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Die Öko-Nazis: Wie Völkische Siedler Deutschland unterwandern wollen

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Seit Jahren lassen sich in deutschen Dörfern sogenannte Völkische Siedler nieder. Sie kaufen Höfe und Land, um von dort aus für ihr krudes Gedankengut zu werben. Unsere pluralistische Demokratie lehnen sie ab.

Es handelt sich dabei nicht nur um ein "paar Spinner", sondern um eine gut organisierte Gemeinschaft mit klaren, durchdachten Strategien, und einem festes Ziel: die Grundwerte unseres Zusammenlebens zu untergraben und die Gesellschaft zu einem rassistischen, autoritären Kollektiv umzuformen. Diese Strategie ist weitaus bedrohlicher, als viele annehmen.

Als Leiterin des Regionalzentrums für demokratische Kultur in Rostock arbeite ich in der Prävention gegen alle möglichen Formen des Rechtsextremismus. Wir klären auf, beraten und entwickeln Strategien, wie wir mit rechtsextremen Strömungen umgehen können.

Wir sind sehr kleinteilig vernetzt und haben mit sehr vielen Menschen zu tun, was uns einen guten Überblick über rechtsextreme Aktivitäten verschafft. Bisher suchte man beim Stichwort Rechtsextreme oft nach dem klassischen Glatzkopf, der Hakenkreuzfahne über dem Bett oder dem NPD Parteibuch. Doch seit einiger Zeit müssen wir umdenken. Die Gefahr von Rechtsaußen ist nicht mehr durch so deutliche Embleme für die Öffentlichkeit erkennbar.

Mehr zum Thema: Recherchen zeigen: AfD-Politiker haben Kontakte in die rechtsextreme Szene

Alles begann vor etwa zehn Jahren. Damals häuften sich Berichte über Vorfälle, die es in Schulen und Kitas gegeben hatte. Es tauchten dort Kinder auf, die zunächst nur durch ihre Optik Aufsehen erregten. Die Menschen sagten, sie wirkten wie Zeitreisende aus den 30er Jahren oder assoziierten sie mit den Amish People: Kinder in altmodischer Kleidung, Lederhöschen, die Haare straff gescheitelt.

Völkische Netzwerke

Doch dann fielen sie durch rassistische und antisemitische Äußerungen auf. Schnell wurde klar: da stimmt etwas nicht. Heute wissen wir, dass wir es mit einem neuen Rechtsextremen Phänomen zu tun haben: Völkisch gesinnte Familien, die sich auf dem Land niederlassen, um bei Dorfbewohnern Stimmung für ihre Sache zu machen. Angetrieben werden sie von dem festen Glauben, die Welt zu retten. Es ist eine quasi-religiöse Weltsicht, nach der wir alle von einem historischen Irrtum befreit werden müssen, dem wir durch die pluralistische Demokratie aufsitzen.

Ich nenne sie "Völkisch", um sie von den typischen Skinheads zu unterscheiden. Beides sind Spielarten des Rechtsextremismus, die aber mit unterschiedlichen Strategien operieren. Der Begriff völkisch beschreibt eine Geisteshaltung, die vor allem in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts Verbreitung fand und überhaupt erst den Boden bereitet hatte für die Entwicklung des nationalsozialistischen Terrors.

Diese Haltung ist rassistisch, antisemitisch, will Frauen wieder den Platz am Herd zuweisen und verfolgt ein absolut konformistisches Ideal. Jede Individualität wird unterdrückt.

Es gibt regelrechte Völkische Netzwerke, die nach ganz eigenen Regeln funktionieren Sie begreifen sich selbst als die Elite rechtsextremer Bewegungen und sind dynastisch-patriarchalisch aufgebaut. Es gibt fast so etwas wie Adelslinien mit einer Art Erbfolge und eigener Heiratspolitik. Und die Siedler sind Teil dieser Netzwerke.

Organisiert sind sie dezentral. Man darf sich das also nicht so vorstellen, dass hier vier alte Männer konspirativ um einen Tisch sitzen. Sie halten über moderne Medien und eigene soziale Netzwerke eine enge Verbindung aufrecht, treffen sich aber vor allem auch im Rahmen persönlicher Netzwerktreffen. Bekannt sind zum Beispiel die größeren Veranstaltungen zu Sonnwendfeiern.

Gegen Einwanderer, Juden, Muslime, Homosexuelle und Andersdenkende

Die Familien leben im Alltag relativ abgeschottet und finden gerade in Ostdeutschland ideale Bedingungen vor: Wenig besiedeltes Land, schwer einsehbare Grundstücke, und leerstehende Immobilien zu günstigen Preisen. Eine selbstbewusste Bürgergesellschaft, die den Zugezogenen und ihren Absichten routiniert entgegentreten könnte, entsteht hier auch erst allmählich.

