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Was wäre, wenn das Kilogramm Fleisch 50 Euro kosten würde?

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FLEISCH
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Die Konzerne sind schuld. Sie verkaufen das Fleisch zu Schleuderpreisen. Dass wir Konsumenten willigst zugreifen, steht auf einem anderen Blatt. Doch dieses sollten wir uns einmal gründlich ansehen. Nehmen wir einmal an, ein Kilogramm Fleisch würde plötzlich 50 Euro kosten. Abgesehen vom Volksaufstand - was würde sich ändern? Antwort: alles.

Dass fünf- bis zehnfache für Fleisch bezahlen? In der Supermarktwelt des Massenkonsums und der überquellenden Fleischberge eigentlich unvorstellbar. Dass ein Kilogramm Fleisch oftmals billiger ist, als ein Kilogramm Brot dringt selten genug in unser Bewusstsein. Würde das Kilogramm Fleisch 50 Euro kosten, wäre zumindest einmal unsere Aufmerksamkeit geweckt. Zur gleichen Zeit müssten kalorische Kraftwerke ihre Kapazitäten herunterfahren, denn wie viel würde von den Fleischtonnen, die deutsche Kraftwerke als Abfall verwerten, übrig bleiben? Etwa ein Drittel der produzierten Schweine leben und sterben für den Müll, ein Gutteil davon wird einfach weggeworfen. Von den Züchtern, der Lebensmittelindustrie und von uns Konsumenten. So etwas verdrängen wir gerne. Würde das auch passieren, wenn das Kilogramm 50 Euro kosten würde?

Bei diesem Preis würden wir davon ausgehen, dass die Qualität besser ist. Und wahrscheinlich wäre sie das auch. Derzeit ist der Preis nicht zwingend eine Frage von guter oder schlechter Qualität, sondern primär eine Frage des guten Gefühls. Viele Menschen fühlen sich einfach besser, wenn sie mehr bezahlen, doch da wie dort kommt das Fleisch aus der Massentierzucht und von der Qualität bleibt oftmals nur eine Silbe: Qual.

Bei einem Kilopreis von 50 Euro wäre die Qualität wahrscheinlich schon deshalb besser, weil weniger Fleisch konsumiert würde und weniger Konsum bedeutet weniger Tiere (und auch weniger Tiere, die für die Müllhalde sterben). Weniger Tiere bedeutet weniger Futtermittel (etwa aus Südamerika), folglich weniger Urwaldrodungen und schließlich weniger CO2-Ausstoß (durch Transporte) und weniger Methan-Freisetzung (etwa durch Rinder). Nutztiere stoßen übrigens mehr umweltschädliche Gase aus als der gesamte Verkehr dieser Welt.

Es würde auch etwas in unseren Köpfen passieren: Die gefühlte Wertlosigkeit, die uns das billige Fleisch vermittelt, würde dem Gefühl der Wertschätzung weichen. Ein teures Stück Fleisch vom Schwein, Rund oder Huhn wäre ein kostbares Lebensmittel und etwas Kostbares schätzt man einfach mehr als etwas von geringem Wert.

Wahrscheinlich würde es das Ende der Massentierhaltung bedeuten. Bauern müssten sich nicht mehr als Fleischproduzenten erleben, sondern könnten vielleicht wieder eine Beziehung zu den Tieren in ihren Ställen aufbauen. Sie würden die Entlohnung für ihre Mühen bekommen, die ihnen zusteht, und nicht nur einen Euro für das Kilogramm Schweinefleisch.

Wir würden Landschaft dazu gewinnen, da die Tierfabriken der Massenhaltung wegfallen würden. Genauso Ackerflächen, auf denen Tierfutter angebaut wird.

Es gäbe kleinere Schlachthöfe, in denen man das Töten humaner (wenn man es so nennen will) gestalten könnte. Aber würden nicht viele Menschen ihre Arbeit verlieren? Sind da etwa die rumänischen, bulgarischen oder polnischen Lohnsklaven gemeint, die europaweit gehandelt werden und für einen unmoralischen Stundenlohn von vier Euro in den Schlachthäusern arbeiten? Oder die ausländischen unterbezahlten Stallknechte, die ihre Knechtschaft bisweilen an den Tieren abreagieren, weil sich die, die mit den Fingern auf sie zeigen, für diese Arbeit zu gut sind? Ein Teil von ihnen würde vermutlich in die Heimat zurückkehren müssen, aber der Rest hätte eine Chance auf faire Entlohnung.

Bei einem Kilopreis von 50 Euro könnten wir es uns ersparen, Ernährungsratgeber zu studieren, denn wir würden zwangsläufig mehr Gemüse essen und mit dem reduzierten Fleischkonsum das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall, Krebs und Diabetes senken. Das würde bedeuten, dass die Zahl der Kranken automatisch zurückginge und sich die Kosten für das Gesundheitswesen reduzieren würden.

Wir regen uns in endlosen Facebook-Kommentaren darüber auf, dass alle Tierqual davon kommt, dass das Fleisch zu billig sei. Aber sind wir bereit, den adäquaten Preis zu bezahlen? Und zwar nicht nur, um unser Gewissen zu reinigen, sondern auch, weil wir es wahrhaftig und aus ganzem Herzen wertschätzen wollen und - wenn wir ein Stück in den Mund stecken - auch wirklich wissen, was wir da eigentlich tun...

Elisabeth Zacharia ist Autorin des Buches "Warum Kühe lachen und Hühner nicht weinen" (Goldegg-Verlag).

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