Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Elmar Schnitzer Headshot

Glück geteilt durch zwei

Veröffentlicht: Aktualisiert:
SCHNITZER
Debra Bardowicks/Animal Photography
Drucken

In seinem neuen Buch "Glück geteilt durch zwei" erzählt der Bestsellerautor Elmar Schnitzer von einer besonderen Beziehung zwischen Mensch und Tier. Genauer gesagt, der zwischen ihm selbst und seinem Hengst Felix. Und enthüllt dabei das Glücksgeheimnis, das beide auf einzigartige Weise und über die Arten weg verband.

Im Folgenden könnt ihr das Buch probelesen:

Kapitel 4: Den Weg können dir andere ebnen, gehen musst du ihn selbst

Lange bevor ich Felix sah, hörte ich ihn. Glockenhelles, melodisches Wiehern schallte mir entgegen, wenn ich im Auto über knirschenden Kies auf den Reiterhof rollte. Felix hatte das unverwechselbare Nageln meines altersschwachen Diesels schnell verinnerlicht.

Dem Wiehern folgten dumpfe Donnerschläge, ein Gewitter der Nächstenliebe, losgetreten von seinem rechten Vorderhuf, der so lange gegen die hölzerne Boxentür hämmerte, bis sie sich für ihn auftat. Felix, der Fuchs, war ein schlauer Fuchs.

Er wusste, dass ihn weit mehr erwartete, als ein unterzuckerter Frühaufsteher, die Körnchen vom Sandmännchen noch in den viel zu kleinen Augen. In den Taschen meines Anoraks verbargen sich leckere Mitbringsel, Äpfel, Birnen, Möhren, hartes Brot.

Die Anlass waren für ein Suchspiel, das uns beide erheiterte, mich bevorzugt dann, wenn Felix' dicke Lippen merklich hektischer über meine Taschen tasteten, in die ich der Spannung halber ab und zu auch mal ein Holzklötzchen hineinmogelte oder eine Kastanie.

2016-08-11-1470916487-7476187-Pferdebuch_Felix_Elmar70_CopyrightDebraBardowicks.jpg

©Debra Bardowicks/Animal Photography

Beweis des Vertrauens

Aber Felix ließ sich nicht reinlegen. Die Lippen sind die Finger des Pferdes, durchzogen von feinen Muskeln, von denen zehn nur dazu da sind, Maul und Nüstern zu bewegen. Gemeinsam mit den Tasthaaren, auf der empfindlichen Haut rund um die Schnauze, befingern sie alles, und was sie nicht für gut befinden, kommt nicht auf die Zunge.

Bisweilen ließ ich auch eine Tasche leer. Das war gemein von mir, aber gemein, weil es Felix so gefiel. Es steigerte seine Begierde. In dieser Beziehung war er ein Masochist. Wurde er fündig, blähten sich seine Nüstern über dem Naschwerk unter dem Textil zu einem Trompetenkranz, ehe er seiner langen, kräftigen Zunge freien Lauf ließ, um seinen Kopf sodann genussgesättigt an meinem Oberkörper zu reiben, auf dass ich ihn in der Kuhle zwischen seinen Backenknochen
kraule.

Hatte es ihm besonders gut gemundet, durfte ich mit beiden Händen gleichzeitig von unten nach oben über seine Ohren streichen. Das war der Gipfel seiner Gunst und höchster Beweis seines Vertrauens.

Je nahbarer er wurde und je mehr seine Gestalt Adel und Ausdruck zurückgewann, desto stolzer wurde er auch. Stolz ist die Schönheit des Mannes, täglich ein Esslöffel Speiseöl im gequetschten Hafer und einmal die Woche ein rohes Ei seine heimlichen Helfer. Auch ein schicker Anzug hilft, böse Geister zu vertreiben.

Gefühle auf vier Beinen

Die zwei Stunden mit Felix frühmorgens waren meine Insel. Eine Partnerschaft mit einem Pferd in gegenseitiger Freiheit ist eine Reise mit festem Ziel, aber ohne feste Wege. Nie fühlte ich mich ungezwungener, nie den Widrigkeiten des Lebens ferner als in dieser Zeit, in der sich der Tag sanft aus der Umarmung mit der Nacht löst.

Wenn ich in seinem vollen Licht zurückkehrte in die andere, die reale Welt, dann nie ohne Rucksack, von Felix voll gepackt mit Ausgeglichenheit, guter Laune, Mitgefühl, Verständnis und positiver Schaffenskraft.

Pferde sind Gefühle auf vier Beinen und als solche wie kaum ein anderes Lebewesen in der Lage, das Gefühlsleben auch eines Erwachsenen mühelos und nachhaltig maßgeblich zu beeinflussen, und das auf so subtile Weise, dass sie sehr schnell unverzichtbar für uns werden.

Felix las in mir wie in einem offenen Buch. Und verhielt sich entsprechend. Gab mir Halt, wenn ich ihn zu verlieren drohte. Tröstete mich, wenn ich Trost brauchte, machte mich stark, wenn mich Schwäche befiel, und zuversichtlich, wenn ich zweifelte.

