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Sportbulimie und die Gefahr gesellschaftlicher Anerkennung von Essstörungen

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BULIMIE
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Ich liebe es, ins Fitnessstudio zu gehen. Ich liebe es, mich auszupowern, mein Herz schlagen zu fühlen, zu schwitzen und meinen Körper an neue Grenzen zu bringen. Ich liebe auch Essen. Ich liebe Hamburger und Rotwein. Ich liebe knackige Salate mit Erdbeeren drin.

Ich liebe heiße Cheetos (ich werde nicht dafür bezahlt das zu sagen, aber ich liebe sie so sehr, dass wenn ich dafür bezahlt werden würde, ich mir von dem Geld mehr Cheetos kaufen würde). Ich liebe Essen vor allem deswegen, weil es eine Zeit gab, in der ich es nicht tat, in der ich ständig Diät gehalten und wie besessen Kalorien gezählt habe.

Vom Alter acht bis 20 war Essen mein Feind. Nun, da ich mich davon erhole, schätze ich Essen umso mehr, weil ich es brauche, um meinen Körper zu nähren und es mir erlaubt, Dinge zu tun, wie Berge zu erklimmen und mit meinen Hunden laufen zu gehen. Außerdem schmeckt's.

Essen und Sport wiegen sich nicht gegenseitig auf. Ich mache keinen Sport, um mir Kalorien zu "verdienen". Eine Stunde auf dem Crosstrainer bedeutet nicht, dass ich zur "Belohnung" ein Stück Pizza haben darf.

Sportbulimie ist eine ernstzunehmende Krankheit

Diese Art zu denken führt zu Sportbulimie, einer echten psychischen Krankheit, die tausende von Menschen jeden Alters betrifft. Anstatt sich zwanghaft oder mithilfe von Medikamenten zu übergeben, sind Betroffene geradezu besessen davon, ihre Kalorien wieder "auszukotzen", indem sie sie weg trainieren oder sogar noch mehr verbrennen.

Sportbulimie ist eine ernstzunehmende Krankheit, die zu Herzproblemen, Depressionen, einem geschwächten Immunsystem führen und die Fruchtbarkeit mindern kann. Es ist eine schwere Krankheit mit weitreichenden Konsequenzen, weswegen es furchtbar ist, dass die Gesellschaft diese Krankheit so positiv wertet.

Sich gesund zu ernähren und ausreichend Sport zu machen sind wichtig für die Gesundheit eines Menschen, darüber lässt sich nicht streiten. Die Denkweise von Sportbulimikern ist allerdings extrem gesundheitsschädigend und hat sich dennoch in unseren Alltag eingeschlichen, um dort ihren Platz zu finden.

Ich will nicht sagen, dass Menschen, die ungefähr so denken, automatisch essgestört sind. Was ich meine ist, dass man diese Art zu denken mittlerweile so oft antrifft und dass sie fast schon unbemerkt zu Essstörungen anstachelt.

Essstörungen können viele Formen annehmen

Dabei hilft es nicht, dass viele Menschen Essstörungen lediglich mit Hungern oder sich Erbrechen verbinden, und alles andere wird mit gesundem Essverhalten verwechselt, weil es nicht auf diese beiden Kategorien zutrifft.

Wenn man Menschen bittet, eine Essstörung zu nennen, sagen sie wahrscheinlich Magersucht oder Bulimie. Diese beiden Krankheiten sind relativ bekannt und werden recht häufig auch außerhalb der Medizin besprochen, vor allem in den Medien.

Obwohl sie die meiste Aufmerksamkeit bekommen, sind sie nicht die häufigsten Formen von Essstörungen. Der Großteil aller Patienten, die Hilfe suchen wegen Essstörungen, werden mit unspezifischen Formen von Essstörungen diagnostiziert.

Essstörungen können viele Formen annehmen und variieren stark in ihrer Ausprägung. Das ist ein ernsthaftes Problem, und manche Betroffenen werden jahrelang nicht diagnostiziert, weil sie vielleicht nicht so stark untergewichtig sind, wie Patienten mit Magersucht oder nicht die Nebenerscheinungen von Bulimie zeigen.

Es ist schwierig, die Grenzen zu ziehen

Auch unspezifische Essstörungen können die physische und psychische Gesundheit eines Menschen stark schädigen, wie auch Sportbulimie, und all diese Störungen werden animiert von Anleitungen zu ungesunden Diäten und Sportübungen.

Es ist schwierig, die Grenzen zu ziehen zwischen einem gesunden Lebensstil und essgestörtem Denken. Ab wann ist Kalorien- und Mikronährstoffe zählen eine ungesunde Sucht? Wie viel Sport ist zu viel? Ab wann bedeutet es eine ernsthafte Einschränkung, Kohlehydrate zu meiden, weil bald wieder Bikini-Saison ist?

Ab wann ist ein bestimmtes Körperbild krankhaft? Die Antworten sind unterschiedlich und variieren von Person zu Person. Ich kenne Menschen, die sich jede einzelne Mahlzeit notieren, um abzunehmen oder Muskeln aufzubauen, und sie sind vollkommen gesund.

Ich kenne andere, dazu gehöre auch ich, die nicht mal eine Woche lang jeden Tag aufschreiben können, was sie gegessen haben, weil sie direkt in ein essgestörtes Verhalten verfallen. Obwohl die Antworten komplex scheinen, gibt es einen Aspekt, der klar sein sollte: Kleidung, die zu Sportbulimie anregt, ist schlecht. Sie ist nicht gut. Sie ist schlecht. Punkt.

Schritt für Schritt können wir eine Veränderung erreichen

Es gibt viele Menschen da draußen, die wieder mal das Argument bringen werden, "Du bist zu empfindlich", was mich ärgert. Aber ich gebe zu, dass ich bei diesem Thema vielleicht sensibler reagiere als andere, weil ich selbst betroffen bin.

Es gibt wenig, was schlimmer ist, als jahrelang daran zu arbeiten, eine Essstörung zu überwinden, endlich gesund zu werden und sich gut genug zu fühlen, um ins Fitnessstudio zu gehen und gesund zu essen, oder besessen davon zu werden.

Sobald ich aber ins Fitnessstudio gehe, sind da diese Klamotten, die mir direkt ins Gesicht starren. Es ist verstörend, dass viele Menschen, die so denken, Kinder zu Hause haben, und diese Kinder werden langsam aber sicher dasselbe Verhältnis zu Essen und Sport aufbauen.

Die tief eingeprägten Vorstellungen, wie ein Körper aussehen sollte, und die steigende Zahl von Menschen, die an Essstörungen erkranken, sind kein Zufall und jeder einzelne von uns sollte sein Verhalten ändern, um eine Veränderung in der Gesellschaft zu sehen.

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Kinder werden in ihrer Vorstellung von Fitness vor allem in ihrem Elternhaus geprägt und es ist wichtig, sie für ihre physische und psychische Gesundheit mit den richtigen Strategien auszustatten.

Wenn du also das nächste Mal siehst, wie jemand einen Keks isst und er dabei sagt, er wird das nächste Mal im Fitnessstudio "dafür zahlen", oder du erwischst dich selbst dabei, wie du auf dem Crosstrainer auf die Kalorien starrst und darauf wartest, die richtige Menge zu erreichen, um dir einen Muffin gönnen zu können, mach einen Moment Pause und denke über dein Verhalten nach. Versuche, dich zu verbessern. Schritt für Schritt können wir eine Veränderung erreichen.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf medium.com und wurde von Agatha Kremplewski aus dem Englischen übersetzt.

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