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Zweifel einer jungen Mutter: Vielleicht haben wir modernen Eltern es uns zu schwer gemacht

17/11/2017 11:45 CET | Aktualisiert 17/11/2017 12:12 CET
Ellen Girod / Chez Mama Poule

Eine Freundin, die erziehungstechnisch sehr ähnlich tickt, stellte mir kürzlich die große Frage: "Haben wir es uns zu schwergemacht? Ginge es auch einfacher?"

Damit meinte sie die Art, wie sie und ich jeweils mit unseren Kindern leben. Sie meinte unseren Attachment-Parenting-Weg des bedürfnis- und bindungsorientierten Elternseins inkl. Stillen, Tragen und Familienbett.

Sie meinte unsere montessorischen "Hilf mir, es selbst zu tun" und "Follow the child"-Haltungen und der damit verbundenen Beobachtung der Kinder, ihrer Interessen und entsprechender Wohnungseinrichtung. Sie meinte den "unerzogen"-angehauchten Fokus auf Beziehung statt Erziehung und die Gleichwürdigkeit mit den Kindern.

Auf ihre wichtige Frage fand ich keine abschließende Antwort. Meine sinngemäße Email an meine Freundin teile ich nun mit euch. Und lade euch zum Mitdiskutieren ein.

Attachment Parenting: Bedürfnisse aller sind wichtig

Stillen statt Flasche: Stillen war für mich primär ein Ego-Entscheid, denn was ist praktischer: Wasser temperieren, Pulver abmessen, Wasser abwägen, Fläschchen & Co. sterilisieren, ja nichts vergessen, wenn man für unterwegs packt oder eben mal kurz die Brust rausholen?

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Baby Led Weaning (BLW) statt Brei nach Plan: Eine Zuchetti-Stange neben die Pizza aufs Blech legen und das Baby fingerfooden bzw. selbstbestimmt abstillen lassen, ist für mich allemal einfacher als stressige Pläne zu verfolgen (heute Karotten, morgen Kartoffeln), extra Breie zu kochen und das Kind zu füttern, während mein eigenes Essen kalt wird.

Und seit dem Einwand unserer Kinderärztin, BLW-Kinder seien weniger anfällig auf Essstörungen, als solche die mit Brei gefüttert wurden, ist eh klar: Alleine mein Baby entscheidet, wie viel es isst oder stillt und wann es satt ist. Weder ich, noch das Hipp-Gläschen.

Einschlafbegleiten im Familienbett statt Schreienlassen im Gitterbett: Neben der Tatsache, dass mir Ferbern (Schlaftraining) rein instinktiv komplett widerstrebt, vereinfacht unser Familienbett vor allem eins: mein Leben.

Erstens, weil ich mir das nächtliche Aufstehen gerne spare und stattdessen lieber kurz den Rücken meiner halbwachen Tochter tätschle bis wir friedlich weiterschlafen. Zweitens, weil ich nicht auf der Bettkante schlafen mag - wie dies alle (ausnahmslos alle) meiner Freundinnen ohne Familienbett tun, da die Kinder nachts ins Elternbett wandern - und deshalb bastelten wir uns gleich von Anfang an ein 2.80-Meter-breites Matratzenlager.

Montessori-Pädagogik: Hilf mir, es selbst zu tun

Eine Baby-gerechte Umgebung schaffen, statt das Kind im Laufstall zu parkieren: Wir haben eine dieser Stoff-Wippen, in die ich meine Töchter jeweils für ein paar Minuten setze. Klar, Pikler hätte keine Freude. Aber für mich stimmt's. Dank dem Teil komme ich zum Duschen.

Ansonsten: Ja, hier stehen kein Laufstall oder Türgitter, dafür sind viele Möbel sind auf die Grösse unserer Kinder abgestimmt. Und so sieht's bei uns mittlerweile aus wie in einer Kita. Aber das ist uns wurst.

Die Zeit, in der unsere Kinder klein sind, ist vergleichsweise ein Bruchteil unseres Lebens. Und sobald sie aus dem Haus sind, werden wir's uns wieder etwas stylischer und erwachsener einrichten. (Das Argument gilt übrigens auch fürs Familienbett.)

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Diese vorbereitete Umgebung, wie Maria Montessori sie nannte, mag aufwendig für uns Eltern sein. Manchmal ist es mühsam, zu warten bis meine Tochter ihre Schuhe auf ihrem noch so reizendem Berlinerhocker selber angezogen hat. Vor allem dann, wenn wir spät dran sind und gleich den Zug verpassen. Aber von Montessori habe ich gelernt, dass die Selbständigkeit die Selbstwertgefühle meiner Tochter stärkt und das leuchtet mir ein.

Und nicht zu letzt bereitet uns diese vorbereitete Umgebung eine grosse Freude. Denn es ist schlicht grossartig unsere ältere Tochter in ihrem Flow, beim konzentrierten Spiel und in ihrer (wachsenden) Selbstständigkeit zu beobachten.

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Ellen Girod / Chez Mama Poule

Dazu hat die vorbereitete Umgebung auch ihre praktischen und lebensvereinfachenden Seiten: Weil z.B. ihr Frühstücksgeschirr und Müesli in der untersten Küchenschublade versorgt sind, kann meine 2.5-jährige Tochter ihren Frühstückstisch selber decken und mir bleibt so mehr Zeit für die Morgentoilette des Babys.