Pferde schenken einem Glück

Er lebte mir vor, wie erfüllend es sein kann, das Hier und Jetzt zu genießen und alles andere auszublenden. Öffnete mir die Augen für den Schatz, den mir das Leben jeden Tag schenkte, ohne dass ich ihn als solchen erkannt hatte: Dass ich gesund erwachte, Ein- und Auskommen hatte, Familie, Freunde. Einen Gefährten wie Felix.

Das ganze Kaleidoskop des kleinen Glücks, das in Wahrheit mein großes Glück war und ist. Glück kann man nicht kaufen, nicht rauben, nicht herbeizwingen. Aber ein Pferd kann es einem schenken, einfach so, weil es von der Schöpfung mit der Gabe geadelt wurde, sich einzufühlen, intuitiv zu erfassen, wer wir sind und was wir für uns ersehnen.

Und uns die geheimen Wünsche unserer Seele weitgehend zu erfüllen. Seit Platon und Sokrates teilen wir unser Denken in Für und Für mich. Für mich, das war es. Dafür begannen meine Tage um fünf Uhr, wenn meine Familie sich in ihren Betten noch reglos in weitere Stunden des Ruhens streckte. Dafür starb ich jeden Morgen einen frühen Tod.

Die Verhaltenspsychologie hat eine nüchterne Erklärung für die Magie der Pferde, diesen Zauber, der uns in seinen Bann zieht und nicht mehr loslässt: Indem wir unsere Wunschvorstellungen in unsere Pferde projizieren, all das, was wir gerne an Eigenschaften in uns hätten, aber nicht haben, schaffen wir mit ihnen eine Gegenvorstellung zu uns, ein menschliches Ideal.

Sie lehren uns Selbstkritik

Die natürlichen Grenzen zwischen Mensch und Kreatur verwischen, ohne dass wir es wahrnehmen. Der Mensch weiß, dass er ein Mensch, das Pferd aber nicht, dass es ein Pferd ist. Und lebt deshalb intuitiv, was für uns viel zu oft nur leere Worte sind, Ethik und Moral.

Die Triebe, denen die Pferde folgen, sind Jahrmillionen alt und rein wie ein Bergquell. Egoismus und Falschheit sind ihnen fremd. Wem sie geben, dem geben sie aus vollem Herzen. Sie schmeicheln nicht und sie sind nie unehrlich.

Sie lehren uns, wie wichtig Selbstkritik für uns ist und wie wertvoll schon ein wenig Demut sein kann. Entsprechend hoch ist ihre Erwartungshaltung an ihre Menschen. Nur wer sich als authentisch und vertrauensvoll erweist, erhält die Chance, als Alphatier akzeptiert und als Wesen geliebt zu werden.

Letzteres ist die höhere Hürde. Wer meint, sie hintergehen zu können, absichtlich oder unabsichtlich, täuscht sich. Pferde enttarnen mit untrüglichem Instinkt jeden, der nicht ist, was er vorgibt zu sein.

2016-08-11-1470916614-5680688-Pferdebuch_Felix_Elmar54_CopyrightDebraBardowicks.jpg

©Debra Bardowicks/Animal Photography

Verstehen und verstanden werden

Etwa eine Million Pferde leben derzeit in deutschen Ställen, so viele wie nie in den vergangenen siebzig Jahren. Gemeinsam haben sie die größte Seelenflucht des neuen Jahrtausends ausgelöst: Weg aus einer kalten, egoistischen Gesellschaft, für die selbst Nachbarn oft genug schon Fremde sind und die von allem den Preis, aber von kaum etwas den Wert kennt hin zum Wohlfühlpartner Pferd.

Die Wirtschaft, über Jahrzehnte bestimmt vom Leitbild des den Nutzen maximierenden Egos, erkannte im Empathie-Genie Pferd eine wirkungsvolle Waffe gegen Burn-out und Mobbing, Selbstüberschätzung und Versagensangst und schickt ihre Manager bei ihm in die Schule.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Die Reithalle wird zum Lehrsaal für den Urwunsch jeder Seele: verstehen und verstanden zu werden, zu mögen und gemocht zu werden. Pferde sind Persönlichkeiten wie wir, mit Gedächtnis, Gefühlen und Willen. Sie haben Bewusstsein wie wir. Für ihr Ich, ihre Erinnerungen,
selbst für den eigenen Tod!

Sie verspüren Schmerz und Freude wie wir, lieben ihre Kinder wie wir, trauern wie wir. Sie können in eingeschränktem Maße Gedanken verknüpfen, sie haben eine eigene Kultur und eine eigene Sprache.

Sie sind also ebenso wenig tierisch dumm, wie der Mensch schöpfungsgegeben klug ist. Vielleicht fragen sie deshalb nicht nach Status und auch nicht danach, ob jemand schön ist oder weniger schön, klug oder dumm, Frau, Mann oder Kind.

Ob er zwei Beine hat oder vier, ob er im Rollstuhl sitzt oder sich im eigenen Learjet erhebt. Sie mögen jeden Menschen so, wie er ist, und weisen jedem den Weg zu sich selbst. Kein Weg ist dornengespickter als dieser. Aber nur der Weg zum Ich führt auch zum Wir.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Glück geteilt durch zwei" von Elmar Schnitzer.

Hier könnt ihr das Buch kaufen.

2016-08-11-1470917063-1161877-schnitzer_glueck_durch_zwei_su.jpg

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Lesenswert: