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Wie mich mein Leben als Kinder-Star total fertiggemacht hat

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GIRL STAGE
IStock
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Man hört immer wieder von Kinder-Stars, die schon vor ihrem zehnten Geburtstag im Rampenlicht standen und dann Jahre spĂ€ter flachliegend vor irgendeinem Club in Hollywood gefunden werden, wĂ€hrend Paparazzi Kameras in ihre Gesichter halten und blondierte Haar-Extensions leblos von ihnen herunterhĂ€ngen. ZusammenbrĂŒche sind so gewöhnlich, dass es schon unĂŒblich erscheint, wenn ein Kinder-Star ein einigermaßen normales Leben fĂŒhrt.

Diese Geschichte handelt nicht mal von Promis.

Auf jeden Kinder-Star, der beim Aufwachsen von Paparazzi verfolgt wird, kommen dutzende Kinder aus dieser und jener Werbung, die in völliger AnonymitĂ€t groß werden. Auf jedes Kind, das durch Talent und GlĂŒck berĂŒhmt wird, kommen dutzende, die absolut keinen Unterhaltungsfaktor haben, dafĂŒr aber Eltern, die darauf pochen, dass ihre kleine Debbie verdammt noch mal ein Star ist!

Auf jedes erfolgreiche Kind kommen dutzende, die nur Talent haben, aber vielleicht nicht groß genug oder blond genug waren und so die Rolle ihres Lebens verpasst haben. Es gibt viele Kinder, die ihre gesamte Kindheit ĂŒber arbeiten, aber eben nur in Werbespots oder im Theater und dementsprechend nicht berĂŒhmt werden.

Es gibt eine Sache, die diese bekannte und unbekannten Kinder verbindet: die emotionalen Narben. Juhu! Stars! Sie sind wie wir!

Wodurch werden die Menschen also traumatisiert? Was ist so falsch an einem Job wĂ€hrend der Kindheit, der dich aus der Schule zieht, dir lustige KostĂŒme und Unmengen von Essen gibt? Ist es nicht der Ruhm, die die Leute innerlich tötet und nicht die Branche selbst? Nein. Es ist beides.

Du wirst fĂŒr ein Kind unbeschreiblich viel Ablehnung erfahren

WĂ€hrend ich geschauspielert habe, fĂŒhlte ich mich wie ein sĂŒĂŸer Welpe, der alle liebte, aber trotzdem eingeschlĂ€fert wurde wegen eines unheilbaren Falles von HĂ€sslichkeit.

Einerseits hat mich das gelehrt, dass selbst, wenn ich hart arbeite und mein Bestes gebe, es manchmal einfach nicht klappt - so ist das Leben. Da waren viele Entscheidungen, die ich nicht beeinflussen konnte, und vielleicht war ich einfach zur falschen Zeit am falschen Ort.

Ich habe gelernt, wieder aufzustehen und es noch einmal zu versuchen. Jedes Mal, wenn ich dann einen Job bekam, war das der Beweis fĂŒr mich, dass nicht ich das Problem war, wenn ich einen anderen nicht bekam und ich zu den anderen Rollen einfach nicht passte.

Andererseits hat es stetig mein Selbstbewusstsein zerstört, diese Lektion mehrmals im Monat lernen zu mĂŒssen, in einem Alter, in dem ich noch nicht mal verstanden habe, was da eigentlich passierte. Das ging so weit, dass ich irgendwann nur noch eine leere HĂŒlle war, die schrie: "Ich mach alles, damit ihr mich liebt und akzeptiert! Ich esse sogar eine lebendige Taube! Ich schluck sie einfach runter!!!"

Ich wurde so oft abgelehnt, dass wenn ich angenommen wurde, ich nicht anders konnte, als zu fragen: "Seid ihr sicher?" Wenn man sich mit solchen GefĂŒhlen nicht frĂŒhzeitig beschĂ€ftigt, ist das ein sicherer Weg zu einem niedrigen SelbstwertgefĂŒhl in den darauffolgenden Jahren. Wo wir gerade von SelbstwertgefĂŒhl sprechen...

Dein grĂ¶ĂŸter körperlicher Makel wird hĂ€ufig GesprĂ€chsthema sein

Die Branche hat ein einzigartiges Talent dafĂŒr, sich auf die eine Sache zu fokussieren, die du an dir hasst, und dich darauf zu drillen, genau dieses Makel loszuwerden. Wahrscheinlich sagt dir das deine innere Stimme sowieso schon, aber es nimmt eine andere IntensitĂ€t an, wenn die Erwachsenen um dich herum vor dir ĂŒber deine hĂ€sslichen ZĂ€hne oder breiten HĂŒften sprechen.

