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"Macht keinen Scheiß": Diese 92-Jährige hat den 2. Weltkrieg überlebt - das ist ihre Botschaft an die AfD-Wähler

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  • Elly S. hat Hitler überlebt und sieht nun eine große Gefahr in der AfD
  • Deren offene Hetze und Hass macht ihr Sorge
  • Ein Beispiel für die Hetze der AfD gegen andere Politiker, seht ihr im Video oben

Mein Name ist Elly S. Ich bin Deutsche und 92 Jahre alt. Ich habe Hitler und Stalin überlebt. Ob ich das Ende der AfD noch erleben werde, weiß ich nicht - umso wichtiger ist es, dass ihr meine Geschichte kennt.

Ich lebe seit 72 Jahren in Deutschland. Im Oktober 1944 musste ich aus meiner alten Heimat Sombor in Serbien flüchten. Vor den Russen. Weil meine Familie deutsche Wurzeln hatte, wir zur deutschen Volksgruppe gehörten.

sombor
(In diesem Haus bin ich aufgewachsen. In den 60er-Jahren erinnerte nichts mehr daran.)

Während meiner Flucht habe ich regelmäßig Tagebuch geführt. Noch heute führe ich jeden Tag Buch. Damit ich nichts vergesse. Doch es gibt Sachen, die kann man gar nicht vergessen. Sachen, die sich so in den Kopf einbrennen, dass man sie nie wieder vergisst.

Wie die Flucht im 2. Weltkrieg. Oder die schwere Zeit danach.

Im Mai 1945 bin ich in Deutschland angekommen. Mit nichts als der Kleidung, die ich am Leib trug.

Die war versengt vom Luftangriff auf Dresden, den wir gerade so überlebt haben. Der einzige Koffer, den wir auf der Flucht hatten, ging am Dresdener Hauptbahnhof in Flammen auf.

Nach Kriegsende wollte man die Flüchtlinge schnell wieder loswerden

Unsere Reise ging weiter nach Bayern. Willkommen waren wir bei den Einwohnern von Straußdorf, wo wir ankamen, nicht. Ganz im Gegenteil. Uns schlug Misstrauen entgegen.

Als der Bürgermeister des kleinen bayerischen Dorfes uns verkündete, dass der Krieg nun vorbei sei, sagte er noch etwas anderes zu uns: "Geht wieder heim."

Die Bäuerin, bei der wir einquartiert waren, ist uns mit Argwohn begegnet.

Sie unterstellte uns, dass wir Schmarotzer sind. Immer wieder sagte sie: "Das gibt's nicht. Dass man ein Haus hat und dann dort weggeht!" Sie unterstellte uns, dass wir vor dem Krieg sowieso nichts hatten.

Doch das ist nicht wahr. Mein Vater war ein angesehener Kaufmann in Serbien.

hannover
(Mein Vater und ich 1948 in Hannover.)

Wir haben der Bäuerin bei der täglichen Arbeit geholfen. Ihre Kartoffeln gepflückt, ihre Felder bestellt. Als Dank haben wir einen Schlafplatz und saure Milch bekommen. Die gute hat sie selbst getrunken. Sie hat uns immer als Menschen zweiter Klasse gesehen und auch so behandelt.

Die Bäuerin hat uns so behandelt, liebe AfD, wie ihr mit Flüchtlingen umgehen wollt. Ohne auch nur eine Ahnung davon zu haben, was diese Menschen durchgemacht haben.

2017-09-07-1504786616-8796518-CopyofHuffPost4.pngInside AfD - Die Community für Kritiker der Rechtspopulisten

Fünf Jahre hat es gedauert, bis die Deutschen in unserer Nachbarschaft uns anerkannt haben. Obwohl wir selbst Deutsche waren. Die Sprache gesprochen haben, uns integriert haben. Beim Wiederaufbau geholfen haben.

Interessiert hat das am Anfang keinen.

Wenn ich zurückdenke, ist es selbst für mich schwer vorstellbar, dass das wirklich passiert ist. Das kann doch nur ein Märchen sein, denke ich mir. Aber es war bittere Realität.

Ihr müsst wissen: Kein Kriegsflüchtling hat seine Heimat freiwillig verlassen

Das, was ich und meine Familie erlebt haben, erleben jetzt auch wieder Millionen Flüchtlinge.

Sie riskieren ihr Leben, um nach Europa zu kommen. Um endlich ein sicheres Leben führen zu können. Und dem Krieg in ihrem Heimatland zu entfliehen.

Mehr zum Thema: Ich finde es traurig, dass das Wort "Krieg" für euch nicht reicht, um zu verstehen, warum wir unser Land verlassen

Liebe AfD-Politiker und Wähler, ihr müsst eins wissen: Keiner dieser Kriegsflüchtlinge hat sein Land freiwillig verlassen. Seine Heimat gibt man nicht einfach so auf. Ich hatte gerade mein Abitur gemacht, als ich meine verlassen musste. Eine Flucht war das letzte, das ich mir in meinem Leben vorstellen konnte. Eigentlich wollte ich studieren.

Auch meine Großeltern wollten nicht flüchten, sie blieben zurück.

Sie sagten noch: "Wir sind doch alle Deutsche. Wir haben doch niemandem etwas getan." Das hat nicht jeder so gesehen. Zwei Tage nachdem wir geflüchtet sind, wurden meine Oma und mein Opa in ein Konzentrationslager verschleppt. Sie haben den 2. Weltkrieg nicht überlebt.

