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Deutschland ist längst unsere Heimat

03/03/2015 11:57 CET | Aktualisiert 03/05/2015 11:12 CEST
Thinkstock

Einwanderung in Deutschland.

„Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden."

So steht es im Grundgesetz in Artikel 3, Absatz 3 geschrieben. Dieser präzise formulierte und bedeutende Artikel impliziert ein klares Nein zu Diskriminierung jeglicher Art und ein klares Ja zu Vielfalt, Toleranz und Akzeptanz. Doch wie sieht die Realität in der Bundesrepublik Deutschland aus?

Heutzutage leben mehrere Millionen Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen und aus vielen Ländern gekommen sind, in Deutschland. Mein Arzt kommt aus dem Iran, mein Friseur aus der Türkei und ich bin im Kosovo geboren. Deutschland zählt inzwischen zu den beliebtesten Einwanderungsländern: Verschiedene grandiose Etablissements, eine beeindruckende Sprachvielfalt und bewegende Geschichten der Einwanderer*Innen - das ist die multikulturelle Realität in der Bundesrepublik.

Bedauerlicherweise startete aber das Jahr 2015 mit wenig erfreulichen Nachrichten: Weltweit löste der Angriff auf „Charlie Hebdo" emotionale Bestürzung aus. Die Demonstrationen gegen die vermeintliche „Islamisierung des Abendlandes" schockieren und erschrecken immer noch. Die Realisierung des deutschen „e pluribus unum" unter Berücksichtigung solcher Vorfälle wird zunehmend in Frage gestellt und korrespondiert mit anderen ernüchternden Ergebnissen.

So verdienen Frauen bei gleicher Arbeit weniger als ihre männlichen Kollegen. Der soziale Filter macht sich in jeder Bildungsinstitution und beim Übergang in die nächste Bildungsinstitution bemerkbar. Sprachdefizite werden bei einigen Migrantengruppen als sympathisch und bei anderen wiederum als Integrationsunwilligkeit aufgefasst. Werden Unterhaltungen in einer anderen Sprache geführt, so wird der Eindruck erweckt, dass die „Integration gescheitert sei", da nicht deutsch gesprochen werde.

Viele Menschen sind von der Frage „Woher kommst Du?" genervt, da sie in Deutschland geboren und aufgewachsen sind. Aber warum ist diese Frage überhaupt so essentiell? Taten und Handlungen, die andere begehen, werden zunehmend kollektiviert: Für die betroffenen Menschen ist es nicht verständlich, warum sie sich für jene Taten rechtfertigen oder von ihnen distanzieren müssen.

Die politische und öffentliche Debatte, die über die Einwanderung geführt wird, verläuft zwar nicht harmonisch, aber sie zeigt den dringenden Handlungsbedarf. Im Zuge des demografischen Wandels entstehen unterschiedliche Notwendigkeiten, die wie ein Damoklesschwert über der Gesellschaft hängen.

„Deutschland schafft sich" keinesfalls ab, sondern lediglich ein Teil der Deutschen schottet sich gegen die gesellschaftliche Realität ab: Wir alle haben längst unsere Heimat in Deutschland gefunden und uns damit für ein freiheitlich-demokratisches Werte- und Gesellschaftssystem entschieden.

Auch die Wahrung und die Stärkung unserer Demokratie haben wir uns damit zur Angelegenheit gemacht: Wir nutzen zahlreiche Möglichkeiten, die sich in Politik, Sport und Kultur bieten und beteiligten uns, um unser Land aktiv zu gestalten. Den Bildungsaufstieg haben wir als eine große Chance verstanden, um uns aus unserer vermeintlich desolaten Lage zu befreien und Diskriminierungs- und Stigmatisierungserfahrungen entschieden gegenüber zu treten.

Durch Konzepte wie Diversity und Inklusion werden das Bewusstsein und die Sensibilität für soziale Ungleichheit in der Öffentlichkeit geschärft, sodass alle Institutionen und Akteure in die Lage versetzt werden, sich zu verändern und „Kultur" als Ressource und nicht als Schranke zu verstehen.

Deshalb ist die Frage, ob Vielfalt in ihrer Qualität oder Quantität in Deutschland gut oder schlecht sein soll, völlig obsolet. Denn wir alle sind schon ein Teil Deutschlands und werden dies auch in Zukunft bleiben: Danke, Deutschland!


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Manifest der Vielfalt



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