Unerzogen: Auf Beziehung statt Erziehung setzen

Mit meinem Kind gemeinsame Lösungen suchen, statt es mit Lob und Strafen zu erziehen (oder böser gesagt: manipulieren)? Meinem Kind auf Augenhöhe begegnen, statt von oben herab? Mein Kind bedingungslos zu lieben, statt es zuerst durch meine Erziehung verändern wollen?

Mein Kind (und natürlich auch andere Meschen) so zu sehen und zu lieben, wie es ist, anstatt so, wie ich es gerne hätte. Meinem Kind genauso respektvoll und gleichberechtigt zu begegnen, wie mit jedem erwachsenen Menschen?

Vieles aus der Unerzogen-Bewegung fühlt sich für mich rein intuitiv sehr gut an. Und ja, manchmal ist es anstrengend. Denn ein "Gut gemacht!" wenn meine Tochter mir eine Zeichnung zeigt, braucht weniger Kreativität und Zeit, als ein "Zeig mal, hast Du hier etwas Blaues gemalt? Was das wohl ist?"

Aber seit ich von der Stanford-Studie las, die zeigte, dass Lob den Kindern die Freude und das Interesse an der eigentlichen Tätigkeit stiehlt und somit das Gegenteil davon erreicht, nämlich mein Kind zu bestärken und ermutigen, kommt Loben für mich nicht mehr in Frage.

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Und es wäre wohl schneller meiner Tochter kurz im Schwitzkasten die Zähne zu putzen. Geht für mich aber unter körperliche Gewalt. Und so wurden hier 347 verschiedene Spiele ausprobiert und Geschichten erzählt, an verschiedensten Orten, mit diversen Bürstelis und Zahncremes geputzt, bis schliesslich ein von meinem Mann gezimmerter Waschbecken mit Spiegel (soon on the blog!) das Zähneputzen meiner Tochter erleichterte.

Elternsein: Wozu die Mühe?

Klar, für viele ist meine Art des Elternseins schlicht zu viel. Kann ich verstehen, denn beim Schreiben dieses Artikels wurde mir klar, aus wie vielen Strömungen ich mich als Mutter inspirieren lasse.

"Du machst dir einfach zu viele Gedanken!", hab ich schon oft gehört. Mütter wie ich seien selber schuld und würden es uns unnötig schwermachen. Denn die Erziehung früher lief ja ganz anders ab. Interessanterweise war es kein Thema, wenn ich - als Kinderlose - mir wochenlang über meine nächste Yogareise oder die Einrichtung meiner damaligen Wohnung den Kopf zerbrach.

Dass ich als Journalistin auch sonst jeden Mist recherchiere, wurde auch nie in Frage gestellt, sondern bewundert. Wenn ich mir aber Gedanken über mein Elternsein - meine notabene verantwortungsvollste Aufgabe ever - und die Auswirkungen meines Verhaltens auf mein Kind mache, finden es viele übertrieben.

"Aber wir wurden auch so erzogen und trugen schliesslich keinen Schaden davon", lautet dann das Killerargument. Und genau da bin ich mir eben nicht so sicher. Vor allem wenn ich unsere immer absurder werdende Welt betrachte. Die voll Hass, Gier und Gewalt ist. Da frage ich mich schon, ob wir wirklich keinen Schaden tragen. Und ob manchen Menschen etwas mehr Liebe, Würde, Vertrauen, Nähe und Empathie in ihrer Kindheit gutgetan hätten.

Haben wir es uns zu schwergemacht?

Ihr seht, für mich gibt es keine andere Option. Für mich stimmt dieser Weg liebevoller, respektvoller, ebenbürtiger Beziehung mit dem Kind. Etwas anderes ließe sich gar nicht mit mir vereinbaren. Manchmal mag mein Weg wohl leichter, manchmal vielleicht steiniger sein, als derjenige einer old-school Erziehung mit Zuckerbrot und Peitsche.

Ob es Mütter wie ich uns zu schwermachen, weiß ich nicht. Mein Weg braucht sicher mehr Geduld, Kreativität und Denkarbeit. Ganz klar. Aber genau das ist es ja, was ich an diesem ganzen (furchtbar anstrengendem) Elternsein so mag: Es bringt mich selbst weiter. Es erlaubt mir zu reflektieren und zu wachsen. (Also zumindest dann, wann mir die Augen vor Müdigkeit nicht zufallen.. ; -)

Denn grundsätzlich geht es bei all meinen Leiden als Mutter immer um mich selbst: Darum wie ich auf das Verhalten meines Kindes reagiere und warum. Was löst mein eigenes Kind in mir aus? Wie verhalte ich mich ihm gegenüber? Was passiert, wenn mein inneres Kind auf mein eigenes Kind trifft?

Und darum welche Beziehung und welchen Frieden ich mit meinem inneren Kind geschlossen habe oder eben nicht. Sprich, welche eigenen Erlebnisse, Muster, Traumatas aus der eigenen Kindheit durch mein Elternsein getriggert werden. Und schlussendlich geht es darum, wie zufrieden ich selber mit mir und meinem Leben bin.

Und all diese Fragen, all diese Arbeit entlang diesem mal mehr, mal weniger steinigen Weg des Elternseins lassen mich wachsen. Die Arbeit an mir selber war nie größer (und spannender!) als seit ich Mutter bin.

Wie ist es bei euch? Seht/erlebt ihr das ähnlich? Oder ganz und gar nicht? Ich lade euch zum Mitdiskutieren ein, gleich unten in den Kommentaren und oder per E-Mail. Ich freue mich <3

Der Beitrag ist zuerst auf Chez Mama Poule erschienen.

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