Das kann auch ganz schön schnell einen rassistischen Ton annehmen, wenn es um deine Haare, Augen, Hautfarbe oder irgendetwas anderes geht, was dich zu einem Menschen macht. Zu dĂŒnn und flach, zu dick und kurvig, zu klein, zu lebendig und was weiß ich.

Ich weiß, dass wenn man einem jungen, ĂŒbergewichtigen MĂ€dchen erzĂ€hlt, dass sie entweder 25 Kilo abnehmen oder zunehmen muss, weil sie "verwirrend fĂŒrs Auge ist und keinem Typen zugeordnet werden kann" normalerweise emotionale Misshandlung wĂ€re - außer in der Unterhaltungsindustrie. Damals dachte ich nur, das ist nun mal so.

Alle Kinder haben Panikattacken in wechselnden RĂ€umen und machen, wenn sie fotografiert werden, einen Buckel, um die SchlĂŒsselbeine stĂ€rker hervorstehen zu lassen. NatĂŒrlich war das kein gesundes Verhalten, aber die Menschen um mich herum haben mich dazu ermutigt.

Die Ärzte haben gesagt, ich hĂ€tte Normalgewicht und sei kerngesund (weil sie natĂŒrlich nicht wussten, dass ich Kalorien zĂ€hlte und mich tĂ€glich ĂŒbergab), aber mein Agent meinte, ich mĂŒsse abnehmen. Auf wen, glaubst du, habe ich als ZehnjĂ€hrige also gehört? Ich weiß, dass meine Essstörung nicht komplett von der Unterhaltungsbranche verursacht wurde, aber sie hat auf jeden Fall Öl ins Feuer gegossen und die Krankheit verschlimmert.

Du wirst schnell herausfinden, welchen Stereotyp du bedienst. Nerd? Sportlich? Komisch? Trottel?

Wenn du als Kind ein Vorsprechen nach dem anderen bekommst, weil du eine Brille trĂ€gst, lispelst und deine BĂŒcher im Flur fallen lĂ€sst oder weil du einen ganzen Block KĂ€se essen kannst, deinen Bauch dabei streichelst und sagst "Hmmm, lecker!", bekommst du sehr schnell mit, wie die Welt dich sieht. Ich war ein fetter Nerd - wer aber denkt, das sei ich immer noch, hat falsch gedacht: denn heute bin ich ein sexy fetter Nerd.

Auch in diesen Situationen wird's schnell rassistisch (scheint ein Refrain zu sein). Ich bin mir zu 99 Prozent sicher, dass wenn ich mit dem Schauspielen nicht aufgehört hĂ€tte, ich heute ein Kinder- oder HausmĂ€dchen spielen wĂŒrde oder eine Supermarktangestellte. Oder ich wĂŒrde "Hmmm, lecker!", Teil 2, drehen.

Die PubertÀt wird deine Karriere vernichten

Die PubertĂ€t hat mich nicht erwischt wie ein LKW. Das wĂ€re schnell und vergleichsweise gnĂ€dig gewesen. Die PubertĂ€t traf mich wie eine Abrissbirne, die langsam, aber sicher alles an mir zerstörte, was einen Marktwert hatte und die auch alles andere um mich herum zerstörte. Mit elf hatte ich einen sichtbaren Damenbart, HĂŒftspeck und trug KörbchengrĂ¶ĂŸe C. Gerade rechtzeitig, als ich aufs Gymnasium kam!

Andererseits: FĂŒr die meisten MĂ€dchen um mich herum kam die PubertĂ€t ein wenig spĂ€ter. FĂŒr sie bedeutete das, dass die wuchsen, eine schmale Taille und Kurven bekamen, ohne schwabbelig auszusehen. Ich bemerkte einen Trend wĂ€hrend dieser PubertĂ€ts-Party. Gutaussehende Jungs spielten den Helden. Weniger gutaussehende Jungs den lustige Sidekick.

Gutaussehende MĂ€dchen spielten das sĂŒĂŸe und hĂŒbsche MĂ€dchen von nebenan. Weniger gutaussehende MĂ€dchen spielten Nintendo zu Hause, weil ihr Agent sie verlassen hatte, weil sie keine Jobs mehr bekamen.