Wenngleich es für vorurteilsbeladene Blicke doch überraschend viele Menschen sind, die sich hier leidenschaftlich für ein vielfältiges und friedliches Miteinander engagieren. Vielleicht ist es hier und da auch einer zögernden Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte und mangelndem Wissen über rechtes Gedankengut in der DDR geschuldet, dass die Siedlerinnen und Siedler sich angezogen fühlten.

Wer aber glaubt, das Problem existiere im Westen nicht, der irrt sich. Auch im Schwarzwald und in Schleswig-Holstein gibt es seit langem völkische Siedler. Sie leben weitgehend autark als Selbstversorger und wollen dabei auf ihre Umgebung wirksam Einfluss nehmen. Denn Trotz der Abgeschiedenheit und der eingeschworenen Gemeinde ist der Gedanke der Missionierung von immenser Bedeutung.

Dabei verfolgen sie bevorzugt eine weiche Strategie, die zunächst nicht unbedingt als Rechte Indoktrinierung in Erscheinung tritt. Diese Leute marschieren nicht in irgendwelche Dörfer ein, überfallen keine Tankstellen und randalieren nicht an Bushaltestellen. Sie präsentieren sich als tadellose, nette Nachbarn. Immer mit einem Lächeln und immer hilfsbereit.

Was sie so gefährlich für uns macht, ist ihr Wille, ihre Opferbereitschaft und ihr langer Atem. Diese Leute planen langfristig. Ein plötzlicher Wandel, ein schneller Umsturz stoßen meist auf Ablehnung. Aber dieses infiltrative Vorgehen ist wie der sprichwörtliche stete Tropfen, der den Stein aushöhlt. Weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit.

Die Siedler überzeugen nicht durch Gewalt, sondern durch Freundlichkeit und Charme. Und gerade mit dieser Strategie sind sie erfolgreich.

Sie schaffen eine Stimmung, in der Respekt vor Andersdenkenden und Andersgläubigen verschwindet. Sie geben den Menschen das Gefühl, dass es jetzt "wieder erlaubt sei, die eigene Meinung zu sagen", gegen Einwanderer, Juden, Muslime, Homosexuelle und ganz allgemein gegen Menschen, die nicht ihrem konformistischen Weltbild entsprechen.

Diese Stimmung nutzen und schüren die Siedler gezielt, und das verbindet sie durchaus mit verwandten Bewegungen, die wir in Deutschland kennen. PEGIDA und AfD sind nicht gleichzusetzen mit den Völkischen Siedlern. Doch man kann sagen, dass da etwas zusammenwirkt.

Es ist sehr besorgniserregend, dass sich das Phänomen der Völkischen Siedler nicht auf Deutschland beschränkt. Die Ausbreitung völkischen Denkens ist in vielen Teilen Europas, zu beobachten. Aktuellstes Beispiel ist die die Ausbreitung der sogenannten "Identitären Bewegung" von Frankreich aus. Und auch in den USA gewinnen Rassismus und Nationalismus völkischer Prägung an Boden.

Die eigene Haltung ins Spiel bringen - für unsere Werte argumentieren

Doch wir können etwas dagegen tun: Die Siedler selbst werden wir zwar wohl kaum von etwas anderem als ihrer eigenen Haltung überzeugen können. Aber wir müssen wach sein, und die eigene Haltung ins Spiel bringen. Wir müssen ihnen, wo auch immer es geht, widersprechen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich diese Leute meist zurückziehen, sobald sie auf Widerstand stoßen. Unser Schweigen erst ermöglicht ihren Erfolg.

Doch dabei ist auch Vorsicht geboten: Voraussetzung ist, dass wir uns die Fähigkeit aneignen, zu argumentieren. Wir müssen uns selbst erklären können, warum unsere Gesellschaft Vielfalt braucht, warum wir Rassismus und Antisemitismus ablehnen. Wir müssen selbst wissen, warum die Gleichheit der Geschlechter ein hohes Gut ist.

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Die Siedlerinnen und Siedler haben gegen eine differenzierte menschenfreundliche Argumentation in der Regel keine Chance. Im Gegenteil. Die Völkischen Positionen erleiden bei gründlicher Ausleuchtung ihrer Konsequenzen fast immer eine krachende Niederlage. Voraussetzung dafür ist aber die inhaltliche Auseinandersetzung mit ihnen. Einfach nur ausgeleierte Parolen zu wiederholen oder lediglich zu schreien "Das sind Nazis!" hat den gegenteiligen Effekt.

Das wird in der Bevölkerung nämlich als Tabuisierung empfunden und so können sich die Rechtsextremen zu regelrechten Helden stilisieren, die endlich aussprechen, was vermeintlich unterdrückt wird. Wenn wir uns auf die Position zurückziehen "das ist eben so", aber selbst keine Begründung dafür liefern können, spielen wir den Rechten in die Hände.

Und genau das ist es, was wir als Zivilgesellschaft nicht verlieren dürfen: Die Fähigkeit, selbst Antworten zu finden auf die Frage, warum die Grundwerte unseres Zusammenlebens nicht zur Disposition stehen. Damit sollte jeder von uns beginnen.

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