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Wir müssen soziale Ungleichheit im Bildungssystem bekämpfen

01/04/2015 08:38 CEST | Aktualisiert 01/06/2015 11:12 CEST
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Bildung - Es ist äußerst schwierig, einen Bildungsaufstieg in der Bundesrepublik Deutschland zu vollziehen, da den Bildungsaufsteiger*Innen gesellschaftliche, institutionelle und psychosoziale Steine in den Weg gelegt werden. Soziale Ungleichheit im Bildungswesen existiert nach wie vor:

Die Reproduktionsmechanismen der Schule, die Bourdieu und Passeron bereits in den 1960er Jahren identifiziert haben, zeigen bis heute noch ihre Auswirkungen.

Der soziale Filter macht sich in jeder Bildungsinstitution und beim Übergang

in die nächste Bildungsinstitution bemerkbar. In der Bundesrepublik Deutschland wird die schulische Leistung auch vor dem Hintergrund der sozialen Herkunft stets mit bewertet, obwohl formal für alle Kinder und Jugendlichen die gleichen Rechte gelten.

Allerdings ist der Bildungsaufstieg eine sehr große Chance für sozial benachteiligte Jugendliche, um sich aus der desolaten sozioökonomischen Lage zu befreien und Diskriminierungs- und Stigmatisierungserfahrungen entschieden gegenüber zu treten.

Zwar sind Talent, Engagement, Disziplin und Lernbereitschaft der Kinder und Jugendlichen notwendige, aber keine hinreichenden Bedingungen, um einen Bildungsaufstieg zu vollziehen. Es müssen Rückschläge, Ungewissheit und ständige Rückzugsängste während des Bildungsprozesses verarbeitet werden, die zur Distanzierung zum Herkunftsmilieu, zur Entwertung der familiären Sozialisation und zur Veränderung der Persönlichkeit führen.

Es sind soziale Paten notwendig, die eine gewisse Hilfestellung bieten können

Während des Bildungsaufstiegs sind Anpassungsfähigkeit, Trennungskompetenz und hohe Frustrationstoleranz hinreichende Kriterien. Es sind soziale Paten notwendig, die eine gewisse Hilfestellung bieten können. Allerdings spielt hier der Zufall eine entscheidende Rolle. Eine Stabilisierung der Persönlichkeit und eine weitreichende Autonomie erfolgen erst nach einer beruflichen Etablierung, obwohl in einigen Fällen durchaus eine Nostalgie zu spüren ist, weil kein adäquater Ersatz für diese aufstiegsbedingten Verluste gefunden wurde. Die Transformation des Habitus ist dabei entscheidend.

Bereits heute werden eine sozial durchmischte Lebenswelt in der Kindheit und individuelle Förderung der Kinder befürwortet. Ganztagsschulen und Gemeinschaftsschulen sind dabei die häufigsten Begriffe, die in bildungspolitischen Zusammenhängen fallen. Auch mehr Interdisziplinarität im Bildungssystem wird von verschiedenen Akteuren gefordert: Lehrer, Sozialarbeiter, Psychologen und Mediziner sollen stärker zusammenarbeiten.

Durch Konzepte wie Diversity und Inklusion werden das Bewusstsein und die Sensibilität für soziale Ungleichheit in der Öffentlichkeit geschärft, sodass auch die Bildungsinstitutionen gezwungen sind, sich zu verändern.

Die Bildungspolitik ist ein Querschnittsbereich, bei dem Arbeitsmarkt-, Familien-, Integrations- und Schulpolitik reziprok ineinandergreifen müssen, um langfristige Lösungen zu bieten. Denn Bildung ist vielmehr als Vokabeln lernen, mathematische Formeln anwenden zu können oder Nachhilfe in Anspruch zu nehmen.

Kinder müssen hinsichtlich ihrer Leistungen gefördert werden

Es findet eine Veränderung des Selbst- und Weltbildes statt, sodass der Bildung eine

identitätsstiftende Rolle zu Teil wird. Allerdings reicht es nicht aus, Bildungsaufsteiger*Innen zu bestellen: Sie müssen auch abgeholt werden. Im Allgemeinen gilt es, Rahmenbedingungen zu schaffen, die auf die jeweilige Bevölkerungsstruktur abgestimmt sind, um Kinder hinsichtlich ihrer Leistungen zu fördern.

Dass der erfolgreiche Bildungsaufstieg nicht nur ein persönlicher Nutzen für das Individuum ist, sondern auch einen gesamtgesellschaftlichen Nutzen darstellt, zeigt sich darin, dass diese Potenziale für den Arbeitsmarkt genutzt werden können, um damit Kosten im Bereich der Sozialausgaben reduzieren zu können.

All diese Schlussfolgerungen sind nicht neu, aber im Zuge des demographischen Wandels und des Fachkräftemangels entstehen sozioökonomische Notwendigkeiten, die wie ein Damoklesschwert über dem Individuum und der Gesellschaft hängen, sodass ein Handeln der Öffentlichkeit und Politik erforderlich ist.

Inwieweit es der aktuellen Bundesregierung und den einzelnen Landesregierungen gelingen wird, Reformen im Bildungssystem voranzutreiben, um das Versprechen der Bundesrepublik Deutschland einzulösen, dass jede Person - unabhängig von ihrer sozialen Herkunft - tatsächlich die faire Chance bekommt, aufsteigen zu können, bleibt ein ergebnisoffener Prozess, den es in der aktuellen Legislaturperiode kritisch zu beobachten und zu evaluieren gilt.

Der derzeitige Bundespräsident Joachim Gauck war nicht der Erste, der Chancengerechtigkeit bei seiner Antrittsrede gefordert hat. Auch vor 50 Jahren forderte der US-Präsident John F. Kennedy, ebenso vor dem Hintergrund einer diversen Gesellschaft:

„All of us do not have equal talent,

but all of us should have an equal

opportunity to delevop those talents"

(John F. Kennedy, San Diego, 6. Juni 1963).


Manifest der Vielfalt



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