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Terrorismus: "Das europäische Sicherheitssystem ist der Bedrohung nicht mehr gewachsen"

Veröffentlicht: Aktualisiert:
HAMAS
dpa
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Die Informationen stehen in einem Verhörprotokoll mit dem Datum 13. August 2015. An diesem Tag wurde der 29-jährige Franzose Reda Hame von der Anti-Terror-Einheit der französischen Polizei sechzehn Stunden lang vernommen.

Seine Geschichte ist in einem Dossier der New York Times zum Versagen westlicher Sicherheitsbehörden eindrucksvoll beschrieben. Im Juni hatte sich der Computertechniker und überzeugte Islamist aus Paris auf die Reise nach Syrien gemacht und war dort von der Aufnahmestelle des IS mit offenen Armen empfangen worden, weil er einen französischen Pass und technische Erfahrung mitbrachte.

Ein maskierter Kämpfer brachte ihn dann auf der Ladefläche eines Pick-ups zu einem Treffpunkt, wo er von einem Mann abgeholt wurde, der fließend Französisch sprach. Schon auf der Fahrt nach Rakka, der Hauptstadt des sogenannten Kalifats, erklärte ihm der Unbekannte, dass Einzelkämpfer eine ganz besondere Belohnung im Paradies erwarte.

"Er fragte mich, ob ich interessiert wäre, zurückzugehen", so erinnert sich Hame im Verhör, "stell dir ein Rockkonzert in einem europäischen Land vor - wenn man dir eine Waffe geben würde, wärst du bereit, das Feuer auf die Menge zu eröffnen?"

Kommunikation mit dem Koordinator in Syrien

In den folgenden zwei Tagen bekam der neue Rekrut eine Kurzausbildung an der Kalaschnikow und an Handgranaten und übernachtete mit einer Reihe weiterer "Auserwählter" gleich neben einem wahren Waffenarsenal mit Gewehren, Munition und Sprengstoffgürteln.

Am dritten Tag erhielt er in einem Internetcafé in Rakka noch einen Crashkurs in sicherer Kommunikation. Auf einem USB-Stick sollte er zwei Softwareprogramme mit auf seine Mission nehmen: CCleaner, mit dem man den Browserverlauf nach dem Surfen im Internet löschen kann, und TrueCrypt zum Verschlüsseln von Texten.

Diese dürfe er aber auf keinen Fall per E-Mail schicken, sondern solle sie in die Datencloud eines türkischen Anbieters hochladen, um auf diesem Weg mit seinem Koordinator in Syrien zu kommunizieren, allerdings erst nach seiner Ankunft am Zielort Paris.

Bis dahin würde es ausreichen, wenn er an jeder Zwischenstation - Istanbul, Prag, Amsterdam, Brüssel, Paris - ein Wegwerfhandy kaufe und mit ihm dreimal kurz hintereinander eine türkische Mobilfunknummer anwähle.

Er schickte also IS-Terroristen nach Frankreich

Das Handy habe zwar die SIM-Karte eines Anbieters in der Türkei, liege aber auf der syrischen Seite der Grenze. Hames Betreuer glaubte, dass den Sicherheitsbehörden Anrufe über türkische Dienstleister weniger auffallen würden als über syrische.

Mit den Kurzanrufen könne er aber nachvollziehen, wo sich sein Schützling gerade aufhalte. Auf den Zettel mit der türkischen Mobilfunknummer notierte er das Wort "Dad".

Hinter dem Codenamen verbarg sich in Wirklichkeit Abu Umar al-Beldschiki, diesen Namen hatte er dem Franzosen Reda Hame genannt. Das musste die Fahnder im Verhör Mitte August eigentlich aufschrecken, denn es war der Kampfname, den sich Abdelhamid Abaaoud gegeben hatte.

Der Belgier, der für die Anschlagsplanungen in Verviers verantwortlich war, schickte also IS-Terroristen nach Frankreich, um dort Angriffe verüben zu lassen. Tatsächlich sollte es auch andere Länder treffen. Am 12. Juni 2015 brachte Abaaoud höchstpersönlich zwei Männer zur syrisch-türkischen Grenze und gab jedem von ihnen 2000 Euro in bar für die Reise.