Auch jetzt sterben Hunderttausende Menschen. Im Krieg, auf der Flucht, im Mittelmeer. Bewältigen sie all die grausamen Hindernisse und schaffen es hierher, werden sie häufig genauso schlecht behandelt, wie ich vor 72 Jahren.

Mehr zum Thema: "Schande über dich, Europa" - Tausende Menschen sterben im Mittelmeer und die EU ist schuld daran

Aber bei vielen Deutschen gelten die Flüchtlinge auch als Schmarotzer. Sie werden bespuckt und beleidigt.

Die AfD schürt Hass in der Bevölkerung

Und die AfD macht das alles nur noch schlimmer.

AfD-Politiker verbreiten öffentlich Hetze gegen diese Menschen. Ich will gar nicht behaupten, dass alle Flüchtlinge, die hier ankommen, nur Gutes im Schilde führen. Das kann niemand wissen.

Aber ist das Grund genug, auch alle anderen zu verurteilen? Ist das Grund genug, niemandem mehr in diesem Land einen sicheren Hafen zu bieten? Nein, ist es nicht.

Aber die AfD fordert es. Der Tenor: "Wir müssen die Grenzen dichtmachen und dann die grausamen Bilder aushalten. Wir können uns nicht von Kinderaugen erpressen lassen." Das hat Alexander Gauland, Spitzenkandidat der AfD, gesagt. Das ist nur einer der menschenverachtenden Sätze, den AfD-Politiker in den vergangenen Monaten ausgesprochen haben.

Helfende Hände sind der AfD ein Dorn im Auge

Die letzten Monate haben aber auch gezeigt, dass es andere, gute Menschen gibt.

Menschen, wie sie uns auch schon vor über 70 Jahren geholfen haben. Die uns Mut gemacht haben. Uns bei sich haben baden lassen. Uns Stroh in ihrer Scheune ausgelegt haben, damit wir nicht auf dem harten Boden schlafen müssen.

Doch leider beschimpft ihr, liebe AfD-Wähler, diese Helfer als Bahnhofsklatscher und verhöhnt sie als Gutmenschen. Ihr solltet euch schämen!

Ihr wisst wohl nicht, wie schlimm es ist, wenn einem in einer Notsituation die Hilfe verweigert wird.

Wie es sich anfühlt, wenn man denkt, man sei angekommen. Nur um dann doch wieder wegzumüssen. Wie wir damals in Schlesien. Es war unser erstes Weihnachten, weit weg von unserem Zuhause.

Ich wünsche keinem, dass er so etwas erleben muss

Gerade als ich in die Christmesse gehen wollte, rollten die russischen Panzer an. Wir mussten weiter. Auf eigene Faust, denn geholfen hat uns in der Situation niemand.

Ich wünsche euch nicht, dass ihr so eine Erfahrung jemals machen müsst.

Doch mit der AfD kann euch das passieren. Es ist noch nie gut ausgegangen, wenn Nationalsozialismus im Spiel ist. Wie nah die AfD diesem ist, zeigt auch ein Zitat von Björn Höcke: "Ich gehe nicht davon aus, dass man jedes einzelne NPD-Mitglied als extremistisch einstufen kann", hat der gesagt.

Im Gegenzug geht er aber davon aus, dass alle Flüchtlinge Extremisten sind.

Björn Höcke hat den 2. Weltkrieg ja auch nicht erlebt. Er tut sich leicht, so etwas zu sagen. Seine Familie wurde nicht getötet.

Er musste keine Leichen von Säuglingen auf zugefrorenen Flüssen sehen.

Die Mütter haben ihre Babys einfach so abgelegt. Nicht, um sich selbst zu retten. Sondern um die Kinder zu retten. In der Hoffnung, dass sie jemand findet. Der ihnen ein besseres Zuhause geben kann. Jemand, der nicht auf der Flucht ist.

Wie kann man nur dem Urteil von Gauland und Co. vertrauen?

All das hat ein Björn Höcke nicht sehen müssen. Auch eine Frauke Petry, eine Alice Weidel oder ein Alexander Gauland nicht.

Aber dennoch folgt ihr diesen Politikern. Vertraut ihrem Urteilsvermögen, ihrer Erfahrung. Wollt ihnen bei einer Wahl eure Stimme geben. Tut es nicht!

klasse

Dies ist ein Bild meiner Schulklasse. Ich war damals in der 10. Klasse, drei Jahre trennten mich von meinem Abitur und von der Flucht, die mein ganzes Leben veränderte.

Die 35 Schüler waren unterschiedlicher Herkunft. Sie repräsentierten fünf Nationalitäten und vier Religionen.

Schaut sie euch an, wie friedlich sie nebeneinander gelebt haben. Wir haben uns alle gut verstanden.

Natürlich gab es auch mal Reibereien - nicht alle Menschen sind gleich -, die wird es immer geben. Auch zwischen Menschen mit derselben Herkunft.

Macht bei der Wahl keinen Scheiß

Aber wir sind uns immer mit Respekt begegnet. Die AfD aber hat keinen Respekt vor Flüchtlingen. Die AfD ist keine Alternative für Deutschland.

Sollte sie je an die Macht kommen - und das wollen ihre Politiker - wird die AfD Deutschland ins Chaos stürzen und alles zerstören, was wir uns nach dem 2. Weltkrieg aufgebaut haben.

Deshalb habe ich eine Bitte an Euch: Macht bei der Wahl keinen Scheiß - wählt nicht die AfD!

Dieser Artikel wurde von Bettina Steinke aufgezeichnet.

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