Du wirst schneller herausfinden mĂŒssen, was du mal werden willst, als andere Karriere zu machen als Kind ist ungewöhnlich. FĂŒr Kinder-Stars verlĂ€uft der Weg oft geradliniger, weil sie schon frĂŒh Erfolg erleben, was natĂŒrlich auch Nachteile hat. Unbekannte Kinder erleben diesen Erfolg nicht, also mĂŒssen sie sich ĂŒberlegen, ob sie weitermachen oder einen anderen Weg wĂ€hlen wollen.

Machen sie einen Abschluss in Schauspiel oder lieber was anderes? Gehen sie, anstatt zu studieren, lieber zu Vorsprechen, und riskieren damit, eventuell gar nichts zu verdienen? Verlassen sie ihre Heimatstadt oder bleiben sie? Andere denken ĂŒber solche Entscheidungen vielleicht jahrelang nach, aber abhĂ€ngig von der finanziellen Situation mĂŒssen unbekannte Kinder-Stars diese Entscheidungen vielleicht schon viel frĂŒher treffen. Jugend ist eine begrenzte Ressource in der Unterhaltungsbranche.

Du wirst einen Zusammenbruch erleben

Dein Zusammenbruch muss nicht unbedingt sein, dass du mit 100 Stundenkilometern den Sunset Boulevard auf der falschen Seite lang fÀhrst oder dir in irgendeinem Club Heroin spritzt. Das kann schon damit beginnen, dass deine Noten schlechter werden. Auf irgendeine Art und Weise wirst du jedenfalls implodieren. Es ist nur eine Frage der Zeit. Der Unterschied liegt darin, wie ernst es ist und ob du dich von deinem Zusammenbruch erholst.

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Mein Zusammenbruch kam im Studium. Mein Hauptfach war BWL mit einem Schwerpunkt auf Kinofilmproduktion, weil ich von Schauspiel zu Produktion wechseln wollte. Ich habe bald verstanden, dass der einzige Grund, warum ich in der Unterhaltungsindustrie bleiben wollte, war der, dass ich bereits drin war. Ich habe gespielt, seitdem ich fĂŒnf war, und plötzlich war ich 18, allein lebend, und ich merkte, wie eigenartig mein Leben verlaufen ist und dass ein Verlassen der Branche bedeuten wĂŒrde, dass ich alle BrĂŒcken niederreißen mĂŒsste, die ich in den letzten Jahren mĂŒhevoll gebaut hatte.

Ich wollte flĂŒchten, aber meine FĂŒĂŸe trugen mich nicht mehr. Ich fĂŒhlte mich wie ein Außenseiter, eklig und fett, und ich hatte ein gestörtes VerhĂ€ltnis zu meinem Körper und Schwierigkeiten, Liebe zu akzeptieren. Hinzu kamen ein paar familiĂ€re Schwierigkeiten, es kam also alles zusammen. Es war die perfekte Verbindung von Irrungen, Wirrungen und Verbindungspartys. Ich wusste nicht mehr, wer ich war, aber immerhin wusste das niemand.

"All das hat mich jedoch zu einem stÀrkeren Menschen gemacht"

Jeder, den ich kenne, der ein Kinder-Star war, ist tapfer. Jeder einzelne davon. Vielleicht, weil sie so viel Ablehnung erfahren haben oder weil sie es gewohnt sind, es immer wieder zu versuchen. Vielleicht waren sie auch schon immer tapfer und haben sich deswegen fĂŒr die Schauspielerei entschieden. Vielleicht ist die Tapferkeit auch nur Schauspiel.

Immerhin sind das aber die Menschen, die keine Angst davor haben, das sĂŒĂŸe MĂ€dchen oder den sĂŒĂŸen Typen an der Bar anzusprechen oder sich nicht davon einschĂŒchtern lassen, in der Öffentlichkeit zu sprechen oder bei BewerbungsgesprĂ€chen den Mund aufzumachen.

WĂŒnsche ich mir, dass alles anders gelaufen wĂ€re? Ehrlich gesagt: Keine Ahnung. Ich mag die Person, die ich heute bin, und die wĂ€re ich vielleicht nicht, wenn ich nicht 13 Jahre lang Schauspielerin gewesen wĂ€re. Ich habe Freundschaften geschlossen und habe Erfahrungen gesammelt, die ich nicht missen möchte. Ich habe mein Leben bunt gemacht.

Wenn aber eines Tages meine hypothetische kleine Tochter Guzman-Zuckerberg sagt, sie wĂŒrde gerne Schauspielerin werden, hĂ€tte ich drei wichtige Worte zu sagen: "Viel GlĂŒck, verdammt!"

Dieser Beitrag erschien zuerst auf medium.com und wurde aus dem Englischen von Agatha Kremplewski ĂŒbersetzt.

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