesagt werden. Ich habe ein Alter erreicht, in dem man keine Zeit mehr hat, auf den richtigen Zeitpunkt für eine Meinung zu warten. Das Leben ist nämlich unfassbar kurz!

Ich bin einst als Dreizehnjährige nach Deutschland gekommen mit dem Willen, es zu schaffen. Ich wollte und brauchte nicht einmal euer Geld. Mein Vater hatte genug davon, das war nicht das Problem. Ihr Deutschen seid mit Wurst groß geworden, ich mit Kaviar.

Wenn die Menschen "Iran" hören, haben sie gleich Bilder von heute im Kopf. Alle denken nur an verschleierte Frauen, an Terroristen, den sogenannten Islamischen Staat, Armut und Krieg. Ich kenne aber noch das Persien, bevor sich alles veränderte. Ich war ein Teenager, der Popmusik hörte, ich besaß westliche Markenklamotten, an meiner Wand hingen Rockstar-Poster, und zu meiner Einschulung habe ich tatsächlich ein original deutsches Dirndl getragen.

Neuerdings trug ich aber Kopftuch auf der Straße. Wir hatten genug zu essen und ein Dach über dem Kopf, das war es nicht, was uns fehlte. Meine Eltern wollten aber, dass ich in Sicherheit leben kann und etwas lerne. Damit aus Daddys kleiner Prinzessin etwas wird, die man schweren Herzens ans andere Ende der Welt geschickt hat, ohne zu wissen, wie das alles endet.

Viele haben ihre Kinder nach Eruopa geschickt

Viele, sehr viele haben damals ihre Kinder in einen Flieger nach Europa oder in die USA gesetzt. Alle, die es sich leisten konnten. Habt ihr eine Vorstellung davon, was es bedeutet, sein einziges Kind vielleicht für immer zu verabschieden? Oder was es bedeutet, als Kind in diesem Flieger nach Deutschland zu sitzen? Alleine?

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Und so landete ich in Hamburg, voller Energie und Tatendrang. Aber komischerweise war niemand zufrieden, dass ich es alleine schaffen wollte. Niemand war dankbar, dass wir euer Geld gar nicht brauchten, sondern nur einen sicheren Ort für eine Dreizehnjährige suchten.

Seid doch froh, dass wir es selbst bezahlen, hab ich immer gedacht. Zum Dank drohte man mir jahrelang mit Ausweisung. Ich habe noch die Stempel in meinen alten Ausweisen. "Vorläufige Aufenthaltsgenehmigung ..." Hätte ich hingegen Asyl beantragt und euer Geld gefordert, dann wären alle glücklich gewesen.

Ich war gerade erst vierzehn geworden in Deutschland, als mir das erste Mal die Abschiebung drohte. Was ist das nur für ein komisches System, habe ich schon damals immer gedacht. Ich hab es trotzdem hinbekommen. Heute ist Deutschland meine zweite Heimat. Ich lebe hier, ich habe meinen Mann und meine Töchter, meine Freunde hier, auch wenn mein Herz immer noch und immer wieder nach der persischen Heimat ruft.

Heimat lässt sich nicht abschütteln

Ja, die Heimat, sie lässt sich nicht einfach abschütteln und ersetzen. Dann höre ich lautstark meine persische Musik und treibe meine Teenager-Töchter damit in den Wahnsinn. "Mama, du bist so persisch!", rufen sie - und mein deutscher Mann auch, der bei dieser Musik Kopfschmerzen bekommt. Wenn ich aber im Iran bin, sagen meine persischen Freunde: "Emi, du bist so deutsch."

Und beide haben sie recht. Ich bin persisch und deutsch. Inzwischen besitze ich die doppelte Staatsbürgerschaft, nehme von beidem das Beste und habe es damit bislang überallhin geschafft. So wie mir geht es vielen, die in diesem Land neu angefangen haben - oder neu anfangen mussten.

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Wir haben so viele gut integrierte Zuwanderer, ich bin ja nicht die Einzige. Deutschland
ist ein Einwanderungsland, und wir müssen damit umgehen. Nur scheint es so, als gäbe es dafür kein echtes Konzept.

Die einen diskutieren noch darüber, ob wir denn auch wirklich ein Einwanderungsland sind, die anderen, ob wir es überhaupt sein wollen oder doch besser nicht. In der Zwischenzeit werden unsere Grenzen gestürmt, und faktisch sind allein im vergangenen Jahr über eine Million Menschen eingewandert. Aus vielen Ländern, nicht nur wie ich aus dem Iran. Wir sind da, wir bleiben; lebt damit.

"Wir sind gekommen, um zu bleiben."

Also, am besten sollten wir mal darüber reden, wie das Ganze funktionieren kann. Denn wir gehen gar nicht mehr. Wir sind gerne hier. Gekommen, um zu bleiben, weil Deutschland doch eines der liberalsten Länder der Welt ist. Es gibt ja wahrlich schlimmere Länder, in die man einwandern oder flüchten kann.

Gleichzeitig ist es aber auch so, dass das System, wie wir es in Deutschland kultiviert haben, in die Jahre gekommen ist - oder nie durchdacht war. Die Gesetze zur Zuwanderung, zu Asyl, zu Flüchtlingen waren nie darauf ausgelegt, dass innerhalb kurzer Zeit fast zwei Millionen Menschen kommen und wir nicht einmal genau wissen, woher.

Habt ihr überhaupt ein System? Und wenn ja, warum ist es so ungerecht? Ja, ungerecht. Es belohnt nicht die, die sich anstrengen. Und es bestraft nicht diejenigen, die es ausnutzen.

Der Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch Deutschsein für Anfänger von Emitis Pohl.

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