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Diese eine Sache können wir aus dem VW-Skandal lernen

07/10/2015 17:50 CEST | Aktualisiert 07/10/2016 11:12 CEST
dpa

Wir schreiben das Jahr 2008. Eine eingeschworene Schar von Männern klopft sich mit stolzgeschwellter Brust auf die Schultern. Sie haben das Problem der Probleme gelöst. Sie lassen die Champagnerkorken knallen und gratulieren einander für ihre exzellente Lösung.

Später fahren sie mit ihren schönen Frauen in ihren teuren Autos zu einer kleinen Party, um sich und ihre Ideen zu feiern. Ihr Einfall zur Problemlösung ist zwar nicht völlig risikolos, aber ziemlich. Der Plan ist auch nicht wirklich legal, aber so ein bisschen tricksen hat noch keinem weh getan.

In den folgenden Jahren klopften sie sich bei ihren Zusammenkünften immer wieder auf die Schulter, ließen die Korken knallen, denn die Idee erwies sich als der leibhaftig gewordene Goldesel. Es war vielleicht der beste Coup, den sie je gelandet hatten.

Mit den Jahren, in denen die Sache reibungslos flutschte wie die Austern, die sie gelegentlich schlürften, vergaßen sie völlig darüber nachzudenken, ob die Geschichte nicht vielleicht doch eines Tages ans Licht kommen könnte. Sie waren so siegessicher wie nur Männer es sein können, deren Gehirne darauf ausgerichtet sind, die sieben Siegel der Elektronik zu knacken und virtuos darauf herum zu spielen.

Erste Zweifel?

Vielleicht aber war alles auch ganz anders und vielleicht hatte der eine oder andere mitunter ein mulmiges Gefühl, wenn er an die millionenfache Täuschung der Kundschaft dachte. Nein, nicht wegen der Leute, die von dem Schwindel unmittelbar betroffen waren, und auch nicht wegen der Völker, denen die Dreckschleudern die Luft verseuchte, sondern aus ganz anderen Gründen.

Denn es ging hier nicht um Unrechtsbewusstsein oder um die Sorge um die Umwelt oder gar Bedauern oder Mitgefühl mit den Geschädigten, nein, es ging einerseits um Profit, um Börsenkurse und Image und andererseits um möglichen Prestigeverlust und all diese unschönen Folgen, die möglicherweise einem Weltkonzern, in dem ein paar Herren ihre kriminellen Energien auslebten, Kopf und Kragen kosten könnten.

Selbst wenn man die Mannschaft, die diese Betrugsmaschinerie ausgeheckt und durchgezogen hat, für fast schon fahrlässig kurzsichtig hält, - so dämlich, dass sie dachten, das könnte auf ewig gut gehen, dürften sie das wohl kaum gewesen sein.

Aber natürlich trüben der phantastische Geruch des Geldes sowie Allmachtfantasien den Blick, natürlich schränkt die Aufwärtsspirale der Karriereleiter das Gesichtsfeld ein, aber wer weiß schon, ob nicht der eine oder andere Albtraum, in dem ein Testlabor die wahren Abgaswerte aufzeigt, so manchem scheinbar skrupellosen Macher nachts den Angstschweiß aus den Poren trieb.

Verschwörungstheorien

Wie auch immer: Am Ende gab es jede Menge Material für die Medienlandschaft, in der spitzfindige Börsianer sich nicht scheuten, die Machinationen der Akteure in eine heimtückische Strategie der USA gegen die vielen Volkswägen in ihrem Land umzudeuten und auch so mancher geprellte Kunde sieht die Fakten lieber als transatlantische Bösartigkeit bevor er sich sein Ideal vom integren Konzern mit dessen honoriger Wertarbeit zerstören lassen will.

Endlich eine Verschwörungstheorie, die man laut aussprechen darf, ohne sofort den Stempel des geistig Verwirrten aufgedrückt zu bekommen.

Und schon werden drohende Arbeitslosigkeit, Imageschaden, Vertrauensverlust sowie ein vielleicht schmähliches Ende der Ära der deutschen Ingenieurskunst und ein womöglich tiefer Fall des Siegels "Made in Germany" gegen den gigantischen Umfang dieses Umweltverbrechens in die Waagschale geworfen.

Umweltverschmutzung wird zur Nebensache

Und irgendwann ist man geneigt zu fragen: Was für Werte werden da eigentlich vertreten?

Doch die frommen Werbesprüche haben ihre Wirkung getan und so mancher Verbraucher betrachtet die bis zu vierzigfach überhöhten Abgaswerte als verzeihlichen Fauxpas, um sogleich in diversen Kommentaren die Frage aufzuwerfen, was denn die ganze Aufregung solle, es gäbe doch Wichtigeres.

Ach ja, es geht ja nur um die Verschmutzung des einzigen Planeten, den wir haben. Den Feinstaub sieht man freilich nicht und ein paar Lungenkranke scheinen weitaus weniger zu schmerzen als die zu Grabe getragene Illusion vom hehren Konzern, der diese wunderbaren, umweltfreundlichen Dieselautos erfunden hat.

Und die Moral von der Geschichte? Sie hat keine.

Das bisschen schlechtes Gewissen beim Gedanken, die Welt zu verpesten, wird man auch künftig perfekt verdrängen können.

Oder kennt vielleicht jemand jemanden, der an Stickoxiden erstickt wäre?

Na also.

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