"Das ist eine regelrechte Fabrik"

Der eine - Reda Hame - solle "Lebensmittelmärkte" oder "Konzertsäle" in Paris attackieren. Der andere war für eine Mission in seiner Heimat Spanien vorgesehen. Beide sollten bis zu ihrem Tod kämpfen. "Seid tapfer", habe "Dad" ihnen noch zum Abschied gesagt.

Der Mann mit dem Spanien-Auftrag wurde auf seiner Reise in seine Heimat gefasst. Im Verhör packte er aus und verriet auch seinen Gesinnungsgenossen Reda Hame. In diesem Fall klappte das Zusammenspiel der Sicherheitsbehörden ausnahmsweise, weil die spanischen Behörden direkt die französische Polizei informierten. In der Wohnung seiner Mutter nahmen die Fahnder den 29-jährigen Hame fest.

Hinter einer Couch versteckt fanden sie den USB-Stick mit dem Verschlüsselungsprogramm. Kurz danach erfuhren die Ermittler vom systematischen Vorgehen des IS, um Dutzende, wenn nicht Hunderte von Kämpfern in ihrer jeweiligen Heimat Anschläge durchführen zu lassen. "Das ist eine regelrechte Fabrik", so gab Reda Hame zu Protokoll, "sie tun alles Mögliche, um in Frankreich oder anderswo in Europa zuzuschlagen."

Unsere Sicherheitsbehörden an die Belastungsgrenze bringen

Die französischen Sicherheitsbehörden wussten spätestens ab diesem Zeitpunkt - drei Monate vor den November-Angriffen -, womit sie es zu tun hatten. Ein Netzwerk von französischsprachigen Terroristen, aus dem heraus zahlreiche Einzelattacken geplant worden waren.

Diese hatten offenbar auch den Zweck, die Ermittler quer durch Europa in Atem zu halten, ihre Aufmerksamkeit auf scheinbar isolierte Fälle zu konzentrieren, um gleichzeitig unentdeckt größere Anschläge zu planen.

Die Rechnung ging auf. Der IS, so sieht es Frankreichs oberster Ermittlungsrichter in Terrorfällen im Nachhinein, habe Nebelkerzen geworfen. "Das diente dazu, all unsere Sicherheitsbehörden an die Belastungsgrenze zu bringen", so Marc Trévidic gegenüber der New York Times, "es war eine Nebelwand, hinter der sie sich in Ruhe vorbereiten konnten."

Tatsächlich gab es seit 2014 insgesamt 21 Festnahmen von Syrienheimkehrern mit möglichen Terrorplänen in zahlreichen Ländern, darunter Spanien, Italien, Frankreich, Belgien, Griechenland, Türkei und Libanon. Die Details zu den einzelnen Fällen wurden an keiner zentralen Stelle in Europa zusammengeführt und ausgewertet.

"Die Anschläge von Paris hätten verhindert werden können"

Selbst benachbarte Staaten erhielten nicht die notwendigen Informationen, die ihre eigenen Fälle auf einmal als Teil der Strategie eines Netzwerkes entlarvt hätten, weshalb die Fahnder den sprichwörtlichen Wald vor lauter Bäumen nicht sahen. Dabei hätte es weitere Gelegenheiten dazu gegeben.

In Belgien waren die Ermittler im Januar 2015 durch die Erkenntnis aufgeschreckt, dass der Koordinator von Verviers, Abdelhamid Abbaoud, weitere Helfer haben musste. Wohl deshalb befragten sie im Folgemonat, ein Jahr nach dem ersten Hinweis auf deren angebliche Anschlagsplanungen, die Brüder Brahim und Salah Abdeslam.

Bei einem Verhör auf dem Polizeirevier von Molenbeek im Februar 2015 gaben die beiden zu, Abaaoud zu kennen, Salah hatte mit ihm zusammen im Gefängnis gesessen. Doch danach geschah wieder nichts, keine Überwachungsmaßnahmen, kein Eintrag im SIS. Im Juni 2015 legte die Polizei den Fall zu den Akten.

Ein Riesenfehler, wie ein belgischer Beamter dem Nachrichtenmagazin L'Echo bestätigte: "Hätten wir alle Informationen korrekt verarbeitet, dann hätten die Anschläge von Paris verhindert werden können." Das ist keine Untertreibung, denn Salah Abdeslam war eine der Schlüsselfiguren bei der Vorbereitung der Attacken vom 13. November 2015.

Nicht als Terrorverdächtiger in den Datenbanken verzeichnet

Völlig ungehindert konnte er kreuz und quer durch Europa reisen. Zwar wurde er dabei mehrfach kontrolliert, aber an keiner Stelle läuteten die Alarmglocken, weil auch er nicht als Terrorverdächtiger in den Datenbanken verzeichnet war.

Im August 2015 reiste der mutmaßliche Logistikchef der Paris-Attentäter per Fähre aus dem süditalienischen Bari nach Griechenland und wieder zurück. Im ungarischen Budapest, das zeigt die Auswertung des Navigationsgeräts in seinem Mietwagen, war er offenbar mehrfach, vermutlich um dort am Bahnhof Unterstützer der Terrorpläne abzuholen.

Die Fahnder glauben, dass Abdeslam bei einer Fahrt nach Österreich den Drahtzieher der Pariser Anschläge, Abdelhamid Abaaoud, in Wien abgeholt hat. Am 9. September, auf der Fahrt von Budapest durch Österreich und Deutschland nach Brüssel, das steht fest, waren es eben der Koordinator Mohamed Belkaid und der Bombenbauer Najim Laachraoui.

Brahim, der Bruder von Salah Abdeslam, hatte versucht, über die Türkei nach Syrien zu reisen, doch das war in keiner internationalen Datenbank verzeichnet. Hätten die belgischen Ermittler ihn überwacht, wären sie wohl auf einen Teil der Waffen gestoßen, die Brahim für die Anschläge in Paris versteckte.

Inlandsgeheimdienst Belgiens ist nahezu hilflos

Im August 2015 hatte er einen Bekannten gefragt, ob er für ihn nicht ein paar Kalaschnikows aufbewahren könne. Auf verwunderte Nachfrage, so erinnerte sich der Zeuge nach den Anschlägen im November, habe Abdeslam geantwortet: "Ich habe genug, um ganz Belgien in die Luft zu jagen."

Von all dem bemerkte die belgische Anti-Terror-Polizei nichts. Es war sicher nicht nur die Unbedarftheit der belgischen und französischen Sicherheitsbehörden, sondern auch ihre eindeutige Überforderung aufgrund der ständig wachsenden Zahl junger Muslime aus Westeuropa, die sich dem Kampf des IS angeschlossen haben.

Den mehr als 300 Syrienreisenden stand der Inlandsgeheimdienst Belgiens mit rund 600 Mitarbeitern nahezu hilflos gegenüber. Jede Forderung nach einer Aufstockung des Personals hatten die Politiker des Landes bisher abgelehnt.

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Der französische Inlandsdienst (DCRI) hat rund 3300 Mitarbeiter, die rund 20 000 Personen auf der Terrorliste überwachen sollen, die Hälfte von ihnen sind Islamisten. Das Wort »Islamisten« klingt eigentlich viel zu harmlos, denn nicht wenige von ihnen sind gut ausgebildete, rücksichtslose und clevere Terroristen, meint der ehemalige Direktor des DCRI, Bernard Squarcini.

In einem Interview mit der Washington Post sagte er: »Das europäische Sicherheitssystem, das einmal nützlich und effektiv war, ist der Bedrohung nicht mehr gewachsen. Wir haben es mit Leuten zu tun, die gerissen und entschlossen sind. Sie haben Kampferfahrung